40 ist das neue 30: Warum Spitzenathleten heute länger erfolgreich sind

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40 ist das neue 30: Warum Spitzenathleten heute länger erfolgreich sind

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Am Sonntag will der Footballer Tom Brady mit 43 Jahren noch einmal den Super Bowl gewinnen. Er ist kein Einzelfall. Immer mehr Weltklasse-Athleten sind im fortgeschrittenen Alter – und feiern nach wie vor grosse Erfolge. Dies liegt auch daran, dass unsere Alterungskurve abflacht.

Jörg Zitlau
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Im März wird es wohl so weit sein: Roger Federer kehrt zurück auf die Tennistour. Nach zwei Knieoperationen mit entsprechend langer Wettkampfpause – und im Alter von fast 40 Jahren, die der Schweizer Erfolgsathlet am 8.August erreichen wird. Was für ihn jedoch, wie er kürzlich in einem SRF-Interview erzählte, kein Grund ist, sich seine Ziele niedrig zu stecken: «Ich will noch einmal grosse Siege feiern.» Und es wäre gar nicht so abwegig, dass ihm das gelingen wird.

Denn immer mehr Spitzensportler machen kurz vor oder hinter der Schwelle zu Ü40 von sich reden. Etwa der 39-jährige Zlatan Ibrahimović, dessen Vertrag die AC Milan im letzten Sommer verlängerte, weil man einfach nicht auf die Tore des schwedischen Kickers verzichten will. Die deutsche Kanutin Birgit Fischer war 42, als sie ihre letzte Olympia-Medaille holte, und Kelly Slater holte Ende 2019 als 47-Jähriger den «Triple Crown of Surfing», dem hinter der Weltmeisterschaft wichtigsten Titel im Surfen.

Wie Slater stammt auch Tom Brady aus den USA. Er wurde vor über 43 Jahren in Florida geboren und spielt dieses Wochenende um den Super Bowl im American Football. Es könnte sein siebter Titel werden, denn der überzeugte Frühaufsteher und Ehemann des Super-Modells Giselle Bündchen gilt immer noch als einer der besten Quarterbacks der Liga.

Tom Brady, 43 American FootballDer Quarterback sagt, er könne sich vorstellen, auch mit 45 noch in der NFL zu spielen.
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Serena Williams, 39, TennisDie jüngere der beiden Williams-Schwestern gewann sogar schwanger einen Grandslam. Momentan steht sie in der Weltrangliste auf Platz 11.
Nicola Spirig, 38, TriathlonDie dreifache Mutter will in Tokio ihre dritte Olympia-Medaille gewinnen. Und 2022 für eine Netflix-Doku einen Weltrêkord im Ironman aufstellen.
Zlatan Ibrahimovic, 39, FussballDer schwedische Stürmer ist wie guter Wein: Je älter, umso besser. In zehn Spielen hat er diese Saison bereits zwölf Treffer erzielt.
Valentino Rossi, 42, TöfffahrerNiemand kontrolliert das Motorrad besser als der neunfache Weltmeister. Auch wenn er seit 2017 keinen WM-Lauf mehr gewonnen hat.
Roger Federer, 39, TennisDer 20-fache Grand-Slam-Sieger stand 310 Wochen an der Spitze der Weltrangliste. Anfang März will er in Doha an die Tour zurückkehren.
Jaromir Jagr, 48, EishockeySchon fast fünfzig ist der Tscheche und hat immer noch nicht genug. Kürzlich gab er in seiner 33. Saison nacheinander einen Assist.
Heinz Frei, 63, RennrollstuhlsportVor 37 Jahren bestritt Frei seinen ersten Marathon an den Paralympischen Spielen. Auch in Tokyo will er noch einmal starten.
Gianluigi Buffon, 43, FussballDer Weltmeister und zehnfache italienische Meister ist bei Juventus Turin momentan nur Ersatztorhüter, aber er spielt und ist immer noch topfit.
Natascha Badmann, 64, TriathlonSie brach Rekorde und bestritt mit 50 ihren letzten Marathon. Aber ganz zurückgetreten ist sie nie: 2020 wurde sie beim Ironman in Oman Zweite.

Tom Brady, 43 American Football
Der Quarterback sagt, er könne sich vorstellen, auch mit 45 noch in der NFL zu spielen.

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Text: Raphael Gutzwiller

Auch Dirk Nowitzki, Paula Rad­cliffe, Kristin Armstrong, Bernhard Langer, Claudia Pechstein und Gian­luigi Buffon hatten Karrieren, die bis in die Ü40-Zone reichten. Sie sind nicht etwa Ausnahmen, sondern Bestätigung eines Trends. Denn laut Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln gibt es immer mehr ältere Sportler, «die noch im sehr guten Leistungsbereich sind».

Ihre Maximalleistung erreichten sie zwar oft nicht mehr, so der Professor für Sportmedizin, doch im Wettkampf seien sie immer noch «Weltklasse». Sie könnten also noch die meisten Athleten schlagen – nur eben sich selbst nicht mehr, als sie im Zenit ihrer Leistungsfähigkeit waren.

Geschwindigkeit im Kopf kompensiert Altersdefizit

Womit sich bereits andeutet, dass es den erfolgreichen Senioren im Leistungssport nicht gelingt, das komplette Arsenal ihrer Fähigkeiten zu konservieren. Der Zahn der Zeit nagt auch an ihnen. Während die Ausdauer erst spät und auch nur mässig nachlässt, geht es bei Schnelligkeit und Kraft ziemlich schnell bergab. Sportmediziner Bloch betont:

«Bei Sportarten, in denen die Geschwindigkeit eine grosse Rolle spielt, ist es schwieriger, jenseits der 30 oder 35 eine gute Leistung zu bringen.»
Wilhelm BlochProfessor für Sportmedizin

Wilhelm Bloch
Professor für Sportmedizin

Die meisten erfolgreichen Ü40-Athleten kommen deshalb aus den Ausdauersportarten. Oder aber aus Disziplinen, in denen man konditionelle Mängel gut mit Wettkampferfahrung kompensieren kann. Wie etwa in den Ball- und Mannschaftssportarten. «Fitness und körperliche Geschwindigkeit nehmen zwar stetig ab», erklärt Daniel Memmert, der in Köln zur Trainingslehre im Sport forscht. «Doch wenn die Geschwindigkeit im Kopf zunimmt, kann ein Spieler seine Altersdefizite kompensieren.»

Ökonomischerer Umgang mit den eigenen Ressourcen

Zlatan Ibrahimović spottete einmal über einen überforderten Gegenspieler: «Ich ging erst nach links, dann nach rechts – und er ging und kaufte sich einen Hot Dog.» Das klingt wenig respektvoll, doch es verdeutlicht, was die Trainingsforschung die «Öffnung des Aufmerksamkeitsfensters» nennt: Die Fähigkeit, gleichzeitig mehrere Ereignisse und Objekte bewusst wahrzunehmen.

Der erfahrene Sportler ist darin dem jüngeren in der Regel überlegen. Erstens weil er durch seine langjährige Erfahrung weiss, worauf er in bestimmten Wettkampfsituationen achten muss. Und zweitens weil er sich mehr auf diese Situationen konzentrieren kann, insofern er im jahrelangen Training seine eigenen Bewegungsabläufe so automatisiert hat, dass sie nicht mehr viel seiner Aufmerksamkeit beanspruchen.

Ganz zu schweigen davon, dass die lange Erfahrung den älteren Athleten gelehrt hat, auf seinen Körper zu hören. Roger Federer betont, dass er mittlerweile genau wisse, was er brauche, um fit zu sein. Er sagt:

«Und ich weiss mittlerweile auch, wann ich welches Tempo auf dem Platz gehen kann.»
Roger FedererEinziger Tennisspieler, der dreimal drei Grand-Slam-Titel in einer Saison gewann

Roger Federer
Einziger Tennisspieler, der dreimal drei Grand-Slam-Titel in einer Saison gewann

Keystone

Dadurch schützt er seinen Körper vor Erschöpfung und Überforderung – und das ist Grundvoraussetzung, um viele Jahre auf hohem Niveau spielen zu können.

Doch der zunehmende Erfolg der älteren Jahrgänge im Sport erklärt sich auch aus Faktoren, die jenseits des Sports liegen. Wissenschaftliche Studien zeigen nämlich: Wir altern anders – sprich: deutlich langsamer – als früher. So werden die Menschen der Wohlstandsländer immer älter. Der Durchschnittsschweizer etwa darf mittlerweile – vor allem wegen der Fortschritte in Ernährung, Hygiene, Bildung und Medizin – auf ein Leben von 83 Jahren hoffen. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts lag man schon mit 50 über der üblichen Lebenserwartung.

Lebenserwartung in der Schweiz

Mann
Frau

Der Zugewinn an Lebensjahren bedeutet nicht etwa, dass wir im Alter länger dahinsiechen, sondern wir bleiben länger fit und gesund. «Das sieht man beispielsweise an der Tabelle der ältesten Mount-Everest-Bezwinger», erklärt der österreichische Demograf und Altersforscher Sergei Scherbov. 1953 war das ein 39-Jähriger; 2013 schaffte es ein 80-jähriger Japaner.

Für die Menschen im mittleren Lebensabschnitt heisst die Abflachung der Alterskurve: 40 ist das neue 30. Scherbov:

«2010 hatten 40-jährige Menschen die gleiche Lebenserwartung wie 30-jährige in den 1960er-Jahren.»
Sergei ScherbovAltersforscher

Sergei Scherbov
Altersforscher

Und das sei nicht nur eine abstrakte Zahlenspielerei. Wer heute die 40 überschreite, fühle sich genauso fit wie jemand, der in den 1960er-Jahren die 30 hinter sich liess. Das gilt auch für Sportler.

Die Kehrseite: Zwei Drittel sind Bewegungsmuffel

Scherbov empfiehlt daher, das Alter nicht nur als reine Zeitangabe zu betrachten, sondern auch die körperliche und mentale Fitness des Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt einzubeziehen. Demnach sind einem 40-Jährigen heute durchaus sportliche Spitzen­leistungen zuzutrauen.

Aber einem 65-Jährigen sind eben auch noch diverse Jahre im Beruf zuzutrauen. Scherbovs Vorschlag: Alt im Sinn von «Rentenanspruch» sei man, wenn man noch etwa 15 Jahre zu leben habe. Die Schweiz könnte also über eine Rente mit 68 nachdenken.

Bleibt festzuhalten, dass es sich bei all den Zahlen in den Alterungsmodellen um Durchschnittswerte handelt. Es mag also immer mehr Spitzenathleten unter den Ü40ern geben, doch es gibt auch immer noch jenes Ü40-Modell, das seine sportlichen Aktivitäten zu den Akten gelegt hat.

Laut Bundesamt für Statistik bewegen sich zwei Drittel der Schweizer zu wenig, und bei den Bürgern um die 30 kann man geradezu von einem schockartigen Bewegungsstillstand sprechen. Aus ihren Reihen wird wohl kein Wimbledon-Sieger kommen.

Nachgefragt

«Der finanzielle Aspekt ist nicht unwesentlich»

German CléninPräsident der Gesellschaft für Sportmedizin

German Clénin
Präsident der Gesellschaft für Sportmedizin

zvg

Wieso können 40-jährige Sportler mit den Besten der Welt mithalten?

German Clénin: Athleten in diesem Alter zählen auf eine sehr grosse Erfahrung. Sie bewahrt vor Verletzungen. Sie sorgt dafür, dass die Sportler sich technisch und taktisch auf dem höchsten Niveau befinden, und sie wissen dadurch ganz genau, wie sie trainieren müssen. Die Effizienz ist maximal. Das kann mit 40 Jahren die kleine Einbusse im Bereich Schnelligkeit kompensieren.

Sind ältere Sportler heute leistungsfähiger als früher?

Sie können konsequenter trainieren und ihr Niveau besser konservieren. Ein Grund ist der finanzielle Aspekt. Er ist nicht unwesentlich. Viele Sportler hören auf, weil sie aus finanziellen Gründen eine andere berufliche Karriere einschlagen müssen. Heute ist es viel eher möglich, mit dem Sport den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Welche Rolle spielen Fortschritte in der Sportwissenschaft?

In vielen Ländern profitieren Sportler heute von einer guten medizinischen Betreuung. Sie haben Sportpsychologen und Ernährungsberater zur Hand. Das war noch vor 25 Jahren wenigen vorbehalten. Die Verletzungshäufigkeit spielt eine Rolle. Je konstanter man sein Training durchziehen kann, desto länger kann man auch die Leistungsfähigkeit konservieren.

Was muss ein 40-jähriger Sportler anders machen als ein 20-jähriger?

Er muss das Hirn einschalten, aber das macht er sowieso. Er macht automatisch vieles anders. Mit seiner Erfahrung kennt man die Abläufe haargenau. Der 40-Jährige weiss bis ins Detail, in welchem Bereich er investieren muss und in welchem nicht. Ein junger Athlet probiert öfter Dinge aus, die letztlich nicht oder nur bedingt funktionieren.

Sind auch 40-jährige Hobbysportler leistungsfähiger als früher?

Zu diesem Thema fehlen Langzeitstudien. Der Sportarzt Christian Aebersold hat in einer Studie aufzeigen können, dass auch 60-jährige OL-Läufer noch über eine Sauerstoffaufnahme verfügen, die gleich gut ist wie jene eines durchschnittlichen 20-Jährigen. Das zeigt, dass athletische Fähigkeiten nicht so rasch nachlassen, wie man dachte. (rs)

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