Es ist kaum zu glauben: Der erste Clip auf Youtube war kein Katzenvideo. Alles begann mit zwei Elefanten, die sich gemütlich mit ihren Rüsseln Heu in den Mund schaufelten. 18 Sekunden lang dauerte die Szene. Wirklich aufregend war das nicht, doch es war der Anfang einer neuen Ära für Bewegtbilder – was damals freilich kaum jemand so kommen sah.

Die Katzenvideos folgten erst später, dafür in gigantischem Ausmass. Für sie wurde Youtube bei den meisten Internet-Nutzern zuerst bekannt: Hier ein Büsi, das aufs Klavier springt, da eines, das gähnt und dabei so ulkig aussieht, und dort eines, das eine Libelle fangen will und – platsch! – in einen Teich fällt. Katzenvideos sind Klamauk. Doch Youtube ist mehr.

Youtube ist die Demokratisierung des Fernsehens. Klingt hochgestochen? Trifft aber zu. Bevor das Portal am 15. Februar 2005 aufgeschaltet wurde, gab es in der Welt der Bewegtbilder zwei Klassen von Menschen: die Produzenten und die Konsumenten. Auf Youtube hingegen sind alle gleich, alle sind Prosumer, können also sowohl produzieren als auch konsumieren. Jeder, der will, darf Videos drehen und hochladen. Beim Fernsehen geht das nicht.

1. Video auf Youtube: «Me at the zoo»

1. Video auf Youtube: «Me at the zoo»

Amateure sind authentischer

Natürlich konnte man schon vor Youtube selber Videos machen – Kameras gab es ja. Doch wie sollte man sie ins Netz stellen, damit sie andere Leute finden konnten? Für herkömmliche Nutzer gab es dazu keine Möglichkeit. Das änderten die drei ehemaligen Paypal-Mitarbeiter Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim, als sie vor zehn Jahren Youtube gründeten. Sie trafen damit einen Nerv. Bald etablierte sich die Website als das Videoportal im Netz. Google erkannte das Potenzial rasch und kaufte nur eineinhalb Jahre später Youtube für 1,65 Milliarden Dollar.

Damals glaubte kaum jemand, dass Youtube einmal zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz für das traditionelle Fernsehen werden könnte. Heute sprechen die Zahlen eine andere Sprache: Jugendliche verbringen deutlich weniger Zeit vor dem Fernseher als ihre Eltern. Nur noch 34 Prozent der 12- bis 19-Jährigen Schweizer schauen täglich Fernsehen. 81 Prozent dieser Generation nutzen aber jeden Tag das Internet. Das geht aus einer Studie zur Mediennutzung hervor, welche die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) diesen Monat veröffentlicht hat. Und das beliebteste Angebot im Netz unter Jugendlichen ist nicht Facebook, sondern Youtube. 300 Stunden Videomaterial werden mittlerweile auf die Plattform hochgeladen – pro Minute.

Warum entscheiden sich Konsumenten gegen die professionellen Hochglanz-Produktionen im TV und schauen sich stattdessen verwackelte Netz-Clips an? Weil Amateure authentischer sind. Jugendliche können sich mit den Youtubern identifizieren. Es könnten ihre Freunde sein, sie sind wie sie; die herausgeputzten TV-Moderatoren hingegen von einem anderen Stern.

Deshalb kommen bei den Mädchen Beauty-Tipps von Self-made-Visagistinnen wie der Berlinerin Nilam Farooq alias Daaruum oder der Bernerin Julia Graf alias Miss Chievous so gut an. Immerhin 972 000 respektive 740 000 Nutzer haben ihre Youtube-Kanäle abonniert. In noch höheren Sphären bewegt sich der Schwede Felix Kjellberg alias PewDiePie. Der 24-Jährige spielt Computergames und kommentiert diese; 28 Millionen Menschen schauen ihm dabei zu.

Mit Werbeeinnahmen hat er letztes Jahr vier Millionen Dollar verdient. Kjellberg nimmt – wie die anderen hier erwähnten Youtuber auch – am «Partnerschaftsprogramm» von Youtube teil. Das bedeutet, dass er es akzeptiert, dass Google vor seine Videos Werbeclips schaltet und an den so generierten Einnahmen mitverdient. Eine Win-win-Situation. Eigentlich. Doch um reich zu werden, braucht man eine Menge Klicks. Wird ein mit Werbung versetztes Video 1000-mal aufgerufen, kassiert man etwa zwei Franken. Youtube-Millionäre sind viel seltener als es einem oft glauben gemacht wird.

Jedem seine eigene Nische

Für die meisten Youtuber steht denn auch nicht das finanzielle Interesse im Vordergrund, sondern das Bedürfnis, sich mit einem Video auszudrücken. Und davon profitieren letztlich wir alle. Hier findet jeder das auf sich zugeschnittene Nischenprogramm: Nicht nur Katzenvideos, sondern auch BMX-Clips, Computerspiel-Kritiken, Do-it-yourself-Tipps, Slam-Poetry und Philosophievorlesungen. Ja, auch Intellektuelle kommen hier auf ihre Kosten.

Beliebt sind auch Anleitungs-Videos. Wer nicht mehr weiss, wie sich der Kinderwagen zusammenlegen lässt, den er auf Ricardo ersteigert hat, schaut auf Youtube nach. Er trifft dort auf einen adrett gekleideten jungen Mann mit Schnurrbart, der sich alle Mühe gibt, genau zu zeigen, wann welcher Hebel wie gedrückt werden muss, damit sich das Ding wieder zusammenfaltet. Und wer wissen möchte, wie er die Kontakte am schnellsten von seinem alten iPhone auf das neue Android-Handy bringt, findet diverse Videos, die das Prozedere verständlich erklären.

Gebrauchsanleitungen sind überflüssig geworden. Und so manch einer fragt sich, wie das Leben überhaupt war, bevor es Youtube gab. Auf jeden Fall komplizierter.

Kulturpessimisten indes glauben, dass Youtube – zusammen mit Piktogrammen und Sprachsteuerungen – die Schrift obsolet machen könnte. Die Welt von morgen brauche keine Menschen mehr, die lesen oder schreiben können, konstatierte die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung».

Das ist natürlich Humbug. Nicht nur wird heute so viel geschrieben wie noch nie, auch Youtube wird von den meisten Menschen mittels Eintippen von Suchbegriffen genutzt. Das Videoportal ist nach Google die zweitgrösste Suchmaschine der Welt. Um sich im Internet Hilfe für ihre Aufgaben zu suchen, konsultieren Schweizer Schüler mittlerweile häufiger Youtube als Google. Das geht aus der erwähnten Studie zur Mediennutzung der ZHAW hervor.

80 Prozent der Befragten nutzen Youtube für die Schule. Besonders beliebt sind Tutorial-Videos. Wer im Mathematik-Unterricht auch bei der dritten Erklärung noch nicht versteht, was es mit der Differenzialgleichung auf sich hat, der schaut mal bei Youtube vorbei und findet hier womöglich einen besseren Lehrer.

Alle wollen Youtube sein

So viel Erfolg weckt natürlich auch Neider. Facebook, Twitter und Instagram – sie alle möchten auch ein bisschen Youtube sein und bauen ihre Videofunktionen ständig aus. Die TV-Sender, Produktionsfirmen und Verwertungsgesellschaften hingegen sind darum bemüht, dass ihre Inhalte nicht auf Youtube landen. Sie liefern sich mit dem Videoportal einen bereits mehrere Jahre andauernden Krieg.

Hin und wieder gewinnen sie auch eine Schlacht. Videos mit urheberrechtlich geschütztem Inhalt müssen wieder heruntergenommen werden. Das kann für Nutzer auch einmal sehr frustrierend sein. Etwa wenn ein gestresster Vater seinen tobenden Sohn mit einer Folge «Bob der Baumeister» beruhigen will. Und das entsprechende Video einfach nicht mehr auffindbar ist.