Als Silvia Humbel 1995 ins Austauschjahr nach Kanada verreiste, war das ein prägendes Erlebnis: Acht Stunden Flug trennten sie von zu Hause, die teure Telefonverbindung liess nur ab und zu ein Gespräch mit den Eltern zu. Den Kontakt mit Familie und Freunden hielt sie vor allem schriftlich. Weil ein Brief zwei Wochen brauchte, erhielt sie von ihrer Freundin jedoch erst Antwort auf einen Brief, wenn schon ein nächster geschrieben war. Entsprechend musste Silvia Humbel sich auf ihr neues Umfeld und ihre Gastfamilie einlassen.

Heute sieht die Situation anders aus: Jugendliche stehen täglich in Kontakt mit ihrer Heimat. Ursula Gervasi, Leiterin der Geschäftsstelle von Rotary Jugendaustausch Schweiz, sieht die weltweite Kommunikation ohne Limit und zu jeder Zeit als eine der grössten Herausforderungen für Austauschschüler. Ihr fällt auf: «Die Schüler können sich so nicht mehr wirklich von zu Hause lösen. Sie stehen in ständigem Kontakt mit ihren Familien und Freunden zu Hause.»

Ein Teufelskreis

Durch Social Media bleiben Austauschschüler auch nach ihrer Abreise in regem Kontakt mit ihrer Familie und ihrem angestammten Freundeskreis. Gerade am Anfang des Austauschs, wenn alle Eindrücke noch neu und aufregend sind, wollen die Jugendlichen ihren Eltern und Kollegen alles erzählen, was sie erlebt haben. Wenn sie dann mithilfe von Whatsapp, Skype oder Facebook mit ihren Gedanken immer wieder zu Hause sind, können sie sich weniger schnell für die Kultur im Gastland öffnen. Das Knüpfen neuer Kontakte wird erschwert und schnell kommt Heimweh auf. Der Teenager wendet sich daraufhin noch mehr der alten Heimat zu. Der junge Abenteurer ist in einem Teufelskreis gefangen.

Die grossen Austauschorganisationen der Schweiz haben das Problem erkannt. Leslie Aegerter, Mitglied der Geschäftsleitung von Into Schweiz, empfiehlt den Jugendlichen in Vorbereitungsseminaren, die Nutzung des Mobiltelefons und von Social Media zu limitieren. Es könne auch helfen, wenn die Eltern das Kind, welches im Austauschjahr ist, aus der Familienchatgruppe löschen. Als Grundsatz empfiehlt Aegerter einseitige Information statt Kommunikation. Der Jugendliche soll die Familie also mittels Blog über das Geschehen informieren, aber nicht an einem Chat teilnehmen. Um den Kontakt nach Hause auf ein gesundes Mass zu begrenzen, empfiehlt auch Silja Rast, verantwortlich für Kommunikation und Marketing bei AFS, konkrete Abmachungen zur Social-Media-Nutzung zu treffen. Sie weist darauf hin, dass dies für alle Beteiligten keine einfache Sache sei, schliesslich wollten Eltern wissen, wie es ihren Kindern in der neuen Heimat ergeht.

Nach dem Austausch von Vorteil

Soziale Medien bieten aber auch Chancen – zumindest nach dem Austausch: Dann haben die Heimkehrer heute die viel besseren Möglichkeiten, den Kontakt mit Freunden vom anderen Ende der Welt zu halten. Ehemalige Austauschschüler erhalten dann zum Beispiel einen Snapshot aus Chile oder eine Whatsapp-Nachricht von der Kollegin aus New York. Eine heute 20-Jährige war 2015 ein Jahr in Florida und berichtet: «Noch heute, zwei Jahre nach meinem Austausch, schreibe ich fast täglich mit Freunden aus Florida.»

Seit den 90er-Jahren hat die Anzahl Jugendlicher, die einen Austausch absolvieren, zugenommen. Rechnet man die Anmeldezahlen von AFS, Into und Rotary zusammen, haben 1995 etwa 280 Schüler den grossen Schritt gewagt. Letztes Jahr waren es über 500 Schüler. In den letzten drei Jahren zeigte sich ein Trend Richtung Stagnation, wie alle drei Organisationen auf Anfrage mitteilen.

Die meisten Austauschschüler sind Gymnasiasten, nur etwa zehn Prozent Berufsschüler. «Wir sind daran, Unternehmer zu begeistern, ein Austauschjahr auch Lehrlingen zu ermöglichen», sagt Silja Rast von AFS. Die beliebteste Destination sind – trotz Trump-gefüllten Nachrichten – nach wie vor die Vereinigten Staaten.

Für die Organisationen ist es aber nicht einfacher geworden, genügend Gastfamilien zu finden. Bei AFS ist die Nachfrage nach Plätzen bei Familien in der Schweiz besonders gross. Rast sagt: «Wir nehmen pro Jahr zwischen 170 und 200 Schüler und Schülerinnen auf, wir haben aber 300 bis 400, die kommen möchten.» Die Austauschorganisation Rotary Schweiz regelt es deshalb anders. «Für jeden Schweizer Schüler, den wir senden, empfangen wir einen Schüler aus dem Ausland. So ist unser Verhältnis Sending – Hosting nahezu eins zu eins», erklärt Ursula Gervasi. Into hingegen stellt kein grosses Interesse für die Schweiz fest: Das Land sei für die ausländischen Austauschüler zu teuer und wegen des Dialekts weniger beliebt als Deutschland.