Dank mathematischen Formeln, wissenschaftlichen Theorien und schlechten Wortspielen geniesst Michael Stevens heute Popstar-Status.

Wir trafen den sympathischen Amerikaner am Rande der VidCon im kalifornischen Anaheim – der wichtigsten Youtube-Konferenz überhaupt. Auf dem riesigen Gelände kann er sich nicht frei bewegen, ansonsten würde er sofort von kreischenden Fans umringt.

Dabei ist der 31-Jährige eigentlich das genaue Gegenteil der meisten anderen Internetstars, die mit ihren Inhalten ausschliesslich unterhalten wollen. Für seinen Kanal Vsauce produziert der Amerikaner nämlich informative Videos, von denen man etwas lernen soll. Damit ist er im Internet zur Koryphäe geworden.

Ist die Vergangenheit wirklich passiert? Diese Frage beantwortet Michael Stevens in diesem Video.

Seine Videos werden millionenfach angeklickt und vermehrt auch in den traditionellen Schulunterricht integriert. Michael Stevens erklärt darin etwa, was passieren würde, wenn alle Menschen gleichzeitig in die Luft springen. Oder er spricht darüber, wieso wir uns eigentlich langweilen.

Mit Ihren Youtube-Videos schaffen sie, woran die meisten Lehrer und Akademiker scheitern: Sie können Leute für die Wissenschaft und für komplexe Zusammenhänge begeistern. Wie machen Sie das?

Michael Stevens: An erster Stelle steht immer meine eigene Neugier. Jedes Video beginnt mit einer konkreten Fragestellung, wie zum Beispiel «Wieso küssen wir uns?» oder «Wem gehört der Mond?». Darum herum formt sich dann der ganze Rest.

Michael Stevens und die Frage: Wem gehört der Mond?

Wieso sind diese Videos derart beliebt?

Weil ich niemanden belehren will, sondern einfach von Dingen erzähle, die mich faszinieren und beschäftigen. Das ist authentisch. Gemischt mit ein paar Computer-Animationen und einigen schlechten Wortwitzen, entsteht daraus dann ein unterhaltsames Video, mit dem sich
die Zuschauer identifizieren können. Dass man dabei auch noch etwas lernt, ist
fast schon ein Nebeneffekt.

Wie gehen Sie jeweils vor?

Ich selber bin ja kein Wissenschafter und habe deshalb von den meisten Fachgebieten auch keinen Schimmer. Deshalb verbringe ich Wochen, manchmal auch Monate damit, mich in ein Thema einzulesen. Um mit gutem Gewissen ein Video über eine wissenschaftliche Theorie machen zu können, muss ich jedes Detail von ihr verstehen. Auf genau demselben Weg, wie ich mich in das Thema eingearbeitet habe, führe ich dann auch meine Zuschauer durch die Materie.

Damit bringen Sie wissenschaftliche Themen an ein Millionenpublikum. Wie wichtig sind diese Videos?

Ich hoffe schon, dass der eine oder andere Zuschauer sich davon inspirieren lässt. Viele Leute erzählen mir, dass ihnen meine Videos in der Schule geholfen haben oder dass sie dadurch zu eigenen Projekten und Studien motiviert wurden. Darauf bin ich stolz. Ich finde es wichtig, dass Jugendliche auch ausserhalb der Schule in Kontakt mit solchen Themen kommen. Mein Ziel ist es aber nicht, die Zuschauer zu einer wissenschaftlichen Karriere zu motivieren – vielmehr will ich sie zu kritischen Denkern machen.

Wieso tragen wir Kleider? Youtuber Vsauce über die Angst vor dem Nacktsein.

Können auch Lehrer und Akademiker etwas von Ihnen und von Ihrem Youtube-Kanal lernen?

Das weiss ich nicht, schliesslich ist ihr Job unglaublich viel schwieriger als meiner. Während ich mich von meiner Neugier treiben lasse und mich teilweise wochenlang auf ein einziges Video vorbereite, müssen sie jeden Tag zu einer bestimmten Zeit im Schulzimmer stehen und sich an einen fixen Lehrplan halten. Meine Zuschauer sehen sich alle Videos freiwillig an, hingegen hat ein Lehrer viele Schüler im Klassenzimmer, die eigentlich gar nicht dort sein wollen. Das ist eine ganz andere Herausforderung. Ich habe einen unglaublichen Respekt vor Lehrern und bin froh, wenn meine Videos ihren Unterricht ergänzen können.

Das Internet hat Wissen viel einfacher verfügbar gemacht. Im Gegenzug sorgt es aber auch für ständige Ablenkung und eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Machen die neuen Technologien das Lernen tatsächlich einfacher?

Definitiv. Uns allen ist die Neugier angeboren, aber häufig ignoriert man dieses Gefühl, wenn man es nicht ausleben kann. Dank dem Internet lernen wir heute einfacher als je zuvor: Antworten auf Fragen, die uns beschäftigen, sind meist nur wenige Klicks weit weg. Als ich noch ein Kind war, konnte ich nur etwas über jene Themen lernen, zu denen ein Buch in unserer Bibliothek stand. Viel Wissen schaffte es deshalb gar nie über die Mauern der Universitäten hinaus. Heute existieren diese Grenzen nicht mehr. Zu beinahe jedem Thema findet man detaillierte Ausführungen im Internet, dazu dutzende Vorträge und Erklär-Videos auf Youtube. Das motiviert, neugierig zu sein – und vor allem neugierig zu bleiben.

Es heisst, dass Internetvideos kurz sein müssen, damit die Zuschauer nicht sofort das Interesse daran verlieren. Ihre Videos dauern jedoch häufig fast eine halbe Stunde. Verpassen Sie den Trend?

Videoproduzenten unterschätzen oft die Auffassungsgabe ihrer Zuschauer. Für den Erfolg eines Videos ist nicht dessen Länge, sondern der Inhalt verantwortlich ist. Natürlich könnte ich einfach ein paar Wikipedia-Seiten lesen und diese dann während ein paar Minuten vor der Kamera zusammenfassen. Aber habe ich damit dann etwas wirklich Neues geschaffen? Meine Videos sind ein Konstrukt, bei dem ich verschiedene Themen und Fachgebiete zu vernetzen versuche. Das braucht Zeit.

Wie viel von der Erde kann man sehen? Noch eins von Michael Stevens' Erklärvideos.

   

Dabei schweifen Sie auch häufig komplett vom Thema ab.

Genau! Statt komplexe Zusammenhänge einfach als gegeben zu betrachten, versuche ich diese für meine Zuschauer runterzubrechen. Deshalb mache ich vielfach zehnminütige Exkurse, die eigentlich gar nichts mit der ursprünglichen Fragestellung zu tun haben. Meine Zuschauer müssen mir dann einfach vertrauen, dass sich dieser Ausflug schlussendlich lohnen wird.

Wie lange bleiben Sie Ihrem Youtube-Kanal noch treu?

Mein letztes Video kommt vom Totenbett.

Meinen Sie das ernst?

Absolut, vielleicht unter dem Titel «Was ist Leben?». Ich würde darüber sprechen, ob zum Beispiel Viruen oder Kristalle auch lebendig sind. Im Idealfall würde ich mich dann am Schluss fürs Zuschauen bedanken und einige Sekunden später sterben.

Wie alt können wir werden? Die Frage beantwortete Michael Stevens bereits.

Makaber!

Die Episode wäre dann aber noch nicht vorbei: In unserer Gesellschaft gibt es eine irrationale Furcht vor dem Tod und vor allem, was tot ist. Also müsste man die Kamera laufen lassen und zeigen, was mit mir passiert. Werde ich kremiert? Oder beerdigt? Ich will die ganze Geschichte erzählen.

Das klingt nach vielen Klicks.

(lacht) Ja, vermutlich schon. Aber mich muss das dann ja zum Glück nicht
mehr kümmern.