Als Neil Armstrong den einen kleinen Schritt machte und seinen Fuss in den Mondstaub setzte, war das nicht nur ein grosser Schritt für die Menschheit. Es war auch der Sieg für die USA im Weltraum-Wettrennen. Die Vereinigten Staaten von Amerika entschieden den Zweikampf gegen die Sowjetunion am 21. Juli 1969 für sich und setzten zuerst einen Menschen auf dem Mond ab.

Dabei hatte alles so gut begonnen für das kommunistische Reich. 1957 gelang es der Sowjetunion, als Erste einen Satelliten, Sputnik 1, in die Erdumlaufbahn zu schiessen. «Es ist kein Bluff, keine Propaganda: Es gibt tatsächlich diesen künstlichen Mond – und es ist ein sowjetischer», triumphierte damals ein Kommentator im Radio der DDR. Der Erfolg wurde als technologische Überlegenheit des kommunistischen Ostens gegenüber dem liberalen Westen angesehen und löste dort den sogenannten Sputnik-Schock aus.

Vom «künstlichen Mond» der Sowjets bis zum ersten Schritt der Amerikaner auf dem natürlichen Mond aber war es noch ein langer Weg – der dank des gegenseitigen technologischen Wettrüstens der beiden Supermächte in weniger als zwölf Jahren zurückgelegt wurde.

Heute werden fast schon täglich Satelliten ins All geschossen; die letzte bemannte Mondlandung hingegen liegt 47 Jahre zurück. Der Mond ist zu einem Schrottplatz geworden: Die Landerampen der Apollo-Missionen stehen ebenso nutzlos herum wie die Autos, mit denen die Astronauten auf Erkundigungstour gingen. Die meisten der aufgestellten US-Flaggen ragen, so zeigt neueres Bildmaterial, noch in den Himmel. Mittlerweile dürften sie aber durch das Sonnenlicht völlig verblichen sein. Der Mond hat in den Jahrzehnten nach seiner Eroberung an Prestige verloren.

Gateway zum Mond

Doch nun, 50 Jahre nachdem die ersten Menschen den Erdtrabanten betraten, ändert sich das. Der Mond wird für die moderne Raumfahrt wieder zum begehrten Ziel. Anfang Jahr landete die chinesische Raumsonde Chang’e 3 – und sorgte für grosses Aufsehen. Es ist das erste Mal, dass eine Landung auf der von der Erde abgewandten Seite des Mondes geglückt ist. Das ist technisch knifflig, weil keine direkte Funkverbindung aufgebaut werden kann und ein Satellit in der Mondumlaufbahn als Relais eingesetzt werden muss.

Raumfahrt – die nächsten Schritte:

Chang’e 3 ist nur die erste einer Reihe anstehender Mondmissionen. Noch dieses Jahr soll eine weitere chinesische Sonde auf dem Mond landen und eine Bodenprobe zur Erde bringen. Die Inder und die Israeli haben Mondmissionen für 2019 geplant – und wollen es in den auserlesenen Kreis jener Nationen schaffen, die einen fremden Himmelskörper erreicht haben. Auch die Amerikaner wollen zurück: 2022 soll mit dem Bau einer mondnahen Raumstation, dem sogenannten Lunar Gateway, begonnen werden. Von dort soll es wieder auf den Erdtrabanten gehen. Bereits 2023 könnten wieder Menschen die Mondoberfläche betreten. Die Chinesen verfolgen ähnlich ambitionierte Pläne. Bis 2025 wollen die Raumfahrer aus dem Reich der Mitte eine Basis für Astronauten auf dem Erdtrabanten errichten.

50 Jahre nachdem die Amerikaner den Wettlauf zum Mond für sich entschieden haben, startet ein neues Space Race. Dieses Mal geht es nicht nur darum, den Mond zu betreten, sondern dort mit einer permanenten Basis vertreten zu sein. Und dieses Mal heisst der Herausforderer nicht Sowjetunion, sondern China.

«Die Chinesen haben in den letzten zehn Jahren massiv aufgeholt», sagt Willy Benz, Astrophysiker an der Universität Bern und Leiter des nationalen Forschungsschwerpunkts PlanetS. Was in den USA Jahrzehnte gedauert habe, schaffe China innerhalb kürzester Zeit. Kein Land entwickle sich derzeit in der Raumfahrttechnologie so schnell. «China ist kurz davor, eine Weltraum-Supermacht zu werden.»

Ihre Potenz unter Beweis gestellt haben die Chinesen mit der Landung auf der Rückseite des Mondes – einer Mission, die bisher auch die Amerikaner nicht gewagt haben. «Damit haben sie gezeigt, dass sie eine komplexe Mission planen und technisch umsetzen können», sagt Benz.

Die Premiere bringt mehr als bloss Prestige. Die Rückseite des Mondes ist wissenschaftlich höchst interessant. Zwar dreht sich der Mond wie die Erde auch um die eigene Achse, allerdings gleich schnell, wie er um unseren Planeten kreist, sodass die eine Seite stets von der Erde abgewandt ist. Da die Radioemissionen der Erde diesen Bereich nicht erreichen, herrscht absolute Funkstille. «Man könnte dort ein Radioteleskop mit ungeahnten Möglichkeiten bauen und in den Weltraum lauschen», sagt Olivier L. de Weck, Professor für Raumfahrt am Massachusetts Institute of Technology in Boston. Man höre in der Öffentlichkeit davon zwar nicht viel, aber jene Funkstille sei eine der grössten wissenschaftlichen Attraktionen, die der Mond zu bieten habe, sagt der Schweizer.

Das erste Foto von der Rückseite des Mondes

Das erste Foto von der Rückseite des Mondes (3. Januar 2019)

China schreibt Raumfahrtgeschichte: Zum ersten mal setzen Menschen technische Geräte auf der Rückseite des Mondes ab.

Darüber hinaus hat der Mond wirtschaftlich viel zu bieten. Über die letzten 20 Jahre hat sich immer deutlicher gezeigt, dass der Mond reich an wertvollen Rohstoffen ist. Es gibt nicht nur Gold und Platin, sondern auch das auf der Erde äusserst seltene Gas Helium-3, das wegen seiner Reaktionsträgheit als Energiequelle der Zukunft gilt. Ausserdem gibt es an den Polen Eis. Wasser ist ein ungemein wichtiger Rohstoff für Astronauten, die künftig einmal vom Mond aus zu einer Mars-Mission aufbrechen könnten. Da auf dem Monf eine viel geringere Anziehungskraft herrscht als auf der Erde, wäre ein Start von dort viel leichter zu bewerkstelligen. Vor allem aber gilt: Je knapper die Rohstoffe auf der Erde werden, desto wichtiger werden unser Erdtrabant und Asteroiden. «Die Ressourcen auf unserem Planeten sind begrenzt. Wer sich langfristig als Supermacht etablieren will, muss die Grenzen über unseren Planeten hinaus verschieben», ist Benz überzeugt.

Sowohl die Chinesen als auch die Amerikaner sind drauf und dran, das zu tun. «Es herrscht in den USA ein reges Interesse daran, auf dem Mond ein sich wirtschaftlich selbst finanzierendes Ökosystem mit Rohstoffabbau und Raumfahrttourismus aufzubauen», meint Olivier L. de Weck. Im Weltraum sollen künftig nicht mehr Milliarden von Dollar verbrannt, sondern gewonnen werden.

Bis es so weit ist, muss aber noch kräftig investiert werden. Bereit, sehr viel Geld auszugeben, sind die Chinesen. Denn nirgends scheint man seine Macht klarer manifestieren zu können als bei der Eroberung des Universums. Die Regierung von Xi Jinping hat dabei den Vorteil, dass sie für Investitionen in Raumfahrtmissionen nicht von demokratischen Prozessen gebremst wird – und sie langfristig planen kann.

Es lockt der Mars

Doch stellt sich die Frage, ob das diktatorisch durchorganisierte System langfristig genug innovativ sein kann. Der Vorteil der USA liegt darin, dass sie neben der staatlichen Raumfahrtagentur Nasa in den letzten Jahren eine private Industrie gefördert haben. Firmen wie SpaceX von Elon Musk oder Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos haben sich etabliert – und könnten schon dieses Jahr Menschen ins All befördern (siehe Zeitstrahl oben). «In den USA krempeln eine Reihe von Menschen, die sich in den späten 20ern oder frühen 30ern befinden, mit neuen Ideen von unten herauf das System in der Raumfahrt um», sagt der in Boston lebende de Weck.

Wie vor einem halben Jahrhundert, als sich im Kalten Krieg die USA mit der Sowjetunion duellierten, geht es erneut nicht nur um den Wettlauf ins Weltall, sondern auch um den Kampf zweier Ideologien: Auf der einen Seite stehen die trotz politisch-populistischen Tendenzen noch immer wirtschaftsliberalen USA; auf der anderen das trotz marktwirtschaftlichen Zügen noch immer politisch-diktatorisch organisierte China. Wer gewinnen wird, das steht in den Sternen. Klar ist hingegen: Mit dem Erreichen des Mondes ist das Rennen dieses Mal nicht entschieden. Die Pläne gehen weiter. Es lockt der Mars.