Flugabenteuer

Bertrand Piccard: 72-Stunden-Dauersitzen für die Weltumrundung

Der Romand Bertrand Piccard bereitet sich in Dübendorf auf seine Weltumrundung im Solarflugzeug vor. Dabei sitzt er 72 Stunden lang alleine in einem kleinen Cockpit. Er schläft nur häppchenweise.

Wie ein grauer Vorhang hängt der Nebel über dem Flugplatz von Dübendorf. Die Startpiste verliert sich irgendwo im Dunst. Geradezu verträumt wirkt die Szenerie.

Doch der Schein trügt: In der Halle drei wird an einem Flugzeug herumgeschraubt, Experten notieren sich Zahlen in eine Tabelle. Pünktlich um acht Uhr am Dienstagmorgen startete Abenteurer Bertrand Piccard hier seinen Simulationsflug im Cockpit des Flugzeuges «Solar Impulse», mit dem er 2015 die Welt umrunden will (siehe Kontext). 72 Stunden wird seine längste Etappe dauern, 72 Stunden sitzt er deshalb auch jetzt alleine im nur gerade 4,3 Kubikmeter kleinen Cockpit. Es bietet gerade einmal Platz für die technischen Apparaturen und den Sitz, auf welchem der Pilot die drei Tage verbringt.

Sitz aus Luftkissen

«72 Stunden auf dem gleichen Stuhl zu sitzen, ist schon eine immense Belastung für den Körper», weiss Roland von Ballmoos von der Firma Lantal, die Sitze für Flugzeuge herstellt. Das Unternehmen aus Langenthal hat einen Stuhl hergestellt, der Piccard so viel Komfort wie möglich erlauben soll. Dank eines luftgefüllten, anpassungsfähigen Kissens anstelle des herkömmlichen Schaumes geniesst Lantal eine Pionierrolle in der Welt der Flugzeugstühle. Seit 2009 setzen mehrere Fluggesellschaften auf die Sitze aus Langenthal.

«Das Luftkissen ist in horizontaler Stellung eher hart, wird aber weicher, wenn der Passagier den Sitz verstellt», erklärt von Ballmoos. Piccard kann zudem den Winkel zwischen Sitzfläche und Lehne nach Belieben verstellen. «Die Verstellung des Sitzes ist während des Fluges schliesslich seine einzige Bewegungsmöglichkeit.» Die ersten Reaktionen von Piccard nach rund vier Stunden fallen positiv aus. «Der Sitz ist extrem angenehm», lässt er via Funk verlauten, «die integrierte Massagefunktion ausgezeichnet.»

Sportübungen im Sitzen

Auch die Toilette ist in den Sitz hineingebaut, wie von Ballmoos stolz erklärt: «Das mittlere Kissen unter dem Gesäss lässt sich herausnehmen.»

Alle drei bis vier Stunden darf sich Piccard eine kurze Schlafpause von knapp zwanzig Minuten gönnen. Um die Konzentration aufrechtzuerhalten und die Blutzirkulation anzuregen, haben Experten ein Sportprogramm zusammengestellt – viel ist auf dem engen Raum aber nicht möglich. Obwohl die Zeit im Cockpit minutiös geplant ist, wehrt sich Piccard gegen zu viele Vorschriften: «Bei solchen Versuchen hat man oft den Drang zu einem zu detaillierten Programm. Ich muss da etwas freier sein.» Während des Simulationsflugs ist allerdings jede Sekunde völlig durchgeplant. Im vorderen Teil der Halle wird am Flugzeug gebastelt, vor dem Flugsimulator werten Experten sämtliche Daten aus.

Rollenwechsel für den Psychiater

Piccard wird auf seiner Reise weiteren Hindernissen begegnen: Die Temperatur im Cockpit kann zwischen minus zehn Grad Celsius und dreissig Grad Celsius variieren. Nicht nur der Körper ist diesen Bedingungen ausgesetzt, auch bei der Zusammenstellung der Nahrungsmittel achteten Forscher von Nestlé auf die optimale Haltbarkeit bei Temperaturschwankungen. Dabei muss Piccard keineswegs an chemischen Pillen und Pülverchen satt werden. «Zum Frühstück habe ich heute Cornflakes gegessen», erzählt Piccard. Wichtig ist, dass ihm die Speisen auch tatsächlich schmecken. Auch auf warme Mahlzeiten muss der 55-Jährige nicht verzichten. Dank eines Systems ähnlich dem Handschuhwärmer beim Skifahren, kann Piccard seine Speisepakete brechen und dadurch aufwärmen.

Reaktionstests, Pulsmessungen, Urintests – Piccard wird während des Simulationsflugs auf Herz und Nieren getestet. «Normalerweise bin ich in der Rolle des Untersuchenden, nun bin ich plötzlich der Patient», sagt der Psychiater lachend. Seine Berufserfahrung kommt ihm während des Flugs entgegen: «Die Simulation hat viel auch mit meinem Beruf zu tun, das ist für mich unheimlich spannend.» Zudem vertraut er während des Flugs auf Selbsthypnose: «Sie erlaubt mir, Ängste und Gefühle zu kontrollieren.» Die Methode helfe ihm auch, um in kurzer Zeit wieder neue Kräfte zu tanken. Kräfte, welche Piccard auf seiner Reise sicherlich gebrauchen kann.

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