Ein schwieriges Ereignis wirft Sabine mit 50 aus der Bahn. Sie ist eine hübsche Frau, ein bisschen mollig. Als ihr Mann sie für eine schlanke junge Frau verlässt, bricht ihre Welt zusammen. «Wäre ich hübscher und schlanker, hätte er mich nicht verlassen», redet Sabine sich ein. Und pilgert von einer Schlankheitsklinik in die nächste. Bis sie nur noch 45 Kilo wiegt.

Im Sommer zeichnen sich unter engen Kleidern die Knochen ab. Ihre Freundinnen sind schockiert, aber Sabine sagt: «Ich fühle mich saufett.» Es ist ein Selbstmord auf Raten. Als Sabine bewusstlos umfällt, landet sie für mehrere Monate im Spital und wird künstlich ernährt. In einer Psychotherapie muss sie lernen, sich neu zu definieren. Es dauert zwei Jahre, bis sie ihr angekratztes Selbstwertgefühl etwas aufbauen und wieder arbeiten kann.

Nicht nur Teenager, auch Erwachsene können in einen Diätwahn geraten. «Das mittlere Lebensalter ist für viele Menschen eine extreme Belastung», sagt die Professorin und Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello, die auch Sabine betreut hat.

Was treibt gestandene Frauen in eine Essstörung? «Es gibt drei Faktoren: Eine Essstörung aus der Teenagerzeit kann wieder aufbrechen. Sie ist ein Risikofaktor. Zweitens kann ein schwieriges Ereignis wie eine Scheidung, Stress oder eine Entlassung dazu führen, dass jemand den Appetit verliert.

Und drittens sind Frauen betroffen, die beruflich unter Strom stehen, Repräsentationspflichten wahrnehmen müssen und die körperlichen Vorgänge während der Wechseljahre nicht akzeptieren können», sagt Perrig-Chiello. Denn auf Frauen laste ein enormer Druck, hübsch, gesund und jung auszusehen.

Rohkost, Körner, kein Dessert

«Ich will lieber dünn sein als eine schwabbelige Frau in den Wechseljahren», sagt eine 55-Jährige, die ihrer Jungmädchenfigur hinterherhungert. «Essstörungen sind häufiger geworden bei den 40- bis 60-Jährigen», sagt Bettina Isenschmid, Chefärztin des Kompetenzzentrums Adipositas, Essverhalten und Psyche beim Spital Zofingen.

Seit über 30 Jahren behandelt sie Patientinnen mit Bulimie und Anorexie. Immer öfter beobachtet sie auch eine «gemilderte Form» einer Essstörung. «Diese Personen ernähren sich sehr selektiv, halten strenge Diäten, ohne dass es lebensgefährlich wäre.»

Davor sind auch Stars wie Madonna, 59, oder Heidi Klum, 45, nicht gefeit. Die französische Präsidentengattin Brigitte Macron, 65, schwört auf Rohkost, verbietet sich Desserts, unterzieht sich einem eisernen Fitnessprogramm. Gerade mal 45 Kilo soll sie wiegen. Sarah Jessica Parker, 53, Inbegriff der smarten New Yorkerin, versucht ebenfalls mit aller Macht, in Form zu bleiben. «Sie hat echte Angst davor, zu altern. Sie glaubt, dass sie das stoppen kann, indem sie dünn bleibt», mutmasst die Klatschpresse. Über Angelina Jolie, 43, die von Jahr zu Jahr knochiger wirkt, wird gemunkelt, sie ernähre sich wie ein Spatz: wenig und ausschliesslich von Körnern.

Das mittlere Lebensalter ist eine heikle Zeit, die Scheidungsrate bei den 49-Jährigen am höchsten. Auch wenn die Kinder ausfliegen oder man im Betrieb zurückgestuft wird, geraten Gewissheiten ins Wanken. «Viele Frauen, die stets mit ihrem Äusseren punkten konnten, hadern mit dem Älterwerden», sagt Ärztin Bettina Isenschmid. Mit Haarausfall, Falten, schlafferem Gewebe, Bäuchlein. Manche blättern plötzlich wieder in Modezeitschriften, lösen ein Fitnessabo, schränken ihre Kost ein, um die Kilos abzuarbeiten, die sie nach der Schwangerschaft nie losgeworden sind.

Bei den meisten bleibt dies im gesunden Rahmen. «Es gibt aber auch ein paar, die Essen, Figur und Training zu ihrer Hauptbeschäftigung machen», sagt Isenschmid. Solche Störungen würden oft nicht erkannt. Mancher Hausarzt frage Frauen über 40 nicht mehr, wann sie ihre letzte Menstruation hatten, weil er denkt, dass die Familienplanung abgeschlossen sei – dabei ist das Ausbleiben der Periode ein typisches Anzeichen einer Essstörung.

Das Essen wird zum Feind

Hinzu kommt: Hunderte von photoge-shoppten Hochglanzbildern führen täglich vor, wie frau auszusehen hat; der Bauch flach, der Hintern ohne Cellulite, die Figur dünn, aber nicht zu knochig, der Busen straff und wohlproportioniert. Diesem Schönheitsdiktat nacheifernd, suchen Frauen die Praxis der ernährungspsychologischen Beraterin Nicole Meybohm in Küsnacht auf. «Viele denken, wenn ich nicht schlank bin, bin ich nicht normal. Das ist verrückt.»

Etliche Frauen in der Menopause hätten zudem Mühe zu akzeptieren, dass es dem letzten Drittel des Lebens entgegengehe. Sie wollen abnehmen und träumen davon, ihre schöne, junge Figur von früher wieder zu haben. Erfüllt sich dieser Traum nicht, sind sie enttäuscht und zweifeln an sich. «Solche unrealistischen Vorstellungen generieren viel Frust», sagt Meybohm. Und die Wechseljahre – meistens zwischen 45 und 50 – sind ein Wendepunkt im Leben einer Frau. Der Körper bildet stetig weniger Östrogene, die meisten Frauen nehmen zu.

«Das löst etwas aus», sagt Entwicklungspsychologin Perrig-Chiello. Diesen natürlichen Alterungsprozess gelte es zu akzeptieren. Sie regt dazu an, ein neues Selbstbild zu entwickeln, das sich nicht nur an Äusserlichkeiten orientiert. Es gehe um Fragen wie: Wer bin ich? Was kann ich leisten, was bringe ich der Gesellschaft? Und sich auch zu überlegen, die Kosmetikindustrie wenigstens ein Stück weit zu ignorieren.

Denn diese bedient diese Sehnsüchte und verdient mit Anti-Falten-Cremes, Diäten und Botox Milliarden Franken. Meybohm rät, stolz zu altern. «Schlank sein ist nicht gleichbedeutend mit glücklich», sagt sie mit Verweis auf die «abgekämpft wirkende» französische Präsidentengattin Brigitte Macron: «Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass Frauen wie sie nicht glücklich sind mit ihrem Körper.

Es ist offensichtlich, dass hinter einem derart schlanken Aussehen eine Leidensgeschichte steht.» Eine solche Figur zu halten, bedeute, in den Ferien einen Bogen um das Hotelbuffet zu machen, sich Naschereien zu verbieten, Einladungen ins Restaurant auszuschlagen. Das Essen wird zum Feind, der perfekte Körper eine Obsession, jeder Tag ein anstrengender Kampf.

Von Essstörungen im Alter sind tendenziell Frauen der oberen Mittelschicht betroffen, die sich Fitness, Personal Trainer und plastische Korrekturen leisten können. Fettleibige Menschen würden in unserer Gesellschaft eher verachtet, sagt Ärztin Isenschmid: «Eine adipöse Nachrichtensprecherin hat es noch nie gegeben.»

Der Druck, gut auszusehen, laste aber auch auf Männern. «Früher durfte ein CEO einen Wohlstandsbauch haben. Heute muss er Marathon laufen.» Sogar Volksmusiksänger, unter denen früher auch ein paar beleibte Männer waren, hätten schlank und rank zu sein.

Leben darf Spuren hinterlassen

Der Traum vom Jungbrunnen ist nicht neu; seit Jahrhunderten sehnen sich die Menschen danach. Und die Aussichten waren nie besser, gut zu altern, sagt Pasqualina Perrig-Chiello: «Wir müssen körperlich nicht so schwer arbeiten wie unsere Vorfahren, unsere Körper sind nicht ausgeleiert von zehn Geburten, und ausserdem steht uns eine erstklassige Ernährung zur Verfügung.» Natürlich solle man sich nicht gehen lassen. «Finden Sie ein gutes Mass an Betätigung», rät Perrig-Chiello.

Wer sich ausgewogen ernähre, sich auch mal ein Wellnesswochenende und Zeit für sich selber gönne, komme gut über die Runden. Da kommen Perrig-Chiello auch prominente Frauen in den Sinn, die auf gesunde Art älter werden: Bundeskanzlerin Angela Merkel, 64, oder Christine Lagarde, 62 und Chefin des Internationalen Währungsfonds. «Auch alt Bundesrätin Doris Leuthard, die 55 ist, denkt bestimmt nicht darüber nach, ob sie ein paar Grämmchen mehr hat. Sie hat eine fantastische Ausstrahlung, leistet etwas, strahlt Optimismus aus.» Attraktivität sei nicht das Gleiche wie Schönheitswahn. Was macht attraktiv? «Nicht eine Wetterfahne sein, die jedem Gag nachrennt, bei sich selber sein wie ein Fels in der Brandung.»

Wer an einer Essstörung erkrankt, braucht oft mehrere Jahre, um wieder gesund zu werden. «Leider erholt sich nur ein Drittel der Patientinnen», sagt Bettina Isenschmid. Die meisten älteren Frauen hätten ihre Krankheit schon seit der Pubertät. Sie hat bereits öfter eine junge Frau behandelt und dann festgestellt, dass auch deren Mutter betroffen war. Prototypisch sei, wenn eine Frau keine Freundschaften mehr pflegt, um dem Essen aus dem Weg zu gehen, lustlos im Salat herumstochert, sich kraftlos fühlt. «Sie will keine Sexualität mehr leben und ist manchmal sogar eifersüchtig auf ihre eigene Tochter.»

Als Folge können Störungen von Leber oder Niere auftreten, Herzrhythmusstörungen, eine Störung des Salzhaushalts, Müdigkeit, Kopfschmerzen, schwindende Belastbarkeit, Osteoporose, die zu Knochenbrüchen führt. «Der Hormon- und Proteinmangel führt auch dazu, dass Frauen schneller altern», sagt Bettina Isenschmid. «Das Unterhautfett, das für einen rosigen Teint sorgt, fehlt. Die Frauen sehen abgezehrt und nicht mehr attraktiv aus. Oft sind sie selbst sehr enttäuscht darüber.» Nicht wenige essgestörte Frauen bekochen ihre Liebsten mit mehrgängigen Menüs, während sie selbst sich in Verzicht üben.

Ein paar Kilos mehr auf den Rippen seien okay, um im Alter gewappnet zu sein gegen Krankheiten, sagt Beraterin Nicole Meybohm. Die 46-Jährige pflegt einen liebevollen Blick auf ihren Körper, mit jeder Narbe und Rundung: «Mein Leben darf seine Spuren hinterlassen.»