Anruf in Abwesenheit

Düüt, düüt, düüt: Warum geht eigentlich keiner mehr ans Telefon?

Ein Anruf wird als Angriff gesehen. Dann lieber ignorieren.

Ein Anruf wird als Angriff gesehen. Dann lieber ignorieren.

Früher haben wir stundenlang telefoniert, heute fühlen wir uns von einem unerwarteten Anruf bedrängt. Telefonanrufe kommen immer zur falschen Zeit. Wie aber kam es, dass wir das Telefonieren im Kommunikationszeitalter verlernt haben?

16 Anrufe in Abwesenheit. Innerhalb von elf Minuten. Entweder muss etwas furchtbar Schlimmes passiert sein oder Sabine hat schlichtweg nicht alle Latten am Zaun. Auf jeden Fall ist sie dem Irrtum aufgesessen: je öfter man anruft, desto schneller wird man zurückgerufen.

Das mag vielleicht früher einmal gegolten haben, doch heute ruft kaum einer mehr zurück. Vor allem erreicht man nur in seltenen Fällen Leute beim ersten Versuch auf ihrem Handy. Klingelnde Telefone werden skeptisch beobachtet, selten wird noch einen Moment an einem «Soll ich?» überlegt, dann wird das Teil weggelegt und ignoriert. Meist wird dann zu einem späteren Zeitpunkt eine WhatsApp oder ein SMS verfasst. Zurückrufen? Ist nicht. Zu sehen, dass das Smartphone klingelt und trotzdem nicht rangehen ist modernes Benehmen und ein Verhalten, das sich verbreitet.

Es ist ein zwiespältiges Smartphone-Verhalten, das wir an den Tag legen. Einerseits ist das rechteckige Teil dauernder Begleiter – wir nehmen es mit zur Arbeit, ins Bett, aufs Klo. Andererseits sind unangekündigte Anrufe darauf eher unbeliebt. Klingelt es unerwartet, reagieren wir – vorausgesetzt, wir gehen wirklich ran – oft abweisend und unfreundlich.

Es ist immer ungünstig
Wir telefonieren nicht mehr gerne. Viel lieber tun wir texten, chatten, surfen, lesen, schauen und fotografieren. Diese Entwicklung lässt sich auch in Zahlen belegen. 2012 haben noch 81 Prozent der Schweizer Jugendlichen täglich oder mehrmals pro Woche telefoniert, zwei Jahre später sind es schon zehn Prozent weniger. Generell sinken abgehende Telefonate – egal ob Festnetz oder Mobilfunk – seit 2010. Es gibt mehrere Gründe, weshalb die Sprachtelefonie immer unbeliebter wird.

Besitzt jemand die Frechheit und ruft uns spontan an, fühlen wir uns in unserer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt. Wir werden unterbrochen, müssen reagieren. Sofort. Doch meist ist es gerade ungünstig. Nachrichten lesen geht schnell und nebenbei und ist meist ganz «unverbindlich».

Es gibt eben einen Unterschied zwischen: Ich öffne WhatsApp und chatte, weil ich gerade Zeit und Lust habe und einem Anruf, der von aussen kommt. Anruf gleich Angriff. Klingelnde Telefone werden zu tickenden Bomben. Ahhh, jemand will etwas von mir. Eine Standpauke? Ein Gefallen? Ein offenes Ohr? Dann doch lieber ignorieren. Und später vielleicht zurück texten. So viel sei gesagt: Auf einen verpassten Anruf mit der schriftlichen Nachricht: «Was gibt’s?» zu reagieren, ist die Krönung der Unhöflichkeit – aber auch das keine Seltenheit mehr.

Ein weiterer Grund: Anrufe hinterlassen keine belegbaren «Spuren». Und heute, wo sich einer kaum mehr was merkt, ist die schriftliche Kommunikation einfach der sicherere Weg. Im Geschäftlichen muss sowieso (danach) alles (noch) schriftlich fixiert oder bestätigt werden. Im Privaten wundert sich niemand mehr, dass man während des Telefonats mehrmals nachfragt: «Wann treffen wir uns schon wieder?» Hätte man es schriftlich, könnte man alle fünf Minuten nachlesen.

Sprechen gilt in der heutigen Zeit als anstrengend. Wir müssen bei der Sache sein, performen, formulieren. Während wir mit einer Nachricht oder einem Mail Zeit haben zum Nachdenken oder mit einem einzigen Emoji unsere Absicht erklären können, kostet telefonieren Zeit und Nerv.

Und obwohl wir kaum mehr beschäftigt sind als früher, haben wir weniger Zeit zum Telefonieren. Das liegt wiederum daran, dass das Handy uns ständig begleitet. Früher: Klingelte das Telefon, war dies das Festnetz, was bedeutete, man war zu Hause, nicht bei der Arbeit, nicht im Zug – die Chance, dass der Angerufene also Zeit zum Plaudern hat, war gross. Heute: unterwegs. Mit Handy. Kaum Zeit.

Der Draht geht verloren
Wurde man dazumal angerufen, freuten sich nicht wenige Leute und rannten zum Apparat. Schliesslich war das Telefon einmal eine technische Errungenschaft. Okay – das müssen auch Telefon-Verweigerer zugeben – das ist sie heute noch. Zeitzeugen der Festnetz-Ära berichten vom Ausdruck «Telefon des Terrors», was so viel bedeutet wie: Mittags, nach 18 Uhr und am Sonntag ruft man nicht an, aber zu allen anderen Zeiten hat jemand, der von aussen ins Eigenheim anruft immer Vorrang.

Egal was man gerade tat, egal wie angeregt das Gespräch war. Ja, so wertschätze man den Anrufer. Doch diese Epoche ist vorbei – bis 1995 stieg die Anzahl der Festnetzanschlüsse noch kontinuierlich, seither geht sie stark zurück. In den letzten 13 Jahren gar um 30 Prozent.

In den 90er Jahren gab es auch kaum einen Film, in dem nicht folgende Telefonbeantworter -Szene vorkam: Jemand ruft an, und kommt aufs Band: «Hallo, ich weiss genau, dass du da bist, heb ab! Komm schon, geh ran!» Heute würde man das den Ignorierern auch gerne sagen, aber wie denn? Eine Combox hat doch kaum einer mehr.

Es scheint, als ob unsere Fähigkeit zur empathischen Reaktion verkümmert. Ständig schalten wir ein Programm zwischen, laufen Gefahr unsere Spontaneität zu verlieren und scheuen uns vor direktem Kontakt. Verlieren wir den Draht zueinander?

Die 16 Anrufe waren kein Notfall. Nichts Schlimmes ist passiert. Doch die angerufene, ignorante Person hatte die witzige Abmachung in Richtung «Wenn du bis dann und dann nicht anrufst, dann rufe ich…» vergessen. Sie hatten es schliesslich nicht schriftlich vereinbart.

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