Montagsinterview

Astronaut Garrett Reisman: «Der Mars ist unsere Lebensversicherung»

«Zentral sind zwei Aspekte», sagt Garrett Reisman über den Flug zum Mars: «Geld und der Wille, ein Risiko einzugehen.»

«Zentral sind zwei Aspekte», sagt Garrett Reisman über den Flug zum Mars: «Geld und der Wille, ein Risiko einzugehen.»

Er sorgt dafür, dass die USA bald wieder Astronauten ins All schiessen. Und Garrett Reisman erklärt, wie es ist, mit Elon Musk als Chef zusammenzuarbeiten.

Als Nasa-Astronaut flog Garrett Reisman mehrmals selber ins Weltall. Nun ist er beim privaten Raumfahrtunternehmen SpaceX dafür verantwortlich, dass Rakete und Raumschiff genug sicher für bemannte Missionen sind. Bevor die ersten Astronauten damit in den den Orbit geschossen werden, fliegt Reismann aber in die Schweiz, wo er als Referent am renommierten Wissenschafts- und Kunst-Festival Starmus von seiner Arbeit erzählen wird. «Ich freue mich und werde sogar meine Familie mitbringen, um ein paar Ferientage zu geniessen, erzählt Reisman, als wir ihn am Telefon in Los Angeles für ein Interview erreichen.

Eigentlich wollte SpaceX bereits im Juli Astronauten zur Internationalen Raumstation (ISS) schicken. Nun scheint es aber Verzögerungen zu geben. Was ist passiert?

Wir waren gut im Zeitplan. Bei einem Test auf dem Boden erlitt aber unsere Raumkapsel einen Schaden. Wir haben uns deshalb entschieden, einen letzten Test zu machen, bevor wir Menschen damit in den Weltall befördern. Juli schaffen wir wohl nicht mehr.

Schade. Das wäre exakt 50 Jahr gewesen, nachdem Neil Armstrong den Mond betreten hat?

Ja, das Jubiläum so zu begehen, wäre grossartig gewesen. Nun wird es leider ein bisschen später.

Noch dieses Jahr?

Hoffentlich. Oder sonst im Frühjahr 2020.

Es wäre ein historisches Moment. Nicht nur, weil es die erste private bemannte Mission sein wird, sondern auch, weil die USA wieder Menschen in den Weltall befördern kann. Welcher der beiden Aspekte ist wichtiger?

Beide sind sehr wichtig – und sie hängen zusammen. Kurzfristig ist der Aspekt wichtiger, dass die USA wieder Menschen in das All schiessen kann. Dass wir hier von den Russen abhängig sind, seit das Space-Shuttle-Programm 2011 eingestellt wurde, ist sehr schmerzhaft. Langfristig gesehen, ist aber die Tatsache, dass wir das in einer Zusammenarbeit zwischen der staatlichen Nasa und privaten Unternehmen geschafft haben, aber wichtiger. Die Privatunternehmen sorgen für Innovationskraft, der Staat bringt Ressourcen und Erfahrung mit. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten für kosteneffektive zukünftige Missionen zum Mond oder später auch zum Mars. Wir können aber unsere Raumschiffe auch nutzen, um für private Kunden Transporte in den All zu machen. So wird es für viel mehr Leute möglich, in das Weltall zu reisen.

SpaceX nutzt eine wiederverwertbare Rakete, die Falken 9. Wie wichtig ist das?

Wiederverwertbarkeit ist zentral. Die Idee dahinter ist Kostenreduktion. Stellen Sie sich vor, bei jeden Flug von Zürich nach Los Angeles bräuchte es ein neues Flugzeug, weil es am Ende des Fluges zerstört würde. Das würde Fliegen ganz schön teuer machen. So war das mit der Raumfahrt. Die Mehrfachnutzung der Raketen ändert das.

Als Astronaut sind sie in einem Space Shuttle zur ISS geflogen. Was sind die grössten Unterschiede zwischen dem Space Shuttle und der Dragon 2, jenem Raumschiff mit dem SpaceX bemannte Flüge durchführen wird?

Dazwischen liegen Welten. Die Dragon 2 ist viel smarter als das Space Shuttle. Schliesslich hat in der Computertechnologie seit den 1970er-Jahren der grösste Fortschritt stattgefunden. Als Astronauten mussten wir auf alle Eventualitäten vorbereitet und in der Lage sein, bei Zwischenfällen alles selber zu lösen. In der Dragon 2 werden die Astronauten viel besser vom Bordcomputer unterstützt, vieles läuft sogar ganz automatisch. Ein weiterer Unterschied: Das Space Shuttle konnte entweder eine Crew oder eine Last wie ein grosses Teleskop in den All befördern. Bei SpaceX können wir beides gleichzeitig mit einem Flug transportieren.

Ist das SpaceX-Raumschiff auch komfortabler für die Astronauten?

Wir haben neue Raumanzüge entwickelt, die viel bequemer sind. Und die Sitze sind individuell an die Körperformen jedes Astronauten angepasst. Auch der Start dürfte viel komfortabler sein. Die Landung hingegen könnte ein wenig unangenehm sein, schliesslich landen wir im Wasser. Zugegeben, das ist nicht ganz so behaglich wie ein Flugzeug auf der Landebahn. Aber wir werden die Astronauten schnell wieder aus dem Meer ziehen und auf ein Boot holen.

Präsident Donald Trump will bis 2024 Astronauten auf den Mond bringen. Ist das realistisch?

Ich halte das für sehr ambitioniert. Wenn die Nasa dafür mit privaten Unternehmen wie SapceX zusammenarbeitet, ist es realistischer. Wenn die Nasa sich aber für den konventionellen Weg entscheidet, wird das sehr teuer werden und kaum so schnell klappen.

Wäre es möglich, dass dafür ein SpaceX-Raumschiff genutzt wird?

Es sieht so aus, als dass es Möglichkeiten für private Partnerschaften gäbe. Andererseits gibt es auch Anzeichen, dass die Nasa sehr traditionell vorgehen will, was die Raketen angeht.
Es macht den Eindruck, dass für Trump das Weltall wichtiger ist als für seinen Vorgänger Barack Obama.

Ist er für die Weltraumforschung ein guter Präsident?

Nun, die Obama-Regierung hat sehr gute Arbeit geleistet, indem sie die Privatisierung der Raumfahrt vorangetrieben hat. Obama interessierte sich stark für die Raumfahrt und hat SpaceX sehr unterstützt. Heute scheint eher der Vizepräsident Michael Pence als Trump Interesse am Weltall zu haben. Aber ob Donald Trump ein guter Präsident ist für die Weltraumforschung, ist viel weniger wichtig als die Frage, ob Trump ein guter Präsident ist.

Und ist er das?

Ich habe dazu bereits alles gesagt, was ich sagen möchte.

SpaceX plant auch eine Mondmission. Sie wollen einen reichen japanischen Weltraumtouristen einmal rund um den Mond fliegen. Das klingt auch ziemlich ambitioniert.

Das ist es auch. Wir bauen dafür ein neues Raumschiff, das Starship. Derzeit laufen ziemlich teure Tests. Es braucht viel Zeit und verschlingt viele Ressourcen, aber es wird klappen. Davon bin ich überzeugt.

Ein anderes Land, das sehr ambitionierte Pläne hat, ist China. Können Sie sich vorstellen, dass China schneller auf dem Mond ist als die USA?

Die Chinesen haben grosse Fortschritte gemacht. Eben erst haben sie ja eine Sonde auf der Rückseite des Mondes gelandet. Die Regierung investiert viel Geld in die Raumfahrt und will unbedingt auf den Mond. Es ist schwierig, die Zukunft vorherzusagen, aber ich mir sicher, dass die Chinesen Menschen auf den Mond bringen werden. Wann das sein wird, hängt von vielen Fragen ab, auf die ich Ihnen keine Antwort geben kann.

Und wann fliegen wir zum Mars?

Zentral sind zwei Aspekte: Geld und der Wille, ein Risiko einzugehen. Es wird viel gefährlicher, als bloss in den Orbit zur Internationalen Raumstation zu fliegen. Wir müssen bereit sein, dieses Risiko einzugehen. Und es wird nicht billig werden. Wir müssen gewillt sein, viel Geld zu investieren. Der Rest ergibt sich. Technisch ist das absolut machbar. Die Frage ist bloss, wann es ökonomisch und politisch möglich sein wird.

Wird dabei ein SpaceX-Raumschiff zum Einsatz kommen?

Hoffentlich. Das ist schliesslich der Grund, weshalb Elon Musk SpaceX gegründet hat. Er will, das menschliche Leben über die Erde hinaus expandieren.

Warum ist es so wichtig, auf den Mars zu gelangen?

Aus verschiedenen Gründen. Wenn wir Wissenschafter da hinauf schicken, können sie herausfinden, ob es einmal Leben auf dem Mars gab oder ob wir auf der Erde die einzigen Lebewesen sind, die je in diesem Sonnensystem existiert haben. Das ist eine sehr zentrale Frage.

Vor allem aber ist die Erschliessung des Mars’ essenziell für das Überleben der menschlichen Spezies.

Derzeit haben wir nur einen Planeten. Das ist ein grosses Risiko. Es ist wie, wenn man alle Daten bloss auf einer Harddisk gespeichert hat – ohne Backup. Wenn der Erde etwas passiert, sie beispielsweise von einem Asteroiden zerstört wird, wäre das das Ende unserer Spezies. Der Mars ist deshalb so etwas wie ein Lebensversicherung für die Menschheit.

Der Chef von SpaceX, Elon Musk, gilt als einer der grössten Visionäre unserer Zeit. Wie ist es, mit ihm zusammenzuarbeiten?

Elon ist unglaublich. Was mich am meisten beeindruckt an ihm, ist sein breites und gleichzeitig tiefes Wissen für Technologien. Er kann auf Expertenniveau über Raketenwissenschaft diskutieren, unmittelbar zu Software-Themen wechseln und genau gleich fundiert darüber sprechen. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der auf so vielen Gebieten ein so tiefes Verständnis hat. Andererseits wird auch gesagt, dass Elon Musk ein Workaholic ist und Züge eines Borderliners hat.

Ist es manchmal auch kompliziert mit ihm zu arbeiten?

Er ist wirklich sehr getrieben und kann enorm fordernd sein. Er tolerierte es nicht, wenn ein Mitarbeiter sich nicht voll einsetzt. Wenn du deinen Job nicht gut machst, lässt er dich das wissen. Das ist jedoch auch mit ein Grund, warum er so viel erreicht hat.

Sie sind mehrmals in den Orbit geflogen. Denken Sie, dass Sie ein weiteres mal in einem SpaceX-Raumschiff in den Weltraum reisen werden?

Das wäre möglich. Aber ich habe Kinder und werde nun erst einmal Jüngeren den Vortritt lassen. Aber wer weiss, vielleicht werde ich mir einmal ein Ticket als Weltraumtourist kaufen und zurückkehren.

Was war der beeindruckendste Moment im All?

Als ich auf die Erde geblickt habe und realisierte, wie dünn die Atmosphäre ist. Von da oben wirkte sie, wie die zarte Haut eines Apfels. Das gab mir einen Eindruck dafür, wie verletzlich unser Planet ist und rief mir ins Bewusstsein, dass wir der Erde unbedingt Sorge tragen müssen.

Hat das auch einen Einfluss auf ihren Lebensstil gehabt?

Ich lebe nun tatsächlich nachhaltiger. So fahre ich nun beispielsweise ein Elektroauto und gebe mir auch sonst Mühe, wenig Ressourcen zu verbrauchen.

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