«Mama, wie haben Du und Papa euch eigentlich kennen gelernt?»

«Wir haben uns auf Tinder gematcht.» Werde ich meinem zukünftigen Kind wirklich erzählen, ich habe Papa mithilfe der Gratis-Dating-App Tinder gefunden?

Dave steht in der Bahnhofshalle in Zug und wartet. Rot-schwarz kariertes Hemd, Vollbart, Schiebermütze, kurze Hosen, Turnschuhe. «Ein Hipster, das wird bestimmt nichts», denke ich und sage «hallo». Dave war mein erster Treffer auf Tinder, zu Deutsch Zunder.

Die App zeigt mir Profile von mehr oder weniger flirtwilligen Männern an. Ein Bild mit Name, Alter und Entfernung, wobei ich bei den Suchkriterien Alter und Entfernung bestimme.

Bis zu fünf Bilder kann jeder aus seinem Facebook-Profil hochladen. Gemeinsame Freunde und Interessen werden ebenfalls angezeigt. Wer mag, schreibt weitere Infos dazu. Der Rest ist einfach: Wer mir nicht gefällt, wird weggewischt, indem ich sein Bild mit dem Daumen nach links ziehe.

Daves Profil gefiel mir, also tippte ich auf das grüne Herz. Auch Dave tippte bei meinem Profil auf das Herz. Zwei Sekunden später bekamen wir von Tinder die Nachricht: «Es passt».

Tinderianer nennen das einen Match. «Du und Dave steht aufeinander», war die App aus dem Silicon Valley überzeugt. Die Behauptung fand ich übertrieben. Aber nun konnten Dave und ich uns schreiben, was nur möglich ist, wenn beide Personen auf das grüne Herz tippen.

Ich gebe zu, ich hätte an seinen Bildern schon erkennen können, dass er nicht mein Typ ist, doch ich fand sie kreativ – zumindest anders als die meisten Fotos auf Tinder.

Kein oben ohne posender Spornotyp; kein Snowboarder am Pistenrand, der sein Victory-Händchen in die Kamera streckt; kein Knuddeln mit einer Katze oder einem Delfin; kein Selfie vor dem Badezimmerspiegel (einige tragen dabei ihre Sonnenbrille), und ganz wichtig: kein Posen mit irgendeiner Waffe. Dave schien einfach Dave zu sein.

Und so laufen wir also vom Bahnhof zum See, unterhalten uns über Tinder, Dates und Beziehungen.

Über verkrampfte Schweizer, die fünf Schritte vorausüberlegen, bevor sie jemanden ansprechen, den sie doch nie ansprechen, weil Schritt vier offenbart, dass man möglicherweise scheitern könnte. Dank Tinder haben wir uns angesprochen, doch ich weiss, Dave wird nicht der Vater meiner Kinder.

Daten zum Zeitvertreib

Wie ist das nun mit der grossen Liebe auf Tinder? Die Meinungen im Internet gehen auseinander. Eine Autorin sieht in Tinder einen Zeitvertreib, wie Panini-Bilder sammeln: Das eigene Herz hüpft kurz, wenn man einen Match verbucht. Doch die meisten Treffer sind schnell vergessen. Oft schreibt man einander gar nicht erst. Auch mir passiert das. Beim geringsten Hauch von Langeweile bin ich weg, schliesslich warten Hunderte andere potenzielle Matches.

Die App steht bei jungen Singles derzeit hoch im Kurs. Ich frage das Unternehmen nach Nutzerzahlen, doch ich werde quasi weggewischt – «Dazu geben wir keine Auskunft. Nur so viel: Täglich werden weltweit eine Milliarde Profile bewertet.»

In Berichten lese ich: Die App verrät den eigenen Marktwert. Einige Männer würden alle Profile anklicken und schauen, bei welchen Frauen es matcht. Ein virtuelles Spiel. Und: Tinder sei die Quintessenz der Oberflächlichkeit, weil das Individuum auf Bilder reduziert werde. Ich widerspreche!

Leute auf Tinder verhalten sich nicht oberflächlicher als solche, die in Bars oder Clubs Ausschau nach einem potenziellen Partner oder einem Sex-Gspänli halten.

Als ich kürzlich in einem Club tanzen war, traf ich auf Jungs, die nicht mal mehr auf das Äussere schauten, sondern einfach jede Frau anquatschten. Fazit: Das Äussere kommt immer zuerst oder gar nicht mehr.

Aber: Wie jemand mit mir spricht, wie seine Stimme klingt, wie er lacht, mit dem Kopf nickt, sein Glas hält – das alles fehlt in der virtuellen Welt. So bekomme ich Nachrichten von Männerbildern; orientiere mich an ihnen und den Zeilen. Denke mir, wie sie sprechen, sich bewegen, lachen und weiss: Es ist doch nur meine Fantasie.

In einer Bar in Zürich treffe ich Marco. Er schrieb selbstbewusst und brachte mich mit seinen Nachrichten zum Lachen. Leider stellt sich bei ihm heraus, dass er im echten Leben kaum mit dem Kopf nickt, kaum lacht, aber viel, wirklich viel von sich erzählt. Er stellte mir zwar Fragen, beantwortet sie aber am liebsten selber. Fazit: keine Kinder mit Marco.

Beziehung oder schneller Sex?

Von Freunden will ich wissen, weshalb sie die App nutzen. «Bei Tinder weiss ich, dass ich ihr gefalle, sonst wär ich viel zu schüchtern, um sie anzusprechen», sagt einer. Ein anderer ist auf der Suche nach einer Beziehung. Er hofft auf die Hilfe der App. Auch Dave erzählte am See, dass er eine Freundin suche und nicht schnellen Sex. Andere Nutzer bevorzugen Letzteres.

Samstagmorgen, ich tindere. Nein, nein, nein, mal schauen, ui nein, gefällt mir, nein, nein, gefällt mir. Mein Smartphone vibriert. «Du und Dani steht aufeinander». Er schreibt «So guet». Wir wechseln ein paar Worte.

Abends fragt er nach einem Sonntagskaffee. Wir treffen uns am Hauptbahnhof in Zürich. Er schlägt dieselbe Bar vor, die ich vorgeschlagen hätte.

Auf dem Weg finden wir heraus, dass wir in derselben Branche arbeiten. Von da an haben wir Gesprächsstoff bis zum Umfallen. Ich weiss nicht, was mir an ihm gefällt, und genau das mag ich.

Wir verbringen einen weiteren Nachmittag zusammen. Eine Woche danach gehen wir tanzen. Es ist jener Abend, an dem die Jungs im Club wahllos jedes Mädchen anquatschen und ich bin froh, bin ich mit Dani da. Wir finden beide «Es passt», bleibt die Frage, wie gut.

Mein Fazit mit einer Prise Oberflächlichkeit: Tinder ist wie Kleider kaufen. Man sollte wissen, was man will. Sonst streift man durch die Geschäfte; schiebt Bügel von links nach rechts; sammelt Kleider in der Kabine und vergisst am Schluss, weshalb man sie eigentlich anprobieren wollte.

Vielleicht kauft man was Billiges, weil es gut aussieht, und merkt später, dass es nach dem ersten Waschen nicht mehr passt – oder hat man es nur für den einen Abend gekauft?

Doch vielleicht nimmt man sich die Zeit und sucht nach einem Stück, das lange hält; bei dem man sagen kann: «Es passt.»