Herr Sideman, wieso brauchen wir nach Facebook, Youtube und zahlreichen anderen interaktiven Plattformen jetzt auch noch YouNow?

Adi Sideman: Der Erfolg sagt uns, dass es offensichtlich so ist. YouNow ist nicht wirklich vergleichbar mit den anderen Plattformen. Die Echtzeit-Möglichkeiten, kombiniert mit dem Chat als ein interaktiver Kanal, machen YouNow sehr reizvoll. Sie können mit YouNow und einem Smartphone jederzeit aus jedem Winkel der Erde live auf Sendung gehen. Das ist das grosse Potenzial unserer Plattform. Sie könnte eines Tages sogar grösser und erfolgreicher als Youtube sein.

Das sind grosse Ambitionen.

Ja, wir möchten die wichtigste Live-Streaming-Plattform der Welt sein. Die Kombination von nutzergenerierten Inhalten, die Youtube so erfolgreich macht, und von Livesendungen, die heutzutage sogar im klassischen Fernsehen noch funktionieren, kann YouNow zu einem wirklich grossen Ding machen.

Und wie gross ist das Ding in der Schweiz?

Wir haben keine expliziten Zahlen für die Schweiz, aber in den deutschsprachigen Ländern sind monatlich 10 Millionen Nutzer auf YouNow. Sei es als Sender oder als Zuseher.

Wie kam Ihnen die Idee für YouNow?

Den Gedanken für eine interaktive Plattform mit User-generated Videos hatte ich schon lange im Kopf. Ein Netzwerk von Usern für User. Eine Live-Stream-Plattform wie YouNow ist keine einfache Sache und die Branche hat große Augen gemacht als wir das so gut hinbekommen haben.

Wen soll YouNow ansprechen?

YouNow ist für alle Menschen gedacht. Es soll eine Plattform für jedermann sein. Wir haben weltweit 150 000 Sendungen pro Tag. Unsere Nutzer im deutschsprachigen Raum sind etwa zur Hälfte Teenager, zwischen 13 und 18 Jahren. Damit sind sie ein wichtiger Teil der Community. Aber längst nicht der einzige.

Jederzeit, überall, sofort: Das Livestreaming-Portal «YouNow» macht YouTube Konkurrenz

Jederzeit, überall, sofort: Das Livestreaming-Portal «YouNow» macht YouTube Konkurrenz

Bleiben wir bei den Teenagern. Diese erzählen auf der Plattform meistens Banales aus ihrem Alltag. Worin liegt die Faszination, ihnen dabei zuzuhören?

Es gibt auch Musiker und andere Performer. Aber im Prinzip wirkt YouNow der Vereinsamung entgegen. Man kann sich mit Menschen austauschen, obwohl man dabei zu Hause sitzt.

Was ist genau der Reiz vom Live-Streaming?

Ich denke, die direkte Interaktivität macht es so spannend – wenn der Streamer auf meinen Kommentar im Chat eingeht, ist das doch toll.

Wegen eurer jungen Zielgruppe werdet ihr auch kritisiert. Die Vorwürfe: Verletzung der Privatsphäre, Mobbing oder sexuelle Belästigung. Wie garantieren Sie, dass YouNow sicher ist?

Wir haben verschiedene Massnahmen, um die Plattform sauber und sicher zu halten. Das beginnt bei den Zugangsbeschränkungen: YouNow ist erst ab 13 Jahren zugänglich. Wer reinmöchte, muss sich mit einem Account von Facebook, GooglePlus oder Twitter authentifizieren. Für diese gilt ebenfalls das Mindestalter von 13 Jahren. Zudem müssen sich alle Nutzer an unsere strengen Regeln halten. Dazu gehören unter anderem keine Nacktheit, kein Drogenkonsum, keine Beleidigungen.

Und wer soll das alles kontrollieren?

Wir haben sieben Tage die Woche 24 Stunden Live-Moderatoren in den Chats. Hinzu kommen sogenannte YouNow-Ambassadoren. Das sind Freiwillige, die mit besonderen Rechten ausgestattet sind. Sie passen innerhalb der Community auf, dass sich alle an die Regeln halten. Ausserdem kann und soll jeder Nutzer Verstösse melden. Die Community ist hier gefragt. Neben diesen menschlichen Kontrollen haben wir auch einige technische Möglichkeiten. Dazu gehört ein Sprachfilter, der obszöne Wörter – auch deutschsprachige – erkennt und Alarm schlägt, wenn diese verwendet werden. Nutzer, die die Regeln brechen, werden aus YouNow rausgeschmissen – und zwar so, dass sie nicht wieder reinkönnen.

Versteht ihr dennoch die Aufregung?

Ich verstehe die Sorgen der Eltern sehr gut und rate ihnen, mit ihren Kindern zu sprechen und sie über die Gefahren des Internets aufzuklären.

In Deutschland findet eine hitzige Debatte statt, man will die Plattform für Kinder gar verbieten.

Ich finde es gut, dass YouNow zu einer Diskussion über die Sicherheit im Internet führt. Eltern und auch Lehrer müssen sich darüber informieren, was Kinder und Jugendliche im Internet so treiben. Das ist ein vollkommen unterschätztes Thema.

Und der einfache Zugang für Pädophile, die sich via YouNow an Kinder ranmachen können, wird der nicht auch unterschätzt?

Es gibt leider überall kranke Menschen – auch im Internet. Unsere oben geschilderten Massnahmen sind das, was wir tun können, um YouNow frei von Übeltätern zu halten. Auf der anderen Seite müssen die Nutzer selbst darauf achten, was sie bei YouNow von sich preisgeben. Wenn es sich um Teenager handelt, sind hier auch die Eltern gefordert. Das gilt aber nicht nur für YouNow, sondern für alle Internetplattformen.

Ihr Ratschlag an die Kinder?

Tue online nichts, was du nicht auch offline tun würdest.