Bertrand Piccard

Bertrand Piccard: «Künftige Generationen werden uns verwünschen»

Abenteurer Bertrand Piccard spricht im Interview über seinen Flug um die Welt im 2015 mit dem Solarflugzeug «Solar Impulse 2». Er will die Leute ermutigen, das Unmögliche möglich zu machen, ihnen zeigen, was mit erneuerbaren Energien möglich ist.

Hoch über dem Genfersee thront das Haus von Bertrand Piccard. Die Aussicht auf das ruhige Blau und die verschneiten Gipfel laden zum Träumen ein. Wohl deshalb hat er sein Arbeitszimmer im hinteren Teil des Hauses eingerichtet.

Unzählige Flugzeugmodelle, Weltkarten und Globen erinnern hier an die Abenteuer der Familie Piccard: Sein Grossvater flog mit einem Ballon in die Stratosphäre, sein Vater tauchte an die tiefste Stelle des Meeres, er selber flog im Ballon um die Welt - und will das 2015 mit einem Solarflugzeug wiederholen.

Herr Piccard, als was wollen Sie in die Geschichte eingehen?

Bertrand Piccard: Als Pionier einer neuen Art des Denkens. Ich überlege mir, wie jeder Einzelne besser leben kann. Und wie es damit unserem ganzen Planeten besser gehen könnte.

Und dazu braucht es Abenteuer?

Wenn ich morgens aufstehe und sage, ich möchte über die Menschheit sprechen, würde mir niemand zuhören. Meine Projekte interessieren jedoch viele und erlauben mir deshalb, über das Essenzielle zu sprechen.

Wie wird man Abenteurer?

Ich sehe mich mehr als Erforscher denn als Abenteurer. Abenteurer machen spektakuläre Dinge, während Erforscher etwas Neues anpacken und dazu die Dinge neu denken. Genau das ist es, was Menschen normalerweise nicht tun. Wir sind gefangen in unseren Gewohnheiten. Dabei müssten wir öfters aus unserer Bequemlichkeit ausbrechen. Darin ist das Leben zwar schön, aber nutzlos. Das gilt auch in der Familie: Ohne Entwicklung wird jede Beziehung irgendwann langweilig.

Viele Menschen leben glücklich ohne Veränderungen.

Das ist das Problem der westlichen Welt. Wir leben in der Vergangenheit und sagen: Alles ist gut. Wir sind bequem und faul. Wenn ich nach Asien gehe, merke ich sofort, warum die Leute dort heutzutage so erfolgreich sind. Sie stehen am Morgen auf und fragen sich: Wie können wir uns noch verbessern? Wie können wir mehr leisten?

Wie stark haben Ihr Grossvater und Ihr Vater die Abenteuerlust in Ihnen geweckt?

Klar hat das mit meiner Erziehung zu tun. Bei uns zu Hause verkehrten ständig Astronauten, Taucher, Forscher. Deshalb habe ich schon als Kind immer alles hinterfragt – ein Albtraum für meine Lehrer (lacht)! Ich wollte nie auswendig lernen, ich wollte verstehen. Deswegen bin ich Psychiater geworden. Es ist einfacher, das Leben zu verstehen, wenn man weiss, wie andere Menschen denken. In der Religion ist es das Gleiche: Wer Buddhismus und Judentum kennt, der versteht auch das Christentum besser.

Sind Sie religiös?

Ich glaube an den Gott, der die Menschen erschaffen hat. Aber ich glaube nicht an den Gott, den die Menschen erschaffen haben. Viele kreieren sich einen Gott mit menschlichen Eigenschaften, obwohl man einen Gott gar nicht mit menschlichen Charakteren beschreiben kann.

Sie sind 55. Macht Ihnen das Älterwerden Mühe?

Das Alter verändert jeden Menschen. Wer mit 80 noch immer so denkt wie mit 20, der hat im Leben nicht viel bewirkt. Das Alter hat auch seine Vorteile. Klar fliege ich heute keine Loopings mehr mit Hängegleiter, aber in jungen Jahren hatte ich dafür die Reife noch nicht, um ein Projekt wie «Solar Impulse» anzupacken. Mit dem Alter beginnt man, mehrstufige Dinge zu konstruieren. Erst wenn man das nicht mehr macht, ist man alt. Ich schreibe momentan ein Buch über die Psychologie des Lebens. Das ist für mich auch ein Abenteuer. Zwar keine körperliche Herausforderung, aber es ist eine komplett neue Situation. Ich sitze vor einem weissen Blatt und frage mich: Was denke ich? Was fühle ich? Und das versuche ich dann niederzuschreiben.

Wovon leben Sie eigentlich?

Von Vorträgen. Bei «Solar Impulse» habe ich keinen Lohn. Ich möchte völlig unabhängig sein. Die Sponsoren sollen mein Projekt unterstützen und nicht mein Leben finanzieren.

«Solar Impulse» ist ein gutes Stichwort: Ihre längste Etappe während der Weltumseglung dauert 72 Stunden. Mitte Dezember haben Sie diese Zeit in einem Simulator erlebt. Wie haben Sie das überstanden?

Ich fühlte mich wunderbar! 72 Stunden lang zu Hause zu sitzen, hätte mich gelangweilt. Aber während dieses Erlebnisses war ich in einer anderen Welt. Ich habe gelernt, dass wir viel mehr leisten können, als wir denken. Der Mensch hat unglaublich viel Energie, wenn er sie braucht. Die kurzen Ruhepausen von 20 Minuten reichten dank der Autohypnose zur Erholung völlig aus.

Wie funktioniert diese Hypnose?

Sie erlaubt mir, mich viel besser auszuruhen, ohne aber in einen Schlaf zu verfallen. Die Hypnose besteht darin, Körper und Kopf zu trennen. Im Kopf merkt man, dass man wach ist, der Körper dagegen ruht sich aus. Falls nötig, bin ich innert einer Sekunde fähig, das Steuer des Flugzeugs zu übernehmen.

Was möchten Sie mit dem Solarflug um die Welt erreichen?

André Borschberg (der 2. Pilot, Anm. d. Red.) und ich wollen die Leute ermutigen, das Unmögliche möglich zu machen! Wir wollen zeigen, was mit erneuerbaren Energien möglich ist.

Werden eines Tages Linienflüge mit Solarenergie fliegen?

Ich wäre verrückt, mit Ja zu antworten, aber dumm, Nein zu sagen. Als Charles Lindbergh 1927 als erster Mensch den Atlantik überflog, war er ganz alleine. Damals hätte niemand gedacht, dass eines Tages 300 Leute in einer Maschine in die USA fliegen. Ich weiss nicht, wie sich die Technologie entwickeln wird. Schon heute könnten wir mit den Technologien von «Solar Impulse» 50 Prozent des täglichen Stromverbrauchs eliminieren, wenn wir die neuen Technologien optimal nutzen würden. Wenn wir alle Glühlampen der Schweiz durch LED-Leuchten ersetzen, sparen wir ein Atomkraftwerk ein. Wenn wir alle Elektro-Heizungen durch Wärmepumpen ersetzen, sparen wir ein Zweites ein.

Wieso machen wir es dann nicht?

Wegen der Gewohnheiten. Die Menschen merken nicht, dass sie etwas ändern müssen, oder aber sie schieben es auf später hinaus. Aber ich sage Ihnen: Wenn Sie Ihr Geld in das Sparen von Energie investieren, ist das einiges rentabler, als wenn Sie an die Börse gehen.

Auf der ganzen Welt wird momentan Energie verschwendet. Werden künftige Generationen uns dies vorhalten?

Sie werden uns verwünschen, dass wir die Ressourcen unseres Planeten innert eines Jahrhunderts verbraucht haben. Wir verschwenden die Ressourcen derart, dass wir in einigen Jahrzehnten keine Computer und keine Mobiltelefone mehr herstellen können. Die Leute sind nicht dumm, sie wissen, was sie machen. Aber Auswirkungen, die erst in zwanzig Jahren eintreffen, haben ganz einfach keine Priorität.

Was halten Sie von der Energiewende, die der Bundesrat anstrebt?

Das ist ein wunderbarer Schritt. Zum ersten Mal steht nun ein konkreter Plan, in Zukunft auf erneuerbare Energien zu setzen. Ich bewundere den Mut von Doris Leuthard und ihrer Kollegen. Aber es ist paradox: Die Personen, die sich am vehementesten gegen die Energiewende auflehnen, sind die Grünen und die Umweltschützer, die jahrzehntelang dafür kämpften. Jetzt steht plötzlich der Schutz der Landschaft im Vordergrund. Ich verstehe das nicht: Wir müssen Prioritäten setzen.

Letztlich ist die Schweiz nicht entscheidend – und Schwellenländer wie Indien oder China denken zuerst an ihren eigenen Wohlstand.

Wir werden uns noch wundern. Die Chinesen starten mit Rückstand, aber sie werden uns überholen. Schon jetzt produziert China weltweit am meisten Solarzellen. China wird aber auch in Sachen Wirtschaftsleistung und Wohlstand an uns vorbeiziehen. Am Mittwochabend haben die Chinesen bereits das geleistet, was die Franzosen in einer ganzen Woche tun. Und wenn wir in der Schweiz mit solch dummen Abstimmungen weitermachen wie zum Beispiel sechs Wochen Ferien, werden wir bald so desolat dastehen wie Frankreich. Zum Glück haben die Schweizer diese Vorlage abgelehnt. Das zeigt die Reife unseres Landes. Was mir hingegen Sorgen macht: Auch in der Schweiz wird es Mode, die Reichen anzugreifen. Das ist völlig falsch. Man muss den Armen helfen, reicher zu werden. Und nicht die Reichen ärmer machen.

Haben Parteien angefragt, ob Sie in die Politik einsteigen wollen?

Oh ja, alle. Wirklich, von rechts bis links. Aber ich passe in keine Partei.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1