Doppelleben

Er hat über hundert Kinder gezeugt: Einblick in das verdeckte Leben eines Samenspenders

Über tausend Kinder kommen in der Schweiz jedes Jahr durch Samenspende zur Welt.

Über tausend Kinder kommen in der Schweiz jedes Jahr durch Samenspende zur Welt.

Mark Rothenach ist seit acht Jahren Samenspender. Auszüge aus dem Alltag eines Mannes, der viel Organisation und Standhaftigkeit braucht.

Manchmal, wenn ein Paar Mark Rothenach anfragt, ob er ihnen ein zweites Kind macht, und sie sich alle zusammen zum Kaffee treffen, sieht er eines seiner Kinder im Kinderwagen. Er beugt sich dann vor und schaut es an, Augen, Nase, Haare, er schaut, ob es ihm ähnlich sieht, und die Eltern erzählen ein wenig aus ihrem Leben als Familie und sagen Sätze wie: Er ist ein Lieber, oder: Sie weint viel.

Viel mehr wird Mark nie über seine Kinder erfahren, über all die vielen Kinder, die er in den letzten acht Jahren seines Lebens gezeugt hat. Das ist ihm recht. Seit acht Jahren ist Mark privater Samenspender, ein gross gewachsener Mann mit warmen, braunen Augen, Ende dreissig, der ländlich wohnt und der hier weder seinen echten Namen lesen will noch ein Foto sehen.

Niemand in seinem Leben weiss, dass er Samen spendet, nicht mal sein Vater, nicht mal der beste Freund. Seit acht Jahren lebe er ein Doppelleben. Das klappe bisher ganz gut. «Es gibt keine Grauzone in dieser Sache», sagt er.

Da ist es besser, gar nicht erst anzufangen, sich zu erklären.

Viele bestellen sich die Spermien bei Bekannten oder über Internet

Über tausend Kinder kommen in der Schweiz jedes Jahr durch Samenspende zur Welt. Die Nachfrage steigt vor allem bei Singlefrauen und lesbischen Paaren. Doch das Gesetz in der Schweiz ist klar: Nur verheiratete heterosexuelle Paare dürfen von klinischen Samenspenden Gebrauch machen. Zwar empfahl die Nationale Ethikkommission Mitte Februar, im Sinn der Nichtdiskriminierung die Spermienspende auch für unverheiratete Paare zuzulassen. Ebenso sprach sich eine Mehrheit der Kommission für die Zulassung für allein­stehende Frauen und gleich­geschlechtliche Paare aus.

Ob und wann dieser Vorschlag ins Parlament kommt, ist jedoch nicht absehbar. Und so weichen viele alleinstehende Frauen sowie unverheiratete heterosexuelle oder lesbische Paare in den Grau­bereich des Gesetzes ab. Fahren für die Samenspende nach Spanien. Holen sich Spermien über Bekannte. Oder im Internet, bei Menschen wie Mark Rothenach.

In der Schweiz gibt es bereits Regenbogenfamilien, obwohl Samenspende für lesbische Paare bisher noch nicht erlaubt ist.

In der Schweiz gibt es bereits Regenbogenfamilien, obwohl Samenspende für lesbische Paare bisher noch nicht erlaubt ist.

Wir sitzen in einem Café, die Herbstsonne scheint auf uns herab, am Nebentisch schreit ein Baby, ist das vielleicht seins? «Nein, ich gebe mir viel Mühe, es nicht in der Gegend zu zeugen.» Normalerweise fahre er ziemlich weit weg, nach Basel, nach München oder noch weiter.

Mark trifft die Frauen, die sich ein Kind von ihm wünschen, an möglichst neutralen Orten, er fragt sie vorgängig, ob sie den Samen gerne in einem Becher hätten oder direkt, und wenn sie sagen: Direkt, dann schläft er mit dieser Frau, aber immer nur sehr kurz, so kurz, dass es für einen Samenerguss reicht, sich aber keine Gefühle entwickeln können. «Ich will keine Nähe zulassen, und die Frauen auch nicht. Es geht um die reine Zeugung. Gefühle würden alles nur komplizierter machen.»

Ist der Vater zuhause auch der Zeuger des Kinds?

Ist der Vater zuhause auch der Zeuger des Kinds?

Einmal, sagt Mark, habe er sich doch verliebt, und sie sich in ihn, «dann musst du dieser Sache den Wind aus den Segeln nehmen, das stünde unter keinem guten Stern». Er wolle sowieso keine Beziehung beginnen, die mit dieser Art von Kennenlernen ihren Anfang genommen hat, da sei er schon ein bisschen romantischer veranlagt.

Deshalb sind ihm die Samenspenden für heterosexuelle Paare am liebsten, dort ist die Ausgangslage unverdächtig, sagt er. Da gibt’s eine Mutter und einen Vater, und keiner, der anfängt, Fragen zu stellen. Bei homosexuellen Paaren ist die Sache oft auch ziemlich klar. Gefährlich, emotional und auch sonst, wird’s erst bei den alleinstehenden Frauen, wegen der Liebe, «aber auch, weil sie mir dann vielleicht das Kind anhängen».

50 Paare Schweizweit laufend in Behandlung

Es gibt acht offizielle Anbieter in der Schweiz, bei denen sich verheiratete heterosexuelle Paare Samen injizieren lassen können. Ein paar hundert Paare im Jahr wollen diesen Weg der Befruchtung gehen. «Der Bedarf ist mehr als gedeckt», sagt Peter Fehr, ärztlicher Leiter der Fruchtbarkeitsklinik OVA-IVF in Zürich.

50 Paare seien laufend bei ihm in Behandlung, man habe um die 40 Spender, jeder von ihnen darf maximal acht Kinder zeugen. Alles andere wäre unverantwortlich, sagt Fehr. «Das Kindswohl steht über allem, und statistisch wurde errechnet, dass Inzest möglich ist, wenn ein Mann allein zu viele Kinder zeugt.»

Nicht nur deshalb geht der Mediziner Fehr mit dieser Art der Samenspende hart ins Gericht. «Der Mann handelt verantwortungslos – er setzt die Frauen einer gewissen Gefahr aus, und er denkt auch nicht abschliessend an die Kinder», so Fehr. Nachfolgekrankheiten, die erst ans Licht kommen, wenn die Kinder 20 Jahre alt sind, seien möglich, und bei Dutzenden Kindern liegt das nun mal anders als bei einem. Deshalb plädiert Fehr schon lange für eine Anpassung des Gesetzes.

Mark sagt, er sei da irgendwie reingerutscht. Ein Kollege, den er von der Arbeit kannte, fragte ihn, ob er seinen Samen spenden wolle – das Paar konnte nicht schwanger werden. Mark ist überrumpelt, damals, am Telefon, fängt aber an, sich kundig zu machen, googelt erste Begriffe. Fast willigt er ein.

Doch dann wird ihm klar, dass ihm diese Art von Beziehung zu nah wäre, er würde dann dieses Kind an Familienfesten sehen und an Grillpartys seiner Kollegen, und alle müssten so tun, als gäbe es keine Verbindung, dabei ist er doch der biologische Vater dieses Kindes. Mark sagt ab.

Er will nicht wissen, wo die Leute wohnen

Das Thema lässt ihn nicht mehr los. Mark schaltet eine Annonce im Internet, die erste Frau meldet sich. Das erste Treffen wird vereinbart, in einem Café in Basel. Ein paar Tage später sitzt Mark vor einem homosexuellen Paar, rund eine Stunde lang, sie sagten, er habe keine Rechte und keine Pflichten, er sagt, das Kind könne ihn mal kennen lernen, wenn es wolle, mit 16 oder 18.

Sie sagen, er solle sich nicht melden, nicht schreiben, nicht anrufen, das Treffen würde auf neutralem Terrain stattfinden, und er sagt: Das ist ganz in meinem Sinn. Er will von Beginn weg nie wissen, wo die Leute wohnen. «Sonst fährst du da noch hin und stellst dich vor den Zaun und willst plötzlich schauen, ob da grad dein Kind im Garten spielt.»

Ist das vielleicht meines? Der Samenspender will es nicht wissen.

Ist das vielleicht meines? Der Samenspender will es nicht wissen.

Sie fragen, ob er Hobbys hat. Bist du sportlich? Was bist du von Beruf? Sie diskutieren kurz über Umweltfragen, sie sagen, sie seien politisch engagiert, er sagt, ich fahre Auto, aber auch Zug. «Bist du Raucher?», fragen sie, und er sagt: «Ab und zu eine Zigarette.» Viel Alkohol? «Im normalen Rahmen, wenn ich weggehe, mal ein Glas Bier oder Wein.»

Prämie bei erfolgreicher Befruchtung

Sie vereinbaren, wo und wann sie sich treffen. Wie der Sex ablaufen soll. Wie die Samenspende. Sie vereinbaren ein Honorar, zwischen 80 und 450 Franken pro Erguss, das gilt bis heute, je nach Aufwand, ob er reisen muss, sich freinehmen bei der Arbeit. Manchmal gibt es bei erfolgreicher Befruchtung eine Prämie, doch mehr als 1200 Franken waren das nie.

Die Frau und er besprechen auch den ungefähren Zeitpunkt des Eisprungs, damit er sich das alles in den Kalender eintragen kann. Mit den Monaten kommen immer mehr Anfragen rein, sie kommen aufgrund von Mundpropaganda, Mark muss gar nicht viel tun. Seine Zeugungsfähigkeit spricht sich herum, und manchmal wollen Paare eben auch ein zweites Kind, ein Geschwisterchen für das erste, am besten aus dem gleichen Genmaterial.

Wenn die Frau den Eisprung hat, dann geht es schnell. «Dann», sagt Mark, «musst du verfügbar sein». Zeitweise wird das Samenspenden anstrengend, wenn er drei, vier Frauen koordinieren muss, verschiedene Städte, verschiedene Hotelzimmer, verschiedene Zyklen, alles organisieren neben einem Vollzeitjob im Büro.

Mark beginnt, Tabellen zu führen und alles fein säuberlich zu notieren, den Namen, den Zyklus, die Stimmung, die Anzahl Versuche; «wie geht es dir?»; Treffen am 18. November; heute Brustspannen; noch drei Tage bis zum Eisprung, «hast du Zeit für ein Treffen?»

Junge Männer in der Schweiz haben schlechte Spermaqualität

Laut Bundesamt für Statistik liegt die Ursache der Unfruchtbarkeit in vier von zehn Fällen beim Mann, in zwei von zehn Fällen bei der Frau und in drei von zehn Fällen bei beiden Partnern.

Eine nationale Studie der Universität Genf zur Spermaqualität junger Männer in der Schweiz kam 2019 zum Schluss: Bei 60 Prozent der untersuchten Männer liegen Konzentration, Beweglichkeit oder Morphologie der Spermien unter den Referenzwerten der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Auch werden Frauen immer älter, bevor sie Kinder bekommen. Viele Paare nehmen deshalb medizinische Hilfe in Anspruch, versuchen in vitro, fliegen für Eizellen-Spenden ins Ausland.

Die Spermienqualität der Männer ist schlechter als früher.

Die Spermienqualität der Männer ist schlechter als früher.

Seine Spermien hätten Mark reich machen können. Denn die Fertilitätsindustrie boomt. Viele Paare geben ein halbes Vermögen dafür aus, endlich ein Kind zu bekommen. Marktforscher von Data Bridge schätzen, dass sich der weltweite Markt für Fertilitätsdienstleitungen und Produkte von aktuell 25 Milliarden US-Dollar bis 2026 auf über 41 Milliarden Dollar fast verdoppeln könnte. Die Versicherung Sanitas bietet gar eine Kinderwunsch-Versicherung an.

Warum verlangt Mark nicht mehr als ein paar hundert Franken? Weil es ihm nicht ums Geld gehe, sagt er. Es ist, als würde man einen Samen einpflanzen und der Pflanze dann beim Wachsen zusehen und wissen: Das hab ich gesät. Leben spenden macht Mark zufrieden.

Und irgendwie sei das Spenden auch zu einer Art Sucht geworden. «Man will wissen, was aus einem wird.»

Zeitweise führt er 12 Samenspenden pro Monat durch. «Problematisch wird es, wenn zwei Frauen gleichzeitig den Eisprung haben», sagt er routiniert. Oder wenn er in die Ferien fahren will. Wenn Mark Freunde trifft und zu spät kommt, sagt er einfach, er habe noch arbeiten müssen, und alle nicken und bestellen noch ein Bier.

Mal was anderes machen als immer nur Sex

Manchmal sitzt Mark bei sonnigem Wetter in einem Hotelzimmer und denkt: Ich würde jetzt lieber Sport machen oder mich mit Freunden treffen, statt Sex zu haben. Manchmal hat Mark genug von Sex. «Ich bin ja keine Potenzgranate. Und der Erwartungsdruck ist relativ gross. Du musst liefern können. Aber ich kann relativ gut damit umgehen. Ich sage mir dann immer: Wes wott, de wotts, und wes nöd wott, de wotts nöd.» Manchmal wird die Frau nach dem ersten Mal schon schwanger, manchmal braucht es zehn Anläufe, und manchmal klappt es gar nicht.

Und selber mal ein Kind? Schon, das wäre schön, sagt Mark. Mit einer Frau, die er liebt. In einer monogamen Partnerschaft. Davor aber noch das Leben geniessen, bevor das erste eigene Kind kommt. Wieder mehr reisen statt ständig nur Sex.

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