Wenn die chinesische Führung auf höchster Ebene ein solches Ziel ausgibt, dann hat das nicht nur Signalwirkung. Es fliessen Fördermilliarden, Provinzen überbieten sich bei der Ansiedlung von Tech-Firmen. An den Schulen gibt es bereits Einführungskurse in künstlicher Intelligenz (KI). Mit Erfolg: Gemäss einer Studie der japanischen Ingenieurfirma Astamuse meldet China bereits die weltweit zweitmeisten KI-Patente an – nur in den USA sind es mehr. Allein in Peking haben sich mittlerweile über 400 KI-Firmen angesiedelt.

Äusserst wertvolle Datenfülle

Der Rohstoff für KI-Anwendungen heisst: Big Data. Und in keinem Land der Welt ist es möglich, ungehemmt so viele Daten der Nutzer zu sammeln wie in China. Der Staat sorgt selbst dafür, dass sich ein kritisches Bewusstsein in der Bevölkerung nur zögerlich herausbildet. Das hängt unter anderem mit dem Social-Scoring-System zusammen, an dem die Regierung derzeit bastelt. Dieses soll das Verhalten jedes einzelnen Bürgers sowohl im Netz als auch im realen Leben genau unter Beobachtung stellen und entsprechend auswerten. Wer sich vorbildlich verhält, dem winken Prämien. Wer hingegen aus Sicht der kommunistischen Führung dem Bild eines Musterbürgers nicht entspricht, muss mit Strafen rechnen.

Das Bewertungssystem, das in mehreren Pilotregionen bereits ausprobiert wird, will die Regierung Ende 2019 auch in der Hauptstadt Peking einführen. Diese Datenfülle ist von unschätzbarem Wert, nicht nur für den Staat, sondern für alle erdenklichen Branchen. In der Fahrzeugtechnik etwa nützen die Chips von Horizon Robotics dem selbstfahrenden Auto; Audi kooperiert bereits mit der Pekinger Firma. Aber auch das Militär ist an dieser Technik interessiert. Die chinesische Volksbefreiungsarmee ist dabei, Killer-Roboter mit Schwarmintelligenz produzieren zu lassen. Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers spricht treffend von einem «KI-Rüstungswettlauf» zwischen China und den USA. Weit wichtiger als der aktuelle Handelskrieg sei der im Hintergrund ablaufende Krieg um «Forschung, Investitionen und fähige Köpfe». «Die grossen Nationen werden sich in KI messen», lautet die Vorhersage der Analysten.

Die Europäer tauchen als ernsthafte Konkurrenten um die strategisch-wirtschaftlichen Schlüsselanwendungen bislang nur am Rande auf. Dabei haben insbesondere Schweizer Forscher die KI-Forschung geprägt. «Grundlegende KI-Algorithmen sind in der Schweiz entwickelt worden», sagt Jürgen Schmidhuber, wissenschaftlicher Direktor beim Dalle-Molle-Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz (IDSIA) in Lugano, einer der weltweit führenden KI-Forschungseinrichtungen. «Die Schweiz muss nicht auf einen Zug aufspringen, der von anderen gefahren wird, denn genauso wie beim Internet und beim selbstfahrenden Auto wurde das Fundament für künstliche Intelligenz nicht in Amerika oder Asien, sondern nördlich der Alpen gelegt», sagt Schmidhuber.

Die Deutschen gelten zwar als führend bei Spezialanwendungen wie Maschinensteuerungen, haben jedoch nach Ansicht der Wettbewerber das Problem, die Grundlagenforschung nicht schnell genug in die Praxis umzusetzen. Die kürzlich von der Bundesregierung beschlossenen Ausgaben von 3 Milliarden Euro über mehrere Jahre sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein. In China gibt allein die Stadt Peking so viel aus. Und auch die Schweiz sollte nach Ansicht von Schmidhuber «erhebliche Anstrengungen unternehmen, um mithilfe von KI-Forschung die Zukunft mitzugestalten, statt nur mitzuschwimmen».

Anwendungen haben Macken

Vieles von der gepriesenen KI-Technologie ist auch in China freilich noch Zukunftsmusik – oder wird es für immer bleiben. Dass die Anwendungen offenbar noch Macken haben, bekam vor kurzem ausgerechnet eine landesweit bekannte, aggressive Befürworterin von Pekings Überwachungsplänen zu spüren, die Unternehmerin Dong Mingzhu. Das Kamerasystem der Polizei Ningbo, in dem seit vergangenem Jahr auch die Gesichtserkennungssoftware installiert ist, soll eigentlich Fussgänger, die bei Rot über die Ampel gehen, identifizieren. Foto und Name werden dann auf grossen Bildschirmen angezeigt, um Verkehrssünder an den Pranger zu stellen. Als jedoch ein Bus ordnungsgemäss eine Kreuzung überquerte, prangte plötzlich Dongs Bild auf dem Bildschirm – dabei war sie gar nicht vor Ort. Der Grund: An dem Bus war eine Werbung mit dem Foto der 64-Jährigen angebracht, was die Kamera prompt missverstand. «Ein Eigentor», schrieb die Polizeibehörde in einer Mitteilung – und entschuldigte sich bei der Unternehmerin.