Steven Levy

Einblick in den Facebook-Konzern: Dieses Buch verdient eine Menge «Likes»

Ist Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, ein naiver Idealist oder ein Zyniker? Oder einfach wettbewerbsfixiert?

Ist Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, ein naiver Idealist oder ein Zyniker? Oder einfach wettbewerbsfixiert?

Steven Levy gibt Einblick in den Facebook-Konzern, der sich von seinem Motto «Mach schnell und kremple die Dinge um» treiben liess.

«Facebook hat unser Leben verändert.» Ob der Satz wörtlich so im Buch vorkommt, weiss ich nicht. Es ist auch nicht wichtig. Wenn von Facebook die Rede ist, muss er einfach vorkommen.

Warum das so ist? Nun, weil das alle behaupten. Wie auch vom Smartphone, dem Internet und anderem Techno-Zeug, das in den letzten Jahren aufgekommen ist. Falsch ist der Satz nicht, aber auch nicht sehr aussagekräftig. Auch die Schreib- oder die Waschmaschine haben unser Leben verändert. Und da hat man nicht so ein Wesen drum und draus gemacht.

Falsch ist der Satz, indem er uns irgendwie sprachlos macht. Klar, das Leben ist jetzt anders. Und das hat man gefälligst zu akzeptieren. Der Satz verlangt nur nach einem Nicken. Denn, wenn man fragt: Inwiefern denn und zum Besseren?, möchte mancher es gar nicht genau wissen. Unbequeme Wahrheiten.

Die Mission, die Welt zu vernetzen

Steven Levy, vielen wohl durch seine Bücher «Hackers» (1984) und «Crypto» (2001) bekannt, schreibt die Geschichte von Facebook. Er geht dabei in grossen Zügen chronologisch vor, hin und wieder gibt er allerdings wertende Andeutungen wie «Diese Entscheidung sollte Mark (Zuckerberg) noch bereuen» oder dergleichen. Das ist eigentlich nicht nötig, denn man fiebert den Kapiteln um die Trump-Wahl 2016 und danach so oder so entgegen.

Chronologisches Erzählen funktioniert nur, wenn es Kontinuität gibt. Die Geschichte von Facebook als Firma ist aber ziemlich turbulent verlaufen. Was allerdings Kontinuität gibt, ist die Person – oder wenn man will: der Charakter von – Mark Zuckerberg. Der Gründer, CEO und Herrscher über Facebook ist Facebook. Mark Zuckerberg, das sind drei Dinge: Computerenthusiasmus (um es mal so zu formulieren), das Bedürfnis, etwas Sinnvolles damit (mit den Computern) zu tun und drittens eine gute Dosis Kompetivität (um es mal so zu formulieren).

Und daraus entsteht das Mantra von Facebook, das Levy auch immer wieder aufgreift und in verschiedenen Versionen runterleiert: «Wir haben eine Mission: Wir verbinden die Menschen.» Es ist nicht die Welt, die ins Netz kommt, – bei Facebook ist das klar nicht der Fall, – sondern dabei entsteht die Parallelwelt, die lange «Social World» hiess und heute bezeichnenderweise zu «Social Media» verkürzt wird.

Levy beschreibt schön, wie die Idee Gestalt gewinnt. Von den ersten Versuchen, das Jahrbuch der Hochschule in eine Datenbank zu bringen, die Fotos von Studentinnen mit Haustieren vergleichen zu lassen (einen Jux, nannte es Zuckerberg, aber von da an war klar, dass Bilder der Stoff fürs Soziale sind), bis zur online Publikation des Vorlesungs- und Seminarverzeichnisses mit den jeweiligen Teilnehmern, bei dem Zuckerberg klar wurde, dass nichts die Studenten so sehr interessiert wie mit wem sie es zu tun haben. «Eine Mischung aus Neugier und Narzissmus», das war es, was auch der Motor zu Facebook 1.0 wurde. Später sprach man von «benutzergeneriertem Content», wenn das eigene Büsi gezeigt und der Vogel des Kommilitonen angeguckt werden sollte.

Hauptsache schnell, entschuldigen allenfalls später

Der Rest der IT-Welt stellte Facebook immer wieder vor technologischen Herausforderungen. Die meisten Neuerungen, die Facebook mitmachte, hatten anderswo schon Vorbilder (wie auch die Ur-Idee, die keineswegs original oder originell war). Also musste man, um nicht abgehängt werden, immer wieder neue Features einbauen. Eingeführt wurden sie, auch wenn sie oft recht weitreichende Folgen hatten für die User und den Schutz ihrer Daten, meist über Nacht. Und wenn sich ein Teil der Gemeinde erzürnte, manchmal halbherzig zurückgenommen oder einfach weitergemacht. Die grosse Disruption war der «Newsfeed», der Facebook von einer Art digitalem Poesiealbum in eine Suchmaschine verwandelte. Und da sagte Zuckerberg, die Leute wollen das doch, also lassen wir sie einfach mal machen. «Die Plattform und ihre Entwicklung hatten immer Vorrang». Darin darf man durchaus die «Ellbogen» in Zuckerbergs Mentalität sehen.

Völlig ahnungslos oder einfach nur naiv?

Auch die spannenden Kapitel – die Trump-Wahl 2016 und Cambridge-Analytica 2018 – werden von Levy nachvollziehbar und lehrreich erzählt. Geredet hat er mit allen relevanten Personen genug. Ohne Facebook wäre Trump nie Präsident geworden. Was nicht nur an Facebook liegt. Trumps Leute hätten «Facebook wie eine Stradivari gespielt, während Clintons Team darauf eindrosch wie auf ein kaputtes Tamburin». Fake News auf Facebook – auch Zuckerberg musste schliesslich zugeben, dass da was dran war.

Facebook hat zerstört, was man «sozialen Radius» nennen könnte. Was will man mit wem teilen? Keineswegs alles mit allen, wie Zuckerberg insinuiert. Es gibt das Private, das Persönliche, das Peinliche, es gibt das Geständnis, die Mitteilung und die Verlautbarung – Zuckerbergs Tool hat alle diese Grenzen niedergerissen. Wenn man beliebig Lügen unter Akklamation in die Welt setzen kann, verschwindet die Scham. Facebook hat uns zum Idioten gemacht. Manchmal ist es gut, wenn man Angst hat, sich zu blamieren. Für sich selbst, aber auch für den Rest.

Steven Levy: Facebook – Weltmacht am Abgrund. Droemer Knaur München 2020. 788 Seiten. Fr. 38.90.

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