Reisen
Ferien fürs Portemonnaie: Im Südtirol gibt es die Bergluft viel billiger

Die Autorin hatte nie den Drang, Südtirol zu sehen. Aber was die Kinder glücklich macht, macht Eltern glücklich. Familien verwöhnen kann der touristische Zwilling der Schweiz gut.

Sabine Kuster
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Fast auf Augenhöhe mit den Berggipfeln: Ausblick vom Ahnerberghof bei Brixen.
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Kätzlein streicheln bei einem frisch renovierten Bauernhof-Hotel.
Reisen Tirol
Neben dem Bio-Garten des Kircherhofs: Die Zwergziege nimmt es mit dem Vater auf.

Fast auf Augenhöhe mit den Berggipfeln: Ausblick vom Ahnerberghof bei Brixen.

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Als der Moment da war, liess ich mich aufs Sofa plumpsen. Die Kinder waren im hoteleigenen Hütedienst. Mein Mann packte ein Frottiertuch und ging den Fitnessraum ausprobieren. Ich dachte über perfekte Familienferien nach.

Entweder hatten wir bis jetzt unsere 700 Sachen schweissüberströmt auf einem Zeltplatz abgeladen oder in einem Hotel bei jedem Essen geschwitzt, weil die Kinder schlicht noch zu klein sind, um sich akustisch und bewegungsmässig unauffällig in einem Speisesaal aufzuhalten.

Doch die dritte Option, ein Rundum-fühl-dich-gut-all-inclusive-Kinderhotel, können sich in der Schweiz nicht viele Familien leisten. 450 Franken kostet beispielsweise ein Familienzimmer mit zwei Erwachsenen und zwei kleinen Kindern im Märchenhotel in Braunwald in der Nebensaison.

Man könnte auch zuhause bleiben – wenn man es sich leisten kann

Und so sind wir jetzt an einem Ort, an den wir ohne Kinder nie hingereist wären. Nicht, weil es hier nicht schön wäre, im Gegenteil. Das Südtirol ist bloss so ähnlich wie die Schweizer Bergwelt, dass man zu Hause bleiben könnte. Wären da nicht die Preise und viel Freundlichkeit.

Ich mache mir einen Gratis-Tee auf dem Zimmer, das zu den gleichen Bedingungen und plus Mittagessen für 210 Euro zu haben ist, und schaue dem Regen zu, wie er draussen aufs Trampolin klopft. Das Wetter ist ein bisschen egal. Der Spasstempel gross genug. Trotz Hotel müssen sich Kinder und Eltern nicht ständig zusammenreissen, das Vergnügen ist immer gleich um die Ecke.

Auch im Speisesaal: Natürlich sind die Kinder schon fertig mit essen, während wir erst den Salatteller beiseiteschieben. Aber die freundlich-fröhliche Bedienung im Dirndl führt die Kinder kurzerhand zum Glacebuffet, und danach verschwinden sie im grossen Spielzimmer.

Wir lächeln und versuchen uns zu entspannen. Das gelingt offensichtlich auch anderen Eltern nicht sofort. Ich habe allseits glücklich-erleichterte Gesichter erwartet. Aber die Familienstimmungen sind nicht anders als sonst wo: die ganze Palette von gestresst bis zufrieden.

Die Romantik ist von kurzer Dauer, aber vorhanden

Gibt es also nicht einmal im Rundum-fühl-dich-gut-all-inclusive-Kinderhotel das gute alte Feriengefühl für die Eltern? Ich gehe hinunter in die Lobby und spähe durch die Glasscheibe in den Kinderklub. Die Betreuerinnen basteln mit den Kleinen Vogelhäuschen aus Tetrapackungen. Ich freue mich, dass sich die Kinder freuen. Glücklichsein kann man outsourcen.

Ich bin auch begeistert von der Scheune mit dem Heustock, den die Besitzer extra zum Austoben bauen liessen, ich hangle mich kichernd hinter den Kindern über die nassen Seile im Kletterpark, und dann versuchen wir, ein ausgebüxtes Fohlen des Streichelzoos zurückzutreiben.

Der Kletterpark befindet sich 20 Minuten vom Hotel entfernt.

Der Kletterpark befindet sich 20 Minuten vom Hotel entfernt.

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Um ins Heu runter zu hüpfen wurde extra eine Scheune gebaut.

Um ins Heu runter zu hüpfen wurde extra eine Scheune gebaut.

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Abends gibt es einen Apéro mit Häppchen, und eine Frau spielt mit der Gitarre und singt richtig gut. Mein Mann und ich prosten uns zu, da spielt sie unser Hochzeitslied. Ich bin nur für mich ein bisschen glücklich, da sagt die Kleinste: «I ha die Music nöd gern.»

Beim anschliessenden Znacht singt sie dafür dem müden Bruder ein Schlaflied. Ich blicke zu den schalldämpfenden Kassetten über jedem Tisch und fülle meinen Teller noch mal am Buffet. Auf dem Menü stehen an diesem Abend traditionelle Südtiroler Speisen, also doch noch etwas Kulturgenuss.

Am nächsten Morgen besuche ich eine Yoga-Lektion. Eine junge Mutter übergibt ihren Einjährigen unter der Tür dem Mann. Später sagt sie, sie hätte die 45 Minuten Ruhe das Beste am Yoga gefunden.

Was führt zu einem richtigen Feriengefühl?

Doch zum Feriengefühl gehört mehr als Entspannung. Ein Rundum-fühl-dich gut-all-inclusive-Kinderhotel reicht nicht. Es braucht eine Horizonterweiterung, denke ich, als uns eine Stadtführerin Brixen zeigt. Nach Bozen und Meran, die drittgrösste Stadt Südtirols. Die Führerin muss die Tour arg abkürzen wegen der quengelnden Kinder, aber der Elefant im Dachhimmel des Kirchenkreuzgangs bringt uns alle zum Lachen. Der Maler damals kannte keine Elefanten, und so sieht er aus wie ein graues Ross mit Rüssel.

Hat sich Mühe gegeben: So stellte sich der Maler im Dom von Brixen damals einen Elefanten vor.

Hat sich Mühe gegeben: So stellte sich der Maler im Dom von Brixen damals einen Elefanten vor.

kus

Die Hotels waren voll im Südtirol in diesem Herbst mit deutschen, ita­lienischen und Schweizer Gästen, trotz Corona, oder gerade deswegen. Und so ist Wolfgang Töchterle, der Chef von Südtirol Tourismus, trotz allem optimis­tisch: «Wir haben im Tourismus sehr viele Familienbetriebe, und sie ­leiden im Moment extrem, weil schnell das Gehalt aller Familienmitglieder weg ist.» Aber der Grossteil der ­Be­triebe werde die Krise überstehen.

Es geht noch um diesen Winter, und danach folgt möglicherweise die stärkste Frühlingssaison, die wir je ­hatten.

Wolfgang Töchterle ist überzeugt: Die Leute werden raus wollen. Das wollten wir auch, trotz Kindern, denn wie hatte die Köchin im Kir­cherhof gesagt? «Wir sind die Gene­ration, die Freizeit will.» Fünf- statt Sechstagewochen gelte es jetzt un­bedingt auch fürs Gastronomie­perso­nal einzuführen, das ist noch nicht überall Standard.

Auch beim Ziegenbauer, wo wir vorbeischauten, war ­Freizeit ein Thema. Sein Sohn hat die Käse­rei zwar übernommen, aber Ferien will er trotzdem. Etwas, was Bauer Zingerle nie gemacht hat. Er zuckt mit den Schultern: «Das ist nun mal der Wohlstand. Da muss man mithalten.»

Das Südtirol wächst seit 20 Jahren touristisch enorm. Und wohl nirgends im Alpenraum stehen so viele neue moderne Holzbauten. Selbst im Bauernhof-Hotel Ahnerberghof war der Boden edler Stein und die Möbel aus alt gemachtem, massivem Holz. Für die Gäste aus der Schweiz gibt es das alles zu einem Preis, den sich viele leisten können. Denn ein guter Lohn ist hier ein Einkommen von 2000 Euro. Im Bergrestaurant Jochtal auf dem Gitschberg (2006 m ü. M.) kostete ein «Hugo»-Drink 3 Euro 80, in der Schweiz locker 12 Franken. Die heisse Schokolade für die Kinder brachte die Bedienung übrigens unaufgefordert und wohlweislich nur lauwarm.

Gut zu Wissen

Beste Reisezeit

Aktuell gibt es keine Einreisebeschränkung und auch keine Quarantänepflicht bei der Rückreise in die Schweiz. Jedoch ist das öffentliche Leben in Italien stark eingeschränkt. Und es ist noch nicht klar, wann die Skigebiete öffnen. Wir empfehlen eine Reise ins Südtirol ab Frühling.

Anreise

Stressfrei in dreieinhalb Stunden mit dem Railjet nach Innsbruck und von da über den Brenner. Etwas schneller über den Ofenpass mit dem Auto.

Übernachten

Wer Ferien auf dem Bauernhof machen will, sollte auf die Zertifizierung «Roter Hahn» achten. Für den Bericht getestet wurde eines der luxuriöseren, aber bezahlbaren Familienhotels, das «Huber» in Vals bei Brixen.

Essen

Egal ob Sie dort auch übernachten oder nicht: Gehen Sie auf ein Essen im Kircherhof in Brixen vorbei. Natürlich gibt es Spielplatz und Ziegen zum Streicheln für die Kinder, aber was aus dem riesigen Biogarten der beiden Schwestern auf den Tisch kommt, kann nur ein erwachsener Gaumen so richtig wertschätzen. www.kircherhof.it

Die Reise wurde unterstützt durch IDM Südtirol Tourismus.