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Flugverkehr: Sogar Weissstörche verzichten aufs Reisen – aber nicht wegen Corona

Ein Storch im verschneiten Basler Margarethenpark.

Ein Storch im verschneiten Basler Margarethenpark.

Bis spätestens Mitte Oktober sollten die grossen Zugvögel eigentlich weg sein und in Afrika überwintern. Doch immer mehr Störche scheuen die Kälte nicht und bleiben in der Schweiz.

Zu sechst stehen sie langbeinig wie immer in der grünen Wiese. Und in der Nacht sitzt einer auf einem unbenutzten Kamin auf dem Dachfirst. Müssten die Störche nicht längst in Afrika nach Fröschen jagen? Zur Zeit sieht es aus, als würden viele Zugvögel auf die Reise verzichten.

Doch der Eindruck kann täuschen, wie Livio Rey von der Vogelwarte Sempach sagt. Deren Beobachtungsplattform ornitho.ch zeigt, dass seit Anfang bis Mitte November nicht mehr Weissstörche beobachtet worden sind als in den Vorjahren.

Genug zu fressen

«Richtig ist aber, dass viele Weissstörche gar nicht mehr nach Afrika ziehen, sondern den Winter über in Spanien oder sogar in der Schweiz bleiben», sagt Rey. Und das hat mit dem Klimawandel zu tun. Denn die grossen Zugvögel finden bei uns im Winter genügend zu fressen, weil in der Schweiz die Winter öfter schneefrei bleiben. Einige ziehen nur bis nach Spanien, weil es dort in Reisfeldern und auf offenen Mülldeponien viel zu fressen gibt.

Normalerweise verlassen die Störche die Schweiz zwischen Mitte Juli und Mitte Oktober. Ende August ist Hauptabflugszeit und so beobachtet man dann in Gibraltar den «Durchzugspeak», die höchste Flugdichte. Mitte November kommen die Vögel in der Regel an ihrem Zielort in Afrika an. Erst im März oder April kehren sie wieder in die Schweiz zurück.

Gefieder hält Kälte ab

Ein Storch, der durch den Schnee stapft, ist aber doch ein ungewöhnlicher Anblick. Doch wer nun befürchtet, der Vogel könnte bei Minustemperaturen erfrieren, irrt sich. «Überwinternde Störche sind durch ihr Gefieder gut vor Kälte geschützt. Auch Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt können sie gut überstehen», sagt Rey.

Der Mensch braucht gemäss der Vogelwarte Sempach nicht einzugreifen. Auf den schneefreien Wiesen finden die Weissstörche genügend Mäuse, solange keine geschlossene Schneedecke liegt oder der Boden nicht zu stark gefroren ist. Wird es mit dem Futter doch mal knapp, weichen die Vögel von selbst in Regionen aus, in denen sie genug Nahrung finden.

Schweizer Störche aus einem Wiederansiedlungsprojekt im Jahr 1950

Deshalb soll auf eine Fütterung verzichtet werden, ausser in ausgesprochenen Notsituationen. Die Fütterung könnte dazu führen, dass die Störche zu lange in einem eigentlich ungeeigneten Gebiet verweilen. Auf keinen Fall sollte man geschwächte Vögel einfangen. Der Wildvogel reagiert darauf heftig, was schmerzlich ins Auge gehen kann.

Viele der überwinternden Weissstörche gehen auf ein Wiederansiedlungsprojekt zurück. Gestartet wurde das im Jahr 1950 im solothurnischen Altreu, weil die ursprüngliche Population in der Schweiz verschwunden war. Normalerweise bleiben die Störche in der Nähe des Wiederansiedlungsorts, machen aber auch gerne mal eine Reise in weit entfernte Alpentäler.

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Autor

Bruno Knellwolf

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