Herr Khatami, man sagt, der Schlaf sei des Todes kleiner Bruder. Was aber bedeutet Schlaf für das Leben?

Ramin Khatami*: Schlaf ist die Voraussetzung für Leben. Ohne zu schlafen, könnten wir wahrscheinlich nicht überleben. Dieser Zusammenhang ist aber komplex und noch nicht im Detail geklärt wie jener zwischen Hunger, Essen und Überleben. Wir wissen aber von Tieren, dass sie sterben, wenn man sie am Schlafen hindert.

Im Schlaf passiert ja ganz viel. Geht es vor allem um Regeneration?

Darüber wissen wir noch gar nicht so viel. Von einem Tag mit 24 Stunden schlafen wir ungefähr einen Drittel, und die Facetten an verschiedenen Erlebnissen im Schlaf sind so vielfältig wie jene in der Wachzeit. Regeneration ist wahrscheinlich essenziell: Wenn wir nicht gut schlafen, fühlen wir uns schlecht. Schlaf ist also für alle Körperfunktionen wichtig. Für uns Schlafforscher gilt jedoch der grosse Spruch: «Schlaf kommt vom Gehirn und ist für das Gehirn.»

Welche Rolle spielt denn das Träumen dabei: Unterstützt es das Gehirn beim Verarbeiten?

Lange Zeit galt die Hypothese, dass wir uns in Träumen mit Tagesinhalten beschäftigen und sogar Konflikte des Tages verarbeiten. Neuere Thesen gehen hingegen davon aus, dass Träume uns auf den Tag vorbereiten. Dies würde bedeuten, dass uns ein starker Angsttraum auf Angstsituationen im echten Leben vorbereitet. Man könnte sagen, dass man Angst im Traum gefahrlos üben kann.

Bleibt die Rolle von Träumen im Lauf eines Lebens gleich?

Kinder erleben öfter Angst- oder Albträume, was die These stützen würde, dass Emotionen im Traum trainiert werden müssen. Bei älteren Menschen können der Alterungsprozess oder Krankheiten die Trauminhalte verändern. So ist in der Schlafmedizin die sogenannte «REM-Schlaf-Verhaltensstörung» bekannt, die sich oft mit heftigen Bewegungen im Schlaf äussert. Sie kann als Frühstadium von neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz oder Parkinson auftreten.

Messungen zeigen, dass sich körperliche Abläufe nur im Schlaf abspielen.

Tatsächlich zeigen ganz aktuelle Messungen, dass vor allem im Gehirn – und wahrscheinlich im ganzen Körper – während des Schlafs die Räume zwischen den Zellen geöffnet werden. Dadurch können die ganzen Abfallprodukte, die den ganzen Tag über durch den Stoffwechsel anfallen, abtransportiert werden.

Und was passiert bei Schlafmangel?

Dann bleiben die Abfallprodukte in den Zellen. Schlafmangel kann deshalb zu schweren gesundheitlichen Folgen für den Körper führen wie Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Das Risiko solcher Erkrankungen steigt bei schlechter Schlafqualität und Schlafmangel dramatisch an.

Auch psychisch hat ja Schlafmangel seine Auswirkungen.

Ja, diese Zusammenhänge sind einfach zu beweisen: Wenn jemand einen schlechten Schlaf hat und sich ständig müde fühlt, ist das ein Weg, der in ein Burnout führt, weil man nichts mehr anpacken und erledigen kann. Umgekehrt habe ich noch nie ein Burnout gesehen, das nicht Schlafstörungen mit sich brachte. Heute geht man von einem Kreislauf aus: Eine Depression mit einer unbehandelten Schlafstörung wird nicht besser. Umgekehrt bessern sich Schlafstörungen nicht, wenn man eine Depression nicht behandelt.

Wie viel Schlaf brauchen wir denn überhaupt, um gesund zu bleiben?

Das ist individuell verschieden und hängt von genetischen Faktoren ab. Aber auch von den persönlichen Vorlieben sowie der Frage, ob jemand eher ein Abendtyp, also eine Eule, oder ein Morgentyp – eine Lerche – ist. Unabhängig davon lässt sich sagen: Wir schlafen nicht mehr genug. In den letzten 50 Jahren hat unsere durchschnittliche Schlafdauer von 7,5 auf 6,5 Stunden abgenommen, eine ganze Stunde – das ist schon relativ dramatisch.

Ist denn jede einzelne zu kurz geratene Nacht so schlimm?

Der Schlafmangel einer einzelnen Nacht ist an sich rasch kompensiert, und zwar ganz einfach durch die sogenannte homöostatische Schlafregulation: Dabei wird in der nächsten Nacht der Tiefschlaf viel tiefer und intensiver, sodass der Körper in kürzerer Zeit besser regenerieren kann. Schläft man chronisch zu wenig, kann das der Körper nicht mehr ausbalancieren. Müdigkeit ist dann das Signal: Halt, der Körper muss die Leistung an die noch vorhandene Energie anpassen. Auf Dauer entsteht so eine Schlafstörung.

Was genau läuft dabei schief?

Beim Schlafen und Wachen wirken zwei Mechanismen zusammen: Das homöostatische Prinzip, mit dem der Körper das Gleichgewicht halten will – je länger man wach ist, desto müder wird man. Zudem hat jeder Mensch seinen Zirkadianen Rhythmus: die persönliche innere Uhr, die von Tag-, Nacht- und Jahreszeiten beeinflusst wird und sich im Lauf eines Tages ständig anpasst («resynchronisiert»). Diese beiden Faktoren müssen einigermassen im Einklang sein, sonst kommt es zu krankhaften Schlafstörungen.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die Schichtarbeit: Nach einer Nachtschicht ist der Schlafdruck immens, der Körper möchte nur noch schlafen. Der Zirkadiane Rhythmus hingegen sagt, dass Zeit zum Aufstehen sei. Schichtarbeit ist daher Gift für einen gesunden Schlaf.

Haben nicht manchmal die Leute das Gefühl, sie hätten kaum ein Auge zugetan, während sie in Wirklichkeit lang und tief geschlafen haben?

Doch, Einschlafprobleme oder nächtliches Aufwachen werden manchmal enorm überschätzt. Früher verschrieb man in solchen Fällen Schlafmittel. Heute zieht man es vor, Schlafprobleme ohne Medikamente zu behandeln. Oft geht es sowieso darum, die Wahrnehmung zu therapieren, nicht den Schlaf.

Wie sieht eine solche Therapie aus?

Nehmen wir die Insomnie, Schlaflosigkeit: Die Patienten messen kurzen Aufwachmomenten viel zu viel Gewicht bei und schätzen sie als viel länger ein, als sie tatsächlich sind. Bei diesen Patienten arbeiten wir eine Zeit lang mit Schlafrestriktion, lassen sie also absichtlich wenig schlafen oder spät einschlafen. Zugleich messen wir ihre Schlafphasen und fordern sie auf, uns ein Signal zu geben, sobald sie merken, dass sie aufwachen oder in eine Einschlafphase gleiten. Ausserdem zeigen wir ihnen die körperlichen Anzeichen beim Einschlafen, also das Schwererwerden der Glieder und die zusinkenden Augenlider. Das lassen wir sie ganz bewusst wahrnehmen, und das funktioniert meist ganz gut.

Wie merkt man überhaupt, wann man genug geschlafen hat?

Wenn sich die Schlafenszeiten unter der Woche, also wenn der Wecker klingelt, und jene am Wochenende um nicht mehr als eine, höchstens anderthalb Stunden unterscheiden, dann schläft man genug. Wer hingegen in der Woche ein Manko aufbaut, schläft am Wochenende oft bis zum Mittag. Genügend Schlaf hat auch, wer vor dem Wecker spontan aufwacht.

Das passiert ja bei Jugendlichen – bisher Frühaufsteher – plötzlich nicht mehr. Was geht da vor?

Das hat mit dem Totalumbau des jugendlichen Gehirns zu tun: In dieser Zeit braucht es viel Energie zum Lernen und für die Gedächtnisbildung, und dieser Hirnausbau erfordert enorm viel Schlaf. Wenn das Hirn mehr oder weniger fertig entwickelt ist, pendelt sich der Schlafrhythmus stabil ein und der persönliche Schlafbedarf ist festgelegt. Dieser liegt im Schnitt bei sechs bis acht Stunden pro Nacht. Weniger als fünf Prozent der Menschen kommen mit fünf Stunden aus, weitere fünf Prozent brauchen neun Stunden.

Bis sich dann im Alter die «senile Bettflucht» bemerkbar macht?

Der Organismus, der den Schlaf steuert, altert auch, dadurch funktioniert der Zirkadiane Rhythmus nicht mehr ganz so stabil. Deshalb schlafen alte Menschen nicht unbedingt weniger, sondern verteilter. Und sie bilden weniger Tiefschlafphasen. Und vor allem: Durch die veränderte Lebensweise schlafen heute auch alte Menschen tendenziell zu wenig!

Was halten Sie von Powernaps: Lässt sich damit ein Manko ausgleichen?

Powernaps sind durchaus gesund, das ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Wichtig ist jedoch, dass man sie kurz und geplant durchführt: höchstens eine halbe Stunde und nicht nach 15 Uhr.

Wie halten Sie es selber mit Schlafen – sind Sie ein vorbildlicher Schläfer?

Keineswegs, phasenweise bin ich sogar eine echte Katastrophe! Ich bin eine Eule und brauche viel Schlaf, acht Stunden wären für mich ideal – das sind genau die Typen, die es schwierig haben und schlecht mit Schlafmangel zurechtkommen.

*Ramin Khatami ist Leiter Schlafmedizin an der Klinik Barmelweid. Er befasst sich mit den Ursachen und der Behandlung von Schlafstörungen und den negativen gesundheitlichen Folgen.