Mollis, Kanton Glarus, 23. Mai 2019. Es ist 22.40 Uhr. Carole Bohrer liegt in der Badewanne, die Augen geschlossen, glücklich. Auf ihrer Brust schlummert Timea. Das Baby ist vor fünf Minuten zur Welt gekommen. Weiches Licht erfüllt den Raum.

Neben der Wanne kniet eine Frau, die Arme auf den Rand gestützt, den Blick gerichtet auf Mutter und Kind. Die Frau ist Martina Dolder. Sie hat als Doula die Hausgeburt von Timea begleitet. Papa Dani Bohrer fängt den unvergesslichen Augenblick mit der Handykamera ein. Eine Erinnerung für die Ewigkeit.

Mollis, 5. Januar, viereinhalb Monate zuvor: Dicke Flocken wirbeln durch die Luft, der erste grosse Schnee fällt ins Flachland. Durch das dichte Schneetreiben fährt ein Auto, Zürcher Nummernschilder. Die Doula Martina Dolder ist auf dem Weg zu Dani und Carole Bohrer.

Die Begrüssung ist herzlich, Gelächter, Umarmungen. Alte Freunde, denkt man. Die drei verbindet ein spezielles Erlebnis. Martina Dolder hat das Ehepaar bei der Geburt ihrer ersten Tochter, Selina, als Doula begleitet. Jetzt ist Carole Bohrer wieder schwanger. Im sechsten Monat. Die Bohrers wollen auch für diese Geburt «ihre» Doula dabei haben.

Der werdende Vater zuerst nicht begeistert

Im Wohnzimmer, am langen Holztisch, sitzt Selina, zerteilt genüsslich ein grosses Stück Kuchen, schiebt sich volle Gabeln in den Mund. Selina ist jetzt zweieinhalb Jahre alt. Bald wird sie grosse Schwester sein.

«Als Carole damals von dieser Doula erzählte, war ich überhaupt nicht begeistert», erzählt Dani Bohrer. Er hatte keine Ahnung, wofür eine Doula gut sein soll, sagt er. Und er hatte sich nicht vorstellen können, bei einem derart intimen Ereignis eine fremde Frau dabei zu haben: «Wozu auch? Ich bin ja da, um dir beizustehen», habe er gesagt.

Zweifelte sie an seinen Kompetenzen? Dazu Carole Bohrer: «Wir hatten ja keine Ahnung, was auf uns zukommt. Falls Dani bei der Geburt ausfallen würde, wollte ich jemanden dabei haben, dem ich vertrauen kann.» Dani Bohrers Skepsis legte sich, als er Martina Dolder kennenlernte. Er fand sie sympathisch.

Jetzt, beim ersten Vorgespräch für die zweite Geburt, lassen sie noch einmal Selinas Geburt Revue passieren. «Ich war überzeugt, dass es eine schöne, leichte Geburt werden wird», erzählt Carole Bohrer. Doch daraus wurde nichts. Die Geburt im Spital dauerte 30 harte Stunden. Das Paar war froh um Martina Dolder, die während der ganzen Zeit bei ihnen war. Denn eine Doula kennt keinen Schichtwechsel, sie bleibt an der Seite der Frau, des Paares, bis das Baby da ist.

Für die Bohrers ist Martina Dolder eine Vertraute geworden.

Für die Bohrers ist Martina Dolder eine Vertraute geworden.

«Es ist gar nicht viel, was ich mache. Es sind kleine Dinge wie ein Glas Wasser bringen, beim Baden das Frotteetuch unter dem Kopf richten, Mut machen», so Martina Dolder. Kleine Dinge, doch genau die können den Geburtsverlauf positiv beeinflussen. Sie hat Carole Bohrer getröstet und unterstützt, als diese nach 24 Stunden ohne Schlaf und mit Erbrechen im Zehnminutentakt einfach nicht mehr konnte.

Als sie, entgegen ihren Vorsätzen, aus Erschöpfung eine Periduralanästhesie (PDA) verlangte. Die Doula hat sich um den werdenden Vater gekümmert, hat ihm Tipps gegeben, wie er seine Frau unterstützen kann. Und wollte er eine Pause machen, «konnte ich das tun mit der Gewissheit, dass Martina für Carole schaut». Als Selina geboren war, zum Hochzeitslied ihrer Eltern, machte die Doula ein Foto. Als die kleine Familie versorgt war, ging sie. Draussen nahm sie als Erstes ihre «Notnagel-Zigarette» aus der Doula-Tasche. Sie war total erschöpft.

Dass die schwere Geburt trotzdem als ein schönes und stärkendes Erlebnis in Erinnerung bleibt, sei der Doula zu verdanken, ihrer Anwesenheit und dem Nachgespräch nach der Geburt, sagen die Bohrers.

Doch eigentlich gehts heute um die Zukunft und die zweite Geburt. Und wieder hat Dani Bohrers Frau eine Idee, die ihm Kopfzerbrechen verursacht. Carole Bohrer möchte eine Hausgeburt. «Was ist, wenn was schiefläuft?», fragt ihr Mann. Und dann das Thema Hygiene: «Ich weiss noch gut, wie das ausgesehen hat. Das Bett wäre ruiniert», moniert er. Er brauche Zeit, sagt er. Und sie: «Wenn Dani lieber keine Hausgeburt will, dann tun wir es nicht.» Nur etwas ist für beide indiskutabel. Die Doula. Sie könnten sich diesmal beide nicht vorstellen, ohne sie zu gebären.

29 Geburten hat Martina Dolder begleitet. Die zweite Geburt der Bohrers wird ihre 30. sein. Die Doula begleitet Frauen und Paare bei Geburten in Spitälern, in Geburtshäusern und bei Hausgeburten, bei geplanten Kaiserschnitten und sie bleibt dabei, wenn ein Kaiserschnitt unter der Geburt nötig wird. Sie begleitet Singlemamis und Frauen, deren Männer nicht bei der Geburt dabei sein möchten. «Leben», sagt sie, «kann man von dieser Arbeit nicht». Es sei mehr eine Herzensangelegenheit als eine lukrative Erwerbsmöglichkeit.

Die Doula ergreift auch mal die Partei des Mannes

Mollis, 13. April 2019. Zweites und letztes Treffen vor der Geburt in rund sechs Wochen. Martina Dolder hat zwei mit Fragen bedruckte A4-Seiten vor sich auf dem Tisch liegen. Es gibt noch so einiges zu besprechen. Klar ist jetzt, dass es eine Hausgeburt geben wird. «Es war ein Prozess, jetzt stimmt es für mich», sagt Dani Bohrer.

Vor Carole Bohrer liegt ein dickes Mäppchen, gefüllt mit Infos, Listen und Memos für jeden erdenklichen Fall rund um die Geburt. Sie ist ein Planungsfreak. Kürzlich hat sie sich weinend am Telefon bei Martina Dolder über ihren Mann beschwert, weil der sich so gar nicht für den Inhalt des Mäppchens interessiere. Dolders Antwort: «Vertrau auf euch. Bei der Geburt kannst du dich auf deinen Mann verlassen. Und grüss mir Dani und sag ihm, ich wünsche ihm viel Kraft mit seiner hormongesteuerten schwangeren Frau.» Als sie dies erzählen, lachen sie alle.

Nun will die Doula wissen, welches die Wünsche und Pläne des Paares für diese Geburt sind. Auch Unangenehmes lässt sie nicht aus, wie etwa eine allfällige Einweisung ins Krankenhaus bei Komplikationen. Sie sind gespannt und gestärkt, die Bohrers, bereit für die Hausgeburt und sehen ihr mit einer gewissen Gelassenheit entgegen. Denn selbst wenn sie ins Krankenhaus müssten: «Unsere Hausgeburt-Hebamme könnte nicht mitgehen, aber Martina schon.»

23. Mai 1.27 Uhr: «Klein Timea ist um 22.35 geboren. Es geht allen gut, und sie sind überglücklich», schreibt die Doula per Whatsapp.

Die Geburt war so, wie sie es sich gewünscht hatten, erzählt Carole Bohrer drei Wochen später am langen Holztisch. Neben ihr sitzt Dani Bohrer, mit Baby Timea auf seinen Beinen. «Zwar hatte ich heftigste Wehen», so Carole Bohrer. Doch wenn sie glaubte, sie könne nicht mehr, «gaben mir Dani und Martina die nötige Kraft und ich wusste, alles wird gut».

Beim zweiten Mal brauchte die Doula die
Not-Zigarette nicht

Auch für Dani Bohrer war diese Geburt zu Hause ein unglaubliches Erlebnis. «Besser kann man es sich nicht wünschen. Wir waren nur unter uns, alles war sehr entspannt und unaufgeregt. Und mit Martina war eine gute Seele mehr im Raum.»

Die Doula ist gerührt. Denn eigentlich konnte sie dieses Mal gar nicht viel tun. Sie hat die Lichterkette aufgehängt, Kerzen angezündet. Sie war einfach da. Und dann kam auch schon das Baby. Spät in der Nacht fährt sie nach Hause. Die «Notnagel-Zigarette» braucht sie nicht.

«Als Doula habe ich immer wieder Zweifel. Braucht es mich überhaupt?» Es sei einfach nicht selbstverständlich, dass sie bei solch intimen Erlebnissen dabei sein dürfe. Und jedes Mal nach einer Geburt sei da etwas Heiliges, was sie und die Paare verbinde. «Es ist zwar nur ein Beruf. Doch es ist mir jedes Mal eine grosse Ehre.»

Für die Eltern Carole und Dani Bohrer ist die Doula eine Vertraute geworden – wenn auch nur auf Zeit. Denn heute, nach dem Nachgespräch, trennen sich ihre Wege. Das Auto mit den Zürcher Nummernschildern fährt ein letztes Mal davon, in den Abend hinein. Was bleibt sind gute Erinnerungen. Und der zweite Name von Timea. Martina.