Essay
Unser aller Leidensweg - Stossen wir aufs Leben an!

Ostern ist alles: Tod und Auferstehung, ewiges Leiden und langersehnte Erlösung. Wir können uns aus diesem Zyklus heraus ein Beispiel für die Krise nehmen. Und zwischenzeitlich radikal akzeptieren, dass jetzt alles erstmal weitergeht wie bisher.

Anna Miller
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Ein Weg des Hoffens und Bangens voller Licht und Schatten.

Ein Weg des Hoffens und Bangens voller Licht und Schatten.

Getty

Wir essen noch ein letztes Mal zusammen, wir sitzen alle an einer langen Tafel und freuen uns aneinander, eine letzte, gemeinsame Nacht, bevor Krise und Tod und Leiden über uns hereinbrechen, und nichts mehr so ist, wie es war. Auch wir hatten eine Art letztes Abendmahl, vor der Corona-Krise, wir als Menschen, als Gruppe, als Familie, als Nation, als Welt.

Wir hatten eine Zeit vor März 2020, und seither hocken wir in unseren Stuben und hoffen auf Erlösung, auf irgendeine höhere Macht, die kommt und uns rettet, entweder glauben wir an einen Gott oder wir glauben an die Wissenschaft, vielleicht glauben wir auch einfach an beides oder an nichts davon.

Seit über einem Jahr zieht sich diese Krise mittlerweile dahin. So zäh und so langwierig, dass wir darin kaum mehr Hochs und Tiefs erleben. Wir stecken fest, in einer Situation, die immer neue Wendungen nimmt, aber im Moment noch selten gute. Wir schauen über die Grenzen hinüber zu anderen Ländern, Länder wie Israel oder Grossbritannien, die Krise scheinbar so viel besser können als wir, die schon grosse Teile ihrer Bevölkerung durchgeimpft haben, eine vermeintliche Sicherheit, derweil tauchen erste Meldungen von neuen Mutationen auf, gegen die auch die neuste Impfung nichts nützt.

Wir spüren einen Drang in uns, andere zu verspotten, die nicht denken wie wir

Wir fühlen uns verraten und bestraft, wenn wir mitbekommen, wie einige von uns die ersten Reisen auf die Balearen unternehmen oder Ski fahren gingen oder sich mit Hunderten anderen Jugendlichen auf einem Platz in St. Gallen treffen, um Party zu machen. Wir spüren einen Drang in uns, Andersdenkende zu verspotten. Wir haben in Diskussionen manchmal Zweifel an unserer eigenen Wahrheit und dann aber doch einen unerschütterlichen Glauben daran, dass wir auf der vermeintlich richtigen Seite der Diskussion stehen, zu wissen glauben, was die Politik falsch macht, wie wir es alle besser machen müssten, was dieser ganzen Katastrophe noch fehlt, um endlich in Erlösung zu münden und wer daran schuld ist, dass alles anders ist, als wir es uns wünschen würden.

Diese Krise ist unser aller Leidensweg.

Wir tragen allesamt ein Kreuz, wir tragen es den Berg hoch und wir tragen es an anderen Menschen vorbei, bloss, dass wir auf dieser Reise nicht alleine tragen, auch wenn es sich manchmal berechtigterweise so anfühlt, und wir uns als Gesellschaft noch dazu entscheiden können, ob wir der Demütigung des Einzelnen Raum geben wollen und uns alle gegeneinander auflehnen oder ob wir zusammenstehen wollen.

Und das Schlimmste ist, dass wir nicht wissen, wie lange wir noch schleppen. Ob das Leiden ein Ende hat. Wie dieses Ende aussieht. Ob Erlösung kommt, und wenn ja, in welcher Gestalt, in welcher Form.

Sollen wir nun über das Prinzip Hoffnung nachdenken? Nach all den Monaten des Hoffens und Bangens und immer neuen Enttäuschungen, haben wir Hoffnung da überhaupt noch Zeit und Geduld und Kraft? Ist denn ein Ende in Sicht? Ist denn da Licht am Ende des Tunnels? Leiden wird erträglich, wenn man glaubt und hofft, und wenn das Ende des Tunnels in Sicht ist. Wenn man keine Perspektive hat und das Leiden zum grossen, dauerhaften Zustand wird, dann ist Hoffnung nicht mehr so leicht zu wecken.

Nur, weil wir akzeptieren, wie ein Zustand gerade ist, wie wir uns gerade fühlen, wie der andere sich gerade verhält, heisst das nicht, dass wir es auch gutheissen oder sogar wollen.

Vielleicht ist es in Ordnung, für ein paar kurze Momente nicht mehr zu hoffen. Sich nicht ständig aufzuraffen und an das Gute zu glauben. Vielleicht ist der Moment gekommen, die Realität anzuerkennen, wie sie ist. Ungeschönt. Nackt. Radical Acceptance nennt sich das in der Psychologie, radikale Akzeptanz. Klingt erstmal furchtbar. Nach Aufgeben. Nach Resignation.

Doch es ist das Gegenteil davon. Nur, weil wir akzeptieren, wie ein Zustand gerade ist, wie wir uns gerade fühlen, wie der andere sich gerade verhält, heisst das nicht, dass wir es auch gutheissen oder sogar wollen. Aber wir anerkennen dennoch die Realität. Wir wollen und können sie nicht mehr ändern, weil sie gerade ist, wie sie ist, und das an sich, ringt man sich durch zu dieser Akzeptanz, hat etwas Erlösendes. Wir müssen dann nicht mehr die Bürde der blinden, ablehnenden Wut tragen, und wir müssen auch nicht an der Realität verzweifeln. Indem wir uns für sie öffnen, können wir sie stehen lassen. Und sie uns.

Das Konzept der radikalen Akzeptanz ist der Achtsamkeits-Idee des Buddhistischen entlehnt und wird im psychotherapeutischen Zusammenhang eingesetzt, um eine Reihe von psychischen Störungen zu mildern.

Es wird davon ausgegangen, dass psychisches Leiden auch daher rührt, dass wir uns zu sehr mit unseren Gedanken und Emotionen identifizieren und gleichzeitig vermeintlich negative Gedanken und Emotionen in uns übermässig ablehnen. Wir lehnen also unsere eigene Realität und unser eigenes Sein als vermeintlich falsch ab, und auch die Umwelt. Die so genannte Akzeptanz- und Commitmenttherapie kann unter anderem bei Angsterkrankungen, bipolarer Störung und Essstörungen helfen.

Gerade jetzt kann uns Akzeptanz helfen, mit der Krise zurecht zu kommen

Doch auch wenn wir nicht klinisch krank sind, auch wenn wir nicht täglich hadern, kann uns gerade jetzt Akzeptanz helfen, mit der aktuellen Krise besser zurecht zu kommen. Denn sie hilft uns, uns selbst ernster zu nehmen, uns und unsere Gefühle, seien sie in den Augen anderer noch so unberechtigt oder berechtigt, besser anzunehmen. Und sie kann Kräfte bündeln für Neuanfänge und alternative Wege aus der Krise, weil unsere Ressourcen nicht ständig von Selbstzweifeln und dem Kampf gegen uns selbst oder die Realität gefressen werden.

Wir können beispielsweise anerkennen, dass wir in den letzten Monaten Dutzende kleine Tode gestorben sind, auch wenn wir noch leben. Aus Sorge um Angehörige, oder aus Frust, weil das Leben scheinbar zum Stillstand kam. Wir können anerkennen, dass vieles gestorben und verwelkt ist, was wir vor einem Jahr noch für lebendig und unentbehrlich hielten. Reisen, Freundschaften, Arbeitsplätze, Beziehungen.

Annehmen, dass wir nicht mehr müssen, nicht mehr können, dass wir nicht hoffnungsfroh sind und es auch nicht sein müssen, dass diese Ostern wieder anders wird als die vorletzte und doch auch ein bisschen gleich wie letztes Jahr, kann helfen. Ausgerechnet die Akzeptanz von Stillstand, Tod und das sich Fallenlassen in den Zyklus des Lebens ermöglicht Wandel und Neubeginn.

Vieles wird anders sein, vieles genau wie immer, wir werden noch viele kleine Tode sterben und ab und an aufhören zu hoffen.

Alles in der Natur muss vergehen, um neu blühen zu können, jetzt war gerade wieder Zeitumstellung, die ersten Narzissen öffnen sich, die Vögel zwitschern von den Bäumen, Ostersonntag aufersteht Jesus, wir suchen wieder Eier und Milchschokolade-Hasen, ein paar Kirchenglocken läuten, wie alle Jahre, ein paar Kirchenglockengegner nerven sich.

Wir werden wieder mit den Augen rollen, weil unsere Familie am Ostertisch wieder die gleichen Geschichten erzählt wie jedes Jahr, vielleicht gibt's noch einen Osterspaziergang an der Sonne, einige fahren ins Tessin, es wird wieder Staumeldungen durch den Äther fliessen und einige machen fluchtend und rauchend an der Raststätte Halt.

Vieles wird anders sein, vieles genau wie immer, wir werden noch viele kleine Tode sterben und ab und an aufhören zu hoffen, vielleicht werden wir dann ein paar Momente haben, in denen wir die Realität dann doch akzeptieren können, radikal, so, wie sie gerade ist, und uns fallen lassen da hinein, und irgendwann wird die Erlösung kommen oder auch nicht, egal, wir leben weiter, stossen wir aufs Leben an!