Erfindung

Der erste Taschenrechner der Welt ist im KZ entstanden

Die «Curta» ist der erste Taschenrechner der Welt. Seinem Erfinder brachte sie während der Nazizeit Glück.

Die «Curta» ist der erste Taschenrechner der Welt. Seinem Erfinder brachte sie während der Nazizeit Glück.

Vor 75 Jahren wurde die erste mechanische Rechenmaschine zum Patent gemeldet. Der Erfinder der «Curta» ist Curt Herzstark. Er hat sein Werk im Konzentrationslager entworfen - eigentlich als Geschenk für den Führer.

Elektronische Taschenrechner sind heute gang und gäbe. Anfänglich gab es nur schwere mechanische Tischrechenmaschinen. Es war ein steiniger Weg bis zur ersten mechanischen Taschenrechenmaschine. Die Curta, die mit ihrer Kurbel an eine Pfeffermühle erinnert, war ein «Universalrechner im Taschenformat».

Ihr Erfinder Curt Herzstark hat die Maschine bereits vor 75 Jahren patentieren lassen, und 2013 jährt sich sein Todestag zum 25. Mal. Das Museum Enter in Solothurn widmet der Curta deshalb eine Sonderausstellung. Spannend ist nicht nur die Maschine selber, sondern auch ihre Entwicklung im KZ Buchenwald – als vermeintliches Geschenk für Adolf Hitler –, und der traurige Lebenslauf ihres Erfinders macht betroffen. Davon zeugen die Lebenserinnerungen von Herzstark, die seine Lebensgefährtin Christine Holub 2005 unter dem Titel «Kein Geschenk für den Führer» herausgegeben hat.

Berlin und die Anfänge

Die erste wegweisende Erfindung des österreichischen Ingenieurs Curt Herzstark war der 1928 in Berlin ausgestellte Multimator. Das war ein weltweit einzigartiger Rechenautomat, «der eingetippte Beträge in bis zu 30 Kolonnen speichert, horizontal und vertikal nach Bedarf addiert oder subtrahiert», heisst es in den Lebenserinnerungen von Herzstark. Der Firmenprospekt sprach von einer «automatisch kreuzweise addierenden Vielzählwerksmaschine». Bis 1937 wurden gegen 400 Maschinen verkauft. Die herkömmlichen Rechenmaschinen wogen allerdings mehrere Kilos. Die Kundschaft wünschte daher zunehmend leichte, handliche Geräte. Rechenschieber waren ungenau und eigneten sich nicht für die Addition und die Subtraktion.

Ab 1928 befasste sich Herzstark deshalb mit der Entwicklung einer kleinen Vierspezies-Taschenrechenmaschine. Vierspeziesmaschinen sind Geräte, die alle vier Grundrechenarten Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division beherrschen. Der Grundaufbau stand um 1930 fest. Subtraktion und Division bereiteten beim Einbau der herkömmlichen Staffelwalze in eine Zylinderform aber schier unlösbare Probleme. «Die Lösung wollte und wollte mir nicht einfallen», schreibt Herzstark in seinen Lebenserinnerungen.

Der Trick mit der Addition

In einem plötzlichen Geistesblitz kam dem Ingenieur dann die Lösung: Die Subtraktion lässt sich in einem geschickten Additionsverfahren vortäuschen. «Ich habe mir also gedacht, dass es möglich sein müsste, die Staffelwalze so anzulegen, dass sie in einer Stellung die normale Rechenleistung durchführt, in einer zweiten durch Axialverschiebung die Komplementärzahlen dazuzählt, die dann als Subtraktions- beziehungsweise Divisionsergebnis im Resultatwerk erscheinen, schreibt Herzstark. Und weiter: «Wenn es mir gelänge, das technisch zu lösen, wäre die Vierspezies-Taschenrechenmaschine Wirklichkeit.»

In Wien liess Herzstark im elterlichen Betrieb ein erstes grobes Versuchsmodell einer Vierspezies-Taschenrechenmaschine bauen. Da es funktionsfähig war, meldete er im Frühjahr 1938 beim Wiener Patentamt die beiden grundlegenden Erfindungen an. Wegen der unsicheren politischen Lage – Einmarsch Hitlers in Österreich – gab er allerdings nicht alle Geheimnisse preis.

Und die Nazis hatten tatsächlich ein Interesse an der Rechenmaschine. 1943 wurde der «Halbjude» Herzstark unter fadenscheinigen Gründen verhaftet. Auf Geheiss der Nazis entwarf er dann die Curta im Konzentrationslager Buchenwald. In seinem Lebensbericht schildert Herzstark die grauenvollen, unmenschlichen Verhältnisse in dem grossen bei Weimar gelegenen KZ. Dass er das Arbeitslager überlebte, ist wohl nicht zuletzt seiner schöpferischen Begabung zu verdanken, die den Nazis genau bekannt war.

Die Befreiung aus dem KZ

Im Wilhelm-Gustloff-Werk, einem Rüstungsbetrieb, wurde er gezwungen, mit Bleistift Skizzen für seine Taschenrechenmaschine zu zeichnen. Sie sollte ein Geschenk für den Führer werden. Nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald wurde Herzstark zum technischen Direktor der Zweigstelle Sömmerda der Berliner Rheinmetall-Borsig AG ernannt. Hier liess er auf seine Kosten Versuchsmodelle anfertigen. Nachdem das Gebiet von der amerikanischen zur sowjetischen Besatzungszone übergegangen war, wurde Herzstark bespitzelt. Die Lage wurde immer heikler. Es drohte eine Entführung nach Russland.

1945 gelang ihm eine gefährliche Flucht aus Thüringen. Er entging in Weimar nur mit viel Umsicht und Glück den russischen Häschern. Mit drei Prototypen und den Konstruktionszeichnungen in einem kleinen Koffer kehrte er über Prag nach Österreich zurück. In Wien wurde ihm bewusst, dass ihm das väterliche Erbe, das Rechenmaschinenwerk Austria, Herzstark & Co., verwehrt wurde. Vor dem Krieg war vereinbart worden, dass er die 1906 ins Gewerberegister eingetragene Firma übernehmen würde.

Von Wien aus fragte Herzstark zahlreiche Schweizer Unternehmen um Unterstützung an. Ernst Jost, der damalige Direktor der Zürcher Firma Precisa, machte ihm ein verlockendes Angebot. Herzstark zog es allerdings vor, einen Betrieb von Grund auf nach eigenen Vorstellungen aufzubauen. Was er später bitter bereute. Auch das landwirtschaftlich geprägte Liechtenstein war auf der Suche nach einträglichen Innovationen. So wurde Herzstark 1946 auf Schloss Vaduz vom Fürsten Franz Josef II. empfangen, der ihn zur Übersiedlung ins Rheintal bewegte.

Neubeginn in Liechtenstein

Herzstark meldete einen Kapitalbedarf zwischen 3,5 und 4 Millionen Schweizer Franken für den Aufbau der Fabrikation (ohne Grundstück und Gebäude) an. Der Fürst hatte eine Finanzgesellschaft, die Administrationskontor AG, ins Leben gerufen. Zur Verfügung stand aber nur ein Aktienkapital von 1 Million Franken. «Es war, als hätte der Teufel die Hand im Spiel», beklagte sich der mittellose Herzstark. Das Fürstenhaus spielte eine trübe, undurchsichtige Rolle, die Versprechungen wurden nicht eingehalten. Die Entscheidungsbefugnisse lagen bei dem hinterlistigen Administrationskontor. Es kam zu üblen Machenschaften. Und stets fehlte es an Geld.

Die Serienfertigung wurde um die Jahreswende 1948/49 aufgenommen. Zunächst hiess die Maschine Liliput, anschliessend Contina. Der endgültige Name war bald Curta.

Betrogen um sein Lebenswerk

Der hintergangene Herzstark schied bereits Ende 1951 aus dem verschuldeten Unternehmen aus. Schon ab Ende 1950 hatte er den Betrieb wegen eines schwerwiegenden Patentstreits nicht mehr betreten dürfen, er wurde krankgeschrieben. Der Erfinder wurde von geldgierigen Geschäftsleuten um sein Lebenswerk betrogen. Bis Ende 1956 war Herzstark noch beratend (vor allem im Vertrieb) tätig. Die Serienfertigung der Curta II begann erst nach Herzstarks Ausschaltung. Wegen der mangelhaften Vermarktung konnten nur 140 000 Curtas I und Curtas II abgesetzt werden. 1965 wurde die Contina AG von der Schaaner Hilti übernommen. 1970 wurde die Produktion der Taschenrechenmaschine eingestellt.

Auch im Privatleben von Curt Herzstark ging manches schief. Seine Ehe war eher unglücklich, Frau und Kinder zogen nach Wien. Herzstark selber starb 1988 im liechtensteinischen Nendeln.

*Herbert Bruderer ist pensionierter ETH-Dozent für Fachdidaktik Informatik

Die Sonderausstellung zur Curta im Museum Enter in Solothurn läuft noch bis Ende September. www.enter-online.ch

Curt Herzstark «Kein Geschenk für den Führer». Herausgegeben von Christine Holub. 292 Seiten, Books on Demand GmbH, Norderstedt 2005. Fr. 41.30.

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