Wikipedia ist so etwas wie die gute Seele des Internets. Während andere Webgiganten wie Google oder Facebook ihre Ideale längst dem Profitstreben untergeordnet haben, ist Wikipedia seinem Leitbild treu geblieben: der Förderung von «freiem Wissen».

Die Wikimedia Foundation – die Stiftung, die Wikipedia betreibt – finanziert sich nach wie vor über Spenden (siehe Kontext). Auch die Autoren sehen für ihre Arbeit noch immer keinen Rappen. Doch genau da lauert die Gefahr für das Wikipedia-Modell: Immer weniger Menschen sind bereit, sich freiwillig zu engagieren – Wikipedia laufen weltweit die Autoren davon.

Die deutschsprachige Wikipedia- Version hat seit dem Höhepunkt Anfang 2008 rund ein Drittel der Stammautoren verloren. Verfassten im Januar 2008 noch 9047 Autoren mehr als fünf Artikel, waren es im Oktober 2013 noch 6123. Bei der englischsprachigen Version ist der Rückgang noch gravierender.

Aggressives Diskussionsklima

Worauf ist diese Abkehr zurückzuführen? Wikipedia beantwortet die Frage – zumindest teilweise – gleich selbst: «Die zunehmende relative Macht einer sich sozial schliessenden Administratorenschaft, der häufig verletzende Tonfall auf den Diskussionsseiten sowie eine zunehmend brüske Behandlung von anonymen Mitarbeitern und neu angemeldeten Benutzern könnten eine problematische Entwicklung kennzeichnen», heisst es in der Online-Enzyklopädie.

Patrick Kenel, Präsident der Schweizer Tochter Wikimedia CH, sieht noch andere Gründe: «Viele Wikipedianer aus den Anfangsjahren sind älter geworden und haben weniger Zeit, andere Interessen oder sind durch irgendwelche Konflikte frustriert.» Zudem habe man zu wenig neue Schichten gewinnen können. Medienexperte Professor Michael Latzer sieht wiederum die mangelnde Benutzerfreundlichkeit als Problem: «Die Bearbeitungsarbeiten von Inhalten sind anspruchsvoll und daher eine Hürde.»

Der Leiter der Abteilung Medienwandel & Innovation der Uni Zürich ist der Meinung, dass die rückläufige Autorenzahl für Wikipedia eine «grosse Gefahr» ist: «Dadurch ist das Prinzip der ‹Schwarmintelligenz›, der ‹Weisheit der Masse› gefährdet, auf der das Modell der Online-Enzyklopädie aufbaut.» Bei zu wenigen Autoren, die laufend Ergänzungen und Korrekturen vornehmen, werde die Qualität der Inhalte sinken und Manipulationen zunehmen, befürchtet Latzer.

Verlockende Kommerzialisierung

Genau diese Qualität konnte Wikipedia in den letzten Jahren laufend verbessern. Entsprechend änderte sich der Ruf. War die Online-Enzyklopädie früher noch vielerorts verpönt, wird heute bereits vor Gericht regelmässig Wikipedia zitiert, wenn es um Begriffsdefinitionen geht. Auch die Wissenschaft scheint ihre Berührungsängste abzulegen: «Ich stelle fest, dass Wikipedias Reputation in der wissenschaftlichen Community stets zunimmt», sagt Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel, auf Anfrage der «Nordwestschweiz».

Das soll so weitergehen. Wikipedia hat deshalb höchstes Interesse daran, die Qualität zu halten. Dazu braucht es genügend Autoren. Sollte die Zahl in Zukunft weiter sinken, muss Wikipedia vielleicht irgendwann über etwas nachdenken, was heute nicht infrage kommt: Die Autoren zu entschädigen.

Dafür würden Spendeneinnahmen wohl nicht reichen. Es müssten zusätzliche Finanzierungsquellen gefunden werden. «Bei knapp einer halben Milliarde Unique Visitors pro Monat ist die Kommerzialisierung natürlich verlockend», sagt Martin Latzer von der Uni Zürich. Das bringe aber auch hohe Risiken. Ein Nutzerschwund – aktiv und passiv – könne die Folge sein. Wikipedia schliesst eine Kommerzialisierung denn auch kategorisch aus. Bis jetzt.