Klassik

Beethoven komponierte nach dem Rhythmus seines Herzfehlers

Beethoven beim Komponieren. Getty

Beethoven beim Komponieren. Getty

Sein Stolperpuls gab den Takt an: Beethoven verarbeitete in seinen Werken seine Herzrhythmusstörungen.

«Ich bringe mein Leben elend zu», so schrieb Ludwig van Beethoven in einem seiner Briefe. Denn nicht nur Rheuma, Wassersucht, Tinnitus und Taubheit setzten ihm zu. Er litt auch unter Herzrhythmusstörungen – und die schafften es, wie jetzt eine US-Studie ermittelt hat, sogar in seine Kompositionen.

Das Forscherteam unter Zachary Goldberger vom Harborview Medical Center in Seattle fand in den 340 Werken des legendären Komponisten gleich mehrere Stücke, in denen er die Arrhythmien in seinem Brustkorb verarbeitete. Wie etwa den 5. Satz des Streichquartetts Nr. 13, in dem ein unregelmässiges, bedrohliches Auf- und Abschwellen zu hören ist. Beethoven gab hier den Musikern sogar die Anweisung mit auf den Weg, dass sie das Stück «beklemmend» spielen sollten – und auch das ist ja ein typisches Symptom für Herzrhythmusstörungen.

Musikalisches EKG

Im dritten Satz der Klaviersonate Nr. 31 Opus 110 gibt es so viele Tonart- und Taktwechsel wie nirgendwo sonst im Werk Beethovens. «Die Tastenanschläge der linken Hand wirken geradezu wie das akustische Abbild einer Tachykardie», erklärt Goldberger. Bei einer Tachykardie beschleunigt der Puls auf über 100 oder sogar 120 Schläge pro Minute – für die Finger der linken Hand kann dies, speziell bei einem rechtshändigen Amateurmusiker, am Klavier schon eine echte Herausforderung sein. Und für den Herzmuskel erst recht. In der Medizin wird eine Tachykardie von über 120 als bedrohlich eingestuft.

Die Klaviersonate Nr. 26, opus 81a, entstand im Jahre 1809, als Österreich den Krieg gegen das napoleonische Frankreich erklärte. Dementsprechend stand Beethoven zu dieser Zeit unter starkem Stress, der, so Goldberger, «bekanntermassen ein häufiger Trigger für Herzrhythmusstörungen ist». An einigen Stellen der Sonate seien ihre Ähnlichkeiten zum Stolperpuls so frappierend, erklärt Goldberger, dass man sie als «eine Art musikalisches EKG» bezeichnen könnte.

Grosse Komponisten verstehen es, ihre Umwelt und ihre Stimmungen kreativ in ihre Werke einzubauen – und die werden natürlich auch von schweren Erkrankungen geprägt. Es ist daher kein Wunder, dass auch die Kompositionen anderer kranker Musiker den Stempel ihrer Beschwerden tragen. So verewigte etwa Bedřich Smetana seinen Tinnitus mit einem Streichquartett und der depressive Robert Schumann erschuf – naheliegenderweise – seine fröhlichen Werke nur dann, wenn er sich gerade in einer manischen Phase befand.

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