Und wieder ein Abgasskandal. Aktuell steht Daimler in der Kritik getrickst zu haben. Der Autohersteller soll fast ein Jahrzehnt lang Fahrzeuge mit einem unzulässig hohen Schadstoffausstoss verkauft haben. Vor zwei Jahren rüttelte bereits der VW-Abgasskandal gehörig am Image von Dieselautos. Nun stellt sich heraus, dass moderne Benzinautos die weitaus grösseren Sünder sind – zumindest was den Gehalt an bestimmten krebserregenden Substanzen angeht. Zu diesem Schluss kamen Wissenschafter der Forschungsanstalt Empa und des Paul-Scherrer-Instituts in zwei unabhängigen Untersuchungen.

Die Motoren wurden in der Smogkammer des Paul-Scherrer-Instituts und im EU-Forschungszentrums JRC in Italien getestet.

Die Motoren wurden in der Smogkammer des Paul-Scherrer-Instituts und im EU-Forschungszentrums JRC in Italien getestet.

Die Empa-Forscher prüften in standardisierten Testfahrten sieben weit verbreitete Benzinautos. Am PSI wurden die Abgase von elf Benzinern im Labor analysiert und mit jenen von sechs modernen Dieselautos verglichen. Beide Untersuchungen konzentrierten sich bei den Benzinautos vor allem auf Modelle mit Direkteinspritzung. «Diese werden immer populärer», sagt der Chemiker Norbert Heeb, der die Empa-Studie geleitet hat. Voraussichtlich fahren bis ins Jahr 2020 europaweit 50 Millionen Direkteinspritzer auf den Strassen, schätzen Fachleute.

Krebserregende Schadstoffe

Umso alarmierender sind die Resultate der Abgasuntersuchungen: Zwar stossen die modernen Benziner 10-mal weniger Stickoxide aus als Dieselautos – jedoch 10- bis 100-mal mehr feine Russpartikel. Eines der Modelle, ein Mitsubishi, setzte gar 150-mal mehr Russ frei.

Die freigesetzten Russpartikel sind gefährlich: Sie sind nur wenige Millionstel gross und gelangen mit dem Atem in die Lunge. «Einmal eingeatmet, bleiben sie für immer im Körper», sagt der Empa-Chemiker Heeb. Giftig sind die Partikel vor allem, weil an ihnen krebserregende Substanzen haften, beispielsweise das Benzoapyren. So lag bei drei der Testwagen der Anteil an Benzoapyren mehr als 1000-fach über dem EU-Grenzwert für saubere Luft. «Anders gesagt, ein Kubikmeter Abgas macht aus über 1000 Kubikmetern sauberer Luft eine krebserregende Mischung», erklärt Heeb.

Die Ergebnisse der Forscher.

Eine weitere schlechte Nachricht förderte die Analyse der PSI-Forscher zutage. Sie untersuchten neben den direkten Abgasen auch deren weiteren Einfluss auf die Atmosphäre. Denn giftige Partikel entstehen nicht nur direkt bei der Verbrennung, sondern auch später, wenn bestimmte gasförmige Schadstoffe mit Substanzen aus der Luft reagieren. Solche Folgeprodukte machen 60 bis 70 Prozent des gesamten Feinstaubs in der Luft aus, sagt André Prévôt, Leiter der Untersuchung am PSI. «Sie können sich in der Luft stark verbreiten, beispielsweise vom Stadtverkehr bis in ländliche Gebiete.»

Eigentlich sollte der Katalysator die Freisetzung der flüchtigen Stoffe verhindern. Doch bevor dieser sich aufgewärmt und seine Betriebstemperatur erreicht hat, entschlüpft eine riesige Menge der gefährlichen Gase, zeigten die Messungen. Besonders hoch ist der Schadstoffausstoss deshalb zu Beginn einer Fahrt. «Die Menge an flüchtigen Substanzen, die in den ersten 40 Sekunden ins Freie gelangt, ist grösser als der Ausstoss einer stundenlangen Fahrt», sagt Prévôt. Noch mehr der Schadstoffe entweichen zudem bei Minustemperaturen, also im Winter. «Das liesse sich leicht verhindern, indem man den Katalysator vorheizt», empfiehlt Prévôt. Das Vorheizen müsste allerdings schnell gehen – und nicht zu viel Energie benötigen. «Man muss etwas Schlaues erfinden», sagt Prévôt, «falls man überhaupt bei Benzinmotoren bleiben will.» Er fordert zudem, dass Autohersteller bei Benzin-Direkteinspritzern künftig Partikelfilter einbauen, um die direkt entstehenden Russteilchen abzufangen.

Filter auch bei Benzinern nötig

Auch für den Empa-Chemiker Norbert Heeb ist unverständlich, dass moderne Benzinautos nicht längst mit Partikelfiltern bestückt sind. «Die Benzin-Direkteinspritzer verbrennen den Treibstoff auf ähnliche Weise wie Dieselmotoren», erklärt Heeb, «deshalb entstehen auch dieselben Schadstoffe.» Nur: Bei Dieselautos sind längst serienmässig Partikelfilter eingebaut. Hingegen ist das bei Benzinern bisher nicht nötig, weil die Abgas-Grenzwerte so hoch angesetzt sind, dass sie sich auch ohne Filter einhalten lassen. «Dabei hätten wir die Technologie dafür seit 20 Jahren», sagt Heeb. Es könnten genau die gleichen Partikelfilter eingesetzt werden wie für Dieselautos. «Man müsste die Autobauer einfach zwingen, diese einzubauen.» Das versucht man nun – ab dem nächsten Jahr soll der EU-Grenzwert zumindest für neu zugelassene Modelle mit Benzin-Direkteinspritzung etwas verschärft werden.

Und was ist nun mit dem grossen Stickoxid-Ausstoss der Dieselmotoren? Entgegen der Feinstaubbelastung in der Luft, welche in den letzten Jahren gesunken ist, blieb jene der Stickoxide unverändert. «NO2 ist auch toxisch, und auch diese Moleküle können sich in noch toxischere Komponenten umwandeln und tragen zum Ozon bei», sagt Prévôt. «Aber dass NO2 der Gesundheit schadet, scheint weniger klar.» Feinstaub und Stickoxide sind schwierig zu vergleichen, aber Prévôt sagt: «Wenn ich ein Auto kaufen müsste, würde ich eher einen modernen Dieselwagen kaufen als einen modernen Benziner.» Er prophezeit, dass diese neuen Erkenntnisse besonders in Frankreich hohe Wellen werfen könnten, wo alle Dieselautos und nicht nur alte in den letzten Jahren verteufelt wurden. «Beide Technologien sind nicht optimal», bilanziert Prévôt. Er würde sich ein Elektroauto kaufen.