Entdeckungstour
Schweizer Städte zieren vor allem Statuen von Männern – zu Unrecht, wie ein Blick auf die Geschichte St.Gallens zeigt

Die berühmteste St.Gallerin liess sich zehn Jahre einmauern und bezahlte mit dem Märtyrertod. Zeit, sie und andere auferstehen zu lassen.

Katja Fischer De Santi
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St.Gallen von oben mit dem Stiftsbezirk.

St.Gallen von oben mit dem Stiftsbezirk.

Bild: Shutterstock

Wer St.Gallen hört, der denkt an Bratwurst. Wer diese ohne Senf isst, kennt vielleicht noch Gallus, den Stadtheiligen, und Vadian, den Reformator, beiden wird in der Stadt mit Platz und einer Statue gedacht, den Bischof gibt es auch noch mit seiner mächtigen Kathedrale. An Frauen denkt man bei St.Gallen nicht – oder wenn, dann nur, dass das doch der Kanton war, der noch 1971 das Frauenstimmrecht ablehnte.

Doch, es gibt und gab in St.Gallen einige starke und kühne Frauen, rufen nun aber plötzlich Museen und Kirchen gleichzeitig. Und St.Gallen Bodensee Tourismus stimmt fröhlich mit ein in den zeitgeistigen Chor. Es wird ja 50 Jahre Frauenstimmrecht gefeiert, und der Wind steht günstig, die Stadt am Ostrand der Schweiz mal aus einer anderen, weiblicheren Perspektive zu entdecken. Die Bratwurst lassen wir dafür links liegen, den Stiftsbezirk für einmal auch, heilig wird es trotzdem sehr modisch und kämpferisch auch.

Wiborada, die erste heiliggesprochene Frau überhaupt

Zuerst geht es in einen etwas abgelegeneren, ruhigen Teil der nördlichen Altstadt. Touristen zieht es selten hierher ins St.Mangen-Quartier. Den runden Brunnen mit der schlanken Frauenfigur nimmt kaum jemand wahr. Die Geschichte hinter dieser Statue ist aber spektakulär. Denn die berühmteste aller St.Galler Frauen, sie liess sich im Jahr 916 in die Kirchenmauern einschliessen – zehn Jahre lang lebte Wiborada als Inklusin in einer engen Klause, einzig durch ein kleines Fenster mit der Stadt verbunden.

Die nachgebaute Klause von Wiborada wird wieder bewohnt, jedoch nur je für eine Woche.

Die nachgebaute Klause von Wiborada wird wieder bewohnt, jedoch nur je für eine Woche.

Bild: Ralph Ribi

Sie tat das freiwillig und höchst eigenwillig, mit einem offenen Ohr für die Sorgen und Nöte der Städterinnen und Städter, die sie mit Lebensmittel versorgten. Dank ihrer Klugheit und Weitsicht, so besagt es die Legende, konnte die Stadt vor 1000 Jahren ihre Schätze vor den einfallenden Ungarn verstecken, darunter die kostbaren Schriften der Stiftsbibliothek. Sie selbst flüchtete nicht und bezahlte dafür mit dem Leben. Dafür wurde sie als erste Frau überhaupt heiliggesprochen. Gilt als Schutzpatronin der Bücher und Bibliotheken. In Vergessenheit geriet sie trotzdem.

Moderne Inklusinnen lassen sich für eine Woche einsperren

«Alles fokussiert sich auf das Kloster, das Unesco-Weltkulturerbe, auf Gallus.» Einäugig und männerfixiert sei das, sagt Hildegard Aepli. Die St.Galler Seelsorgerin setzt alles daran, dass sich das in diesem Jahr ändert. Dafür rief sie das Projekt Wiborada 2021 ins Leben, und dafür liess sie sich Ende April selbst eine Woche einschliessen. In eine neugebaute Holzklause, an der Aussenmauer der Kirche St.Mangen, unweit von dort, wo man die historische Zelle der Wiborada heute vermutet.

Eine Darstellung von Wiborada in der Stiftungsbibliothek St.Gallen

Eine Darstellung von Wiborada in der Stiftungsbibliothek St.Gallen

Bild: zvg

Ein offenes Fenster in die Kirche, eines nach aussen, ein Tisch, zwei Stühle, ein schmales Bett, ein WC – mehr gibt es darin nicht. Frisches Wasser und Essen werden vorbeigebracht, wie bei Wiborada auch.

Sich während der Coronazeit einschliessen zu lassen, das scheint fast schon abwegig und sorgte auch für Kritik. Trotzdem fanden sich innert kürzester Zeit acht Frauen und zwei Männer, meist mit theologischem Hintergrund, die sich eine Woche als Inklusin oder Inklus versuchen wollten. Immer samstags wird der Wechsel mit einer kleinen Feierlichkeit vollzogen, der man auch als Besucherin beiwohnen kann.

Es sei eine eindrückliche, tiefgreifende, erschütternde Erfahrung, gab Hildegard Aepli dieser Zeitung zu Protokoll, als sie nach einer Woche wieder aus der Zelle kam. 137 Menschen kamen zu ihr ans Fenster. Mittags um 12.30 und abends um 17.30 wird es für je eine Stunde geöffnet. Noch bis 3. Juli ist die Zelle bewohnt. Danach hofft Aepli, das Projekt in irgendeiner Form weiterziehen zu können.

«Die Nachfrage ist enorm.»
Hildegard AepliSt.Galler Seelsorgerin

Hildegard Aepli
St.Galler Seelsorgerin

Bild: Ralph Ribi

Wer sich nicht gerade einschliessen lassen will, der kann auf dem Stationenweg rund um die Kirche St.Mangen dem Leben und Wirken Wiboradas nachspüren.

Kluge und kühne Frauen, die für Recht und Würde einstanden

Frau und hoffentlich auch Mann muss aber in St.Gallen nicht ins 10. Jahrhundert zurückblicken, um starke Frauen zu finden. Ein schöner Spaziergang durch den Stadtpark zum Historischen und Völkerkundemuseum genügt. «Klug und kühn» ist die Ausstellung betitelt, und wer sich in die dort aufgelisteten Frauenbiografien vertieft, wird zuerst ehrfürchtig und dann wütend. Weil alle diese Geschichten vom Kampf und Ringen um ein eigenständiges, freies Leben handeln, von einem Minimum an Rechten und Würde und von der Unsichtbarkeit dieser Frauen bis heute.

Frauen wie Elise Honegger, die 1879 die erste Frauenzeitschrift mit politischen Inhalten herausgibt. Oder Frida Imboden-Kaiser, die den Grundstein für das spätere Kinderspital legt. Oder Anni Brunner, die 1936 als Spanienkämpferin in den Bürgerkrieg zieht und später wegen ihrer «kommunistischen Wahnideen» administrativ versorgt wird. Es sind lokale und internationale Rebellinnen, und es sind unglaublich viele.

Schwimmende Pionierinnen auf Drei Weieren

Wieder draussen, wird es Zeit, den Kopf auszulüften. Warum nicht in der Nähe der Frauenbadi auf Drei Weieren, dort, wo 1910 sportliche Frauen einen der ersten Damenschwimmklubs der Schweiz gründeten, natürlich gegen den Willen der Herren.

Pionierinnen zu Wasser: Damenschwimmclub St.Gallen im Jahr 1935.

Pionierinnen zu Wasser: Damenschwimmclub St.Gallen im Jahr 1935.

Bild: Shutterstock Bild: Ralph Ribi Bild: zVg Bild: zVg

Im Sommer spricht auch nichts gegen ein erfrischendes Bad. Wer genug vom Wasser und dem schönen Ausblick über die Stadt hat, steigt Treppen oder fährt mit dem Mühleggbähnli hinunter und läuft am besten direkt zum Roten Platz.

Dank der St.Galler Künstlerin Pipilotti Rist hat dieses «Banker»-Quartier einen äusserst weiblichen Anstrich bekommen, inklusive organischer Sitzgelegenheiten und riesiger Vase. Von dieser Stadtlounge ist es nur ein Katzensprung hin zum Textilmuseum an der Hauptgasse. Um «Robes politiques» geht es in der aktuellen Ausstellung. Genauer um die Macht der Mode, und wie explizit Frauen in Machtpositionen damit umgehen. Angefangen bei grossen Königinnen und Kaiserinnen, die in ihren üppigen Gewändern Status und Überlegenheit demonstrierten. Jedes Detail ihrer Roben war mit Symbolik aufgeladen, davon zeugen prächtige Originalgewänder etwa von Königin Victoria von England oder von Kaiserin Sisi.

Prächtige Gewänder von mächtigen Frauen früher und heute sind im Textilmuseum zu sehen.

Prächtige Gewänder von mächtigen Frauen früher und heute sind im Textilmuseum zu sehen.

Bild: zvg

Wie sehr Politikerinnen auch heute noch auf ihre Kleiderwahl achten müssen, sieht man auch an aktuellen Beispielen in der Ausstellung. Etwa Doris Leuthards «Lochmantel», den sie bei der Eröffnungsfeier des Gotthard- Basistunnels trug und der mehr Schlagzeilen machte als der Tunnel selbst.

Der Loch-Mantel, den Bundesrätin Doris Leuthard zur Eröffnung des Gotthardtunnels getragen hat, stammt aus der Frühlings/Sommer-Kollektion 2016 der Ostschweizer Firma Akris.

Der Loch-Mantel, den Bundesrätin Doris Leuthard zur Eröffnung des Gotthardtunnels getragen hat, stammt aus der Frühlings/Sommer-Kollektion 2016 der Ostschweizer Firma Akris.

Bild: Keystone

Es wird auch erklärt, weshalb die Handtasche Margaret Thatchers zum Symbol ihres Führungsstils wurde, oder wie Bundesrätin Simonetta Sommaruga ihre Kleiderwahl gezielt einsetzt und so zum Beispiel Donald Trump ziemlich altbacken aussehen liess.

Ein Zitat an der Wand von Bundeskanzlerin Angela Merkel bringt es auf den Punkt:

«Für einen Mann ist es überhaupt kein Problem, hundert Tage hintereinander einen dunkelblauen Anzug zu tragen, aber trage ich innerhalb von zwei Wochen viermal den gleichen Blazer, dann erzeugt das Bürgerpost.»

Tipps und Adressen

Wiborada 2021 Noch bis 3. Juli ist die Zelle bei der St.-Mangen-Kirche bewohnt und können die Inklusinnen besucht werden. Zahlreiche Begleitveranstaltungen und Infos sind auf www.wiborada2021.ch zu finden.

Klug und Kühn Die Frauen-Ausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen läuft noch bis 19. September.Begleitend dazu gibt es spezielle Frauenstadtrundgänge am 24. Juni und 26. August oder auf Anmeldung. www.klug-und-kuehn.ch

Textilmuseum «Robes Politiques – Frauen Macht Mode» zeigt bis im Februar 2022, welche Rolle die Kleiderwahl bei mächtigen Frauen hatte und noch immer hat. www.textilmuseum.ch

Übernachten Das Hotel Einstein verfügt über eine eigene Frauenetage. In der Militärkantine übernachtet man im stilvollen Ambiente im Park.

Essen & Trinken Foccaceria, Metzgergasse; La Follia oder Weinstube zum Bäumli, an der Schmiedgasse; Kafi Franz, Linsenbühlstrasse



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