Das Zeitalter des Internets begann nicht mit der ersten Website, sondern mit der ersten E-Mail. Dass man ab Anfang der 70er-Jahre Nachrichten innerhalb von Sekundenbruchteilen an Computer auf der ganzen Welt verschicken konnte, war eine Revolution. Und ein Grund, wieso sich das bis dahin militärische Forschungsprojekt ARPANET der USA in unser kommerzielles Internet verwandelte.

Unterdessen ist die Begeisterung verflogen. Gemäss einer Untersuchung der kalifornischen Radicati-Gruppe werden heute pro Tag rund 225 Milliarden Mails verschickt. In unserem Posteingang mischen sich so Newsletter, Buchungsbestätigungen, private Konversationen und wichtige Geschäfts-Mails zu einem unübersichtlichen Haufen. Und obwohl diverse Studien zeigen, dass sich die Mail-Flut für viele zur psychischen Belastung entwickelt, steigt die Anzahl der verschickten Nachrichten kontinuierlich. Dieses Jahr erhält ein Büroarbeiter durchschnittlich 92 Mails pro Tag, zwei mehr als noch im Jahr 2016. Immer mehr Leute sagen der klassischen E-Mail deshalb den Kampf an. Die «Inbox Zero», also der komplett leere Posteingang, ist nicht mehr ein temporäres, sondern ein permanentes Ziel.

Konversation hat sich verlagert

Das Silicon Valley hat der E-Mail-Technologie damals zum Durchbruch verholfen. Unterdessen arbeitet es fieberhaft an ihrer Abschaffung. Denn die chaotischen und chronisch überfüllten Posteingänge passen so gar nicht ins Weltbild der Techies, welche ihren Alltag auf Struktur und Effizienz ausrichten. Die E-Mail ist eines der wenigen Relikte aus der Zeit, als das Internet noch nicht von Tech-Giganten dominiert wurde.

Unterdessen haben zwar Microsoft und Google auch in diesem Bereich sehr populäre Angebote, E-Mails lassen sich aber nach wie vor über einen eigenen Mail-Server und damit unabhängig von kommerziellen Anbietern verschicken. Bei Plattformen wie WhatsApp, Facebook und LinkedIn, auf die sich schon ein Grossteil unserer privaten Mail-Konversation verlagert hat, ist das nicht der Fall. Diese Entwicklung wird weitergehen: Im Silicon Valley arbeitet man mit Hochdruck daran, die klassische E-Mail auch aus dem Geschäftsalltag zu verdrängen. Und was sich im Epizentrum der digitalen Revolution durchsetzt, dürfte irgendwann auch in der Schweiz Usus werden.

Spricht man über die Abschaffung der E-Mail, spricht man automatisch auch über Slack. Das Start-up hat eine Software entwickelt, welches die firmeninterne Kommunikation komplett neu organisiert. Es ist eine Art WhatsApp für den Büroalltag, mit dem man effizienter und strukturierter kommuniziert. Im Silicon Valley gibt es fast keine Firma mehr, welche nicht auf Slack setzt, und deshalb wird das Unternehmen momentan auf über fünf Milliarden Dollar bewertet. Die Abschaffung der E-Mail hat ihren Preis. Neben Slack gibt es diverse weitere Firmen, welche Tools verkaufen – unter anderem bieten Microsoft und Facebook Lösungen an. Die Adaption solcher Programme verlief in Europa bisher schleppend, nimmt jetzt laut Experten aber langsam Fahrt auf.

Zahlzwang soll alle Probleme lösen

Dank den firmeninternen Lösungen fallen viele E-Mails schon mal weg. Um alle anderen kümmern sich Leute im Silicon Valley immer häufiger nur noch, wenn sie auch dafür bezahlt werden. Der renommierte Investor Tim Draper teilt auf Anfrage mit: «E-Mails sind für mich noch immer magisch – aber sie sind verseucht mit Spam und lassen sich nur umständlich abrufen. Wenn man einen Markt für die E-Mails einführt, lassen sich diese Probleme lösen.» Im Moment kann man Draper noch gratis eine Mail schreiben, bald wird er dafür Geld verlangen. Um das aktuelle Mail-System zu reparieren – und zu revolutionieren –, investiert Draper nämlich in die Firma BitBounce. Deren Lösungsansatz ist simpel: Erhält man eine Mail von jemandem, der nicht auf der eigenen Kontaktliste steht, wird sie automatisch herausgefiltert und in einen separaten Ordner verschoben. Der ursprüngliche Sender wird darüber informiert. Wenn er will, dass seine E-Mail tatsächlich ankommt, muss er dem Empfänger einen gewissen Geldbetrag überweisen.

Mit dieser Methode hält man seinen Posteingang frei von Mails, die wahrscheinlich nicht wirklich wichtig sind. Und man kann daraus sogar Profit schlagen. Dieser Ansatz sei sehr innovativ, sagt Draper, und er rechne damit, dass aus BitBounce ein Milliardenunternehmen entstehe. Ähnlich funktioniert die Plattform «21.co», welche vor allem wegen ihres Einsatzes der Blockchain-Technologie viel Aufmerksamkeit erhält. Auch hier wird man für das Beantworten von E-Mails mit Beträgen entlöhnt, die man selber festlegen und auf Wunsch direkt spenden kann. Wer eine Nachricht verschickt, muss nur zahlen, wenn er tatsächlich eine Antwort erhält. Das Silicon Valley sucht nach Lösungen für ein Problem, das es selber geschaffen hat.

Im Tech-Universum scheint das zu funktionieren – ob das Konzept aber auch in Branchen Erfolg hat, wo die Auftragslage dünner und der Kontakt zwischen Firmen und Kunden wichtiger ist, muss sich erst noch zeigen.