Trotz Klimascham und Pandemie können wir das Reisen nicht lassen – gut so!

Essay
Trotz Klimascham und Pandemie können wir das Reisen nicht lassen – gut so!

Bild: Getty Images

Nichts machte uns Corona stärker bewusst als die eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Nun können wir wieder reisen – und eintauchen in eine ­Freiheit, die wir brauchen wie die Luft zum Atmen.

Anna Miller
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Ich zähle die Tage. Die Tage bis zu meiner zweiten Impfung. Danach der Arm, der wehtut, vielleicht ein bisschen Schüttelfrost und Fieber, ein Wochen­ende im Bett, obwohl draussen die Sonne scheint. So male ich mir das Szenario der letzten Stunden aus, die ich noch eingeschränkt irgendwo liege, bevor es in die Ferien geht. Nicht unmittelbar danach, aber bald danach. Ich habe mir gar keine riesigen Sprünge vorgenommen, keine Fernreise, keine exotische Insel. Ich träume lediglich von Italien. Ich träume seit Monaten vom Meer.

Es schmerzt mich fast, wenn ich an das Rauschen denke, mir den Salzwassergeruch in die Nase erinnere, den frischen Orangensaft, der gar nicht so besonders anders ist als hier in der Küche gepresst, und doch. Er gehört zu einem Ritual von Meer und Sommer und Italien und Freiheit und Wind im Haar, und dem Gefühl, endlich einmal durchzuatmen.

Dtrand an der Adria: Hier wollen diesen Sommer alle hin.

Dtrand an der Adria: Hier wollen diesen Sommer alle hin.

Bild: Imago

Ich bin damit nicht allein. Die Reiselust der Schweizerinnen und Schweizer steigt seit Monaten: Das Marktforschungsinstitut GfK vermeldete Anfang Juni, dass bloss jeder Fünfte Ferien im kommenden Sommer aktuell kategorisch ausschliesst. Rund 80 Prozent der Befragten haben entweder schon etwas geplant oder überlegen sich dies. Über 70 Prozent wollen sich laut Umfrage gegen Corona impfen lassen. Nur rund 16 Prozent der Befragten sagen explizit, dass sie sich nicht werden impfen lassen. Über ein Viertel der Befragten hat inzwischen sogar bereits eine oder zwei Spritzen erhalten, ein weiteres Drittel hat bereits Termine oder sich zumindest registriert.

Das Mittelmeer steht diesen Sommer hoch im Kurs. Auch weil das Bundesamt für Gesundheit nun grünes Licht gegeben hat für alle italienischen Strände und beispielsweise französische Regionen wie Occitanie und Provence-Alpes-Côte d’Azur. Und auch weil es mit viel mehr Unklarheiten verbunden ist, weiter weg zu fahren. Also wagen wir uns in diesem Zwischensommer, wie Experten den Sommer 2021 auch nennen, irgendwo zwischen Krise und Neubeginn, nicht wirklich weit aus der Komfortzone ­hi­naus.

Dazu passt, dass wir nun wieder vermehrt über Klimafragen nachdenken. Auch wenn die Absage ans CO2-Gesetz von vergangenem Sonntag etwas anderes signalisiert: Viele Schweizerinnen und Schweizer nehmen vermehrt den Zug oder das Auto, statt zu fliegen. So stocken die SBB rechtzeitig zu den Sommerferien ihr Zugangebot in den ­Süden auf. Und wir fahren damit über die Grenze, beispielsweise nach Italien.

Studien zeigen: Schon die Vorfreude macht glücklicher

Bereits die Vorfreude auf eine geplante Reise macht den Menschen glücklicher. Das zeigen Studien. Auch dass die befragten Personen, die Ferien planten, ihre familiäre und gesundheitliche Situation positiver bewerteten.

Das Licht am Ende des Tunnels; das Reisen: ein Gefühl, das wir uns nach Monaten der Krise noch sehnlicher wünschen als sonst schon. In der Ferne, so nah sie sein mag, mal wieder sich selbst begegnen. Und sich selbst neu in der Welt.

Wie habe ich das Wegfahren vermisst! Was mich erstaunt. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das Reisen fehlen würde. Dass ich nach ein paar Monaten in der Schweiz so sehr nach dem Ausland lechze. Obwohl es hier doch so schön ist, es uns an nichts fehlt. Tiefe Seen, schöne Wälder, Vielsprachigkeit. Und ich, die mit 20 nie wirklich weit weg wollte. Noch nie Interrail gemacht hat. Noch nie in Südamerika war, wie Tausende andere in meinem Alter damals, das Erste, was anstünde, nach dem Abschluss.

Wunder der Natur: Die Iguazu-Wasserfälle an der Grenze zwischen Brasilien und Argentinien.

Wunder der Natur: Die Iguazu-Wasserfälle an der Grenze zwischen Brasilien und Argentinien.

Bild: CH Media

Denke ich mir deshalb: Du musst die Welt noch anschauen gehen, vielleicht ist es bald zu spät dafür? Weil die Kinder kommen oder der Klimawandel, eine neue Krise, neue Viren. Oder das Leben schlicht andere Pläne schmiedet, denen ich auch folge.

Das schönste Zuhause wird irgendwann zum goldenen Käfig

Corona hat uns die Endlichkeit von Dingen neu vor Augen geführt. Uns daran erinnert, dass sich alles ändern kann, von einem Moment auf den anderen. Dass es nicht damit getan ist, die Dinge auf morgen, auf Dienstag, auf nächstes Jahr zu verschieben. Corona hat uns vor Augen geführt, dass wir, die normalerweise mehr oder weniger freiwillig den ganzen Tag auf einem Stuhl sitzen und Pendenzen abarbeiten, tief erschüttert werden, wenn uns Bewegung entrissen wird. Wenn plötzlich geografische Alternativlosigkeit dominiert. Da wird auch das schönste Zuhause irgendwann zum goldenen Käfig.

Denn der Mensch sehnt sich im Grunde seines Daseins danach, Grenzen zu überwinden. Zu wachsen. Sich zu spüren. Wir liegen zwar im Alltag oft und gern auf dem Sofa und lassen uns von Pendenzen erschlagen, geben dem inneren Schweinehund nach und schieben vieles auf morgen. Doch am Flughafen schon, auf dem Zuggleis, im Bus, der losfährt, packt uns Abenteuerlust, der Hunger danach, unsere Komfortzone zu verlassen.

Natürlich, viele wollen auch einfach alle Hemmungen fallen lassen, billiges Bier in ihren Bauch giessen und sich einfach mal an gleichem Ort und gleicher Stelle von der Sonne rot anscheinen lassen. Doch dem ewigen Partymacher und dem All-inclusive-Buffet-Mädchen sind im Grunde gemein: Auch sie wollen sich mal fallen lassen, in eine Parallelwelt abtauchen, es sich so anders ergehen lassen als daheim. Sich mal lächerlich aufführen und die Sau rauslassen. Auch dazu sind Ferien da. Dass man, soweit das heute im Zuge der Digitalisierung noch geht, in der Anonymität versinken kann. Jemand ganz anderes sein, niemandem Rechenschaft ablegen müssen.

Der Massentourismus wird vielleicht nicht so rasch wiederkommen, wie er vor der Pandemie präsent war. All die Menschen, die mit Easyjet für 50 Franken nach Barcelona oder Berlin flogen. Als 2017 nach Angaben der Weltorga­nisation für Tourismus über 1,23 Mil­liarden weltweite grenzüberschreitende Reiseankünfte gezählt wurden – 1950 waren es 25 Millionen. Als Experten noch prognostizierten, bis 2035 ver­dreifache sich die Anzahl der Flug­passagiere weltweit. Als die Branche mit dem Bedarf an 37000 neuen Flug­zeugen rechnete.

Übers Wochenende günstig in Mallorca trinken gehen – das wird in naher Zukunft nicht so einfach möglich sein.

Übers Wochenende günstig in Mallorca trinken gehen – das wird in naher Zukunft nicht so einfach möglich sein.

Bild: Keystone

Jetzt ist nach der Krise, und auch wenn wir alle wieder ­reisen wollen: Vielen Menschen wird es an finanziellen Mitteln fehlen, wieder im grossen Stil umherzujetten. Und dann ist da natürlich die Flugscham und die Forderung nach nachhaltigem Konsum. Auch wenn klimapolitische An­liegen in den letzten Monaten in der ­Pandemie das Nachsehen hatten und die Schweiz das CO2-Gesetz vergan­genen Sonntag bachab schickte, fliessen Überlegungen, ob und wie weit und zu welchem Preis man fliegen soll, in die Reisepläne der Schweizerinnen und Schweizer ein.

Im Zuge aktueller Debatten könnte man manchmal meinen, dass nur ein Mensch, der nicht reist, ein guter Mensch ist. Das sehe ich anders. Klar: Die Zeiten, in denen Radio Energy als Gewinnspiel-Preis mit einem 48-Stunden-Kurztrip nach Las Vegas warb, sollten vorbei sein. Genauso wie schnelles, billiges, umweltschädigendes Dauerkonsumieren von Stränden, bloss um auf Social Media damit prahlen zu können, mal wieder eine Cola Light im Sand getrunken zu haben. Doch das bedeutet nicht, dass Fliegen per se verboten gehört. Es ist wie mit allem: Die Frage ist nicht ob, sondern in welchem Mass.

Wirkliches Reisen hat die Bereicherung des Geistes zum Kern, die Horizonterweiterung. Das Ablegen der eigenen Ignoranz. Ich möchte lernen, andere Bräuche und Sitten erleben, andere Menschen und Kulturen erfahren. Nicht über einen Browser, sondern dreidimensional. Langsam reisen. Überlegt und bewusst den authentischen Transport dafür auswählen, den Zug, den Bus. Auch mal mit dem Fahrrad. Auch mal mit dem Flugzeug. Das ist mir nach der Pandemie noch bewusster als davor. Meinem Leben würde etwas fehlen, könnte ich nicht weg. Dann wüsste ich weniger darüber, wo ich hin will. Wo ich hingehöre und was mich vom anderen unterscheidet, was mich mit ihm eint.

Wer Neues entdeckt, kann sich besser erholen

Wer auf Reisen oder in den Ferien etwas Neues lernt oder etwas erreicht, was er oder sie sich schon lange vorgenommen hat, kann nicht nur Neues an sich entdecken, sondern sich auch besser erholen, wie die Arbeitspsychologin Carmen ­Binnewies von der Universität Münster erforschte.

Reisen kann, überwiegt der Stress nicht die Freude, entspannter, glücklicher und klüger machen. Denn wenn wir freimachen, sinkt die Menge an Stresshormonen in unserem Blut. Wer hingegen seltener in die Ferien fährt, erhöht laut einer amerikanischen Längsschnittstudie sogar das Risiko für einen Herzinfarkt. Schon ein Tag weg von zu Hause hat gegenüber dem freien Tag in gewohnter Umgebung einen positiven Effekt. Es lohnt sich also auch für kurze Strecken, die eigenen vier Wände zu verlassen.

Ich freue mich aufs Meer. Falls Sie zu Hause bleiben: Keine Sorge! Studien belegen, dass ich nach höchstens einem Monat wieder genau so drauf bin wie immer. Denn Ferien und Reisen sind grossartig. Aber in den Alltag herüberretten können wir ihre magischen Stunden nicht. Vielleicht liegt genau darin ihr grösster Zauber.

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