Neue Märkte

Warum eine Chilbi-Atmosphäre für Google so wichtig geworden ist

An der unkonventionellen Entwicklerkonferenz «Google I/O» hat die Firma ihre neusten Zukunftspläne präsentiert.

An der unkonventionellen Entwicklerkonferenz «Google I/O» hat die Firma ihre neusten Zukunftspläne präsentiert.

Bei der «Google I/O» wähnt man sich eher an einer Schweizer Chilbi als an einer Informatik-Konferenz. Das ist vom Internet-Giganten gewollt.

Es hat überraschend viele Luftballons. Die Musik ist erstaunlich laut, das Licht ungewöhnlich grell und die Minigolfbahnen, Tischtennistische und Karaoke-Shows vermitteln ebenfalls ein anderes Bild, als man es eigentlich erwarten würde. Bei der «Google I/O» wähnt man sich teilweise eher an einer Schweizer Chilbi als an einer Informatik-Konferenz. Dass es sich um den wichtigsten Jahresanlass von einer der weltweit mächtigsten Firmen handelt, das vergisst man als Besucher schnell. Vor allem dann, wenn man am späten Abend rund zwei Dutzend Personen dabei beobachtet, wie sie sich in einem gigantischen Bällchenbad austoben – so eines, wie man es sonst nur im Kinderparadies von Shopping-Centern findet.

Das ist sie jetzt also – die Firma, welche unseren digitalen Alltag in den vergangenen zwei Jahrzehnten fundamental verändert hat. Das Unternehmen, dessen Wert momentan auf mehrere 100 Milliarden Dollar geschätzt wird und das auch unsere Zukunft zentral mitgestalten will. Von Mittwoch bis Freitag fand diese Woche die jährliche Entwicklerkonferenz «Google I/O» im kalifornischen Mountain View statt. Das ist nicht nur jene Veranstaltung, an der die Unterschiede zwischen der Firmenkultur im Silicon Valley und in Europa eindrücklicher zu sehen sind als irgendwo sonst. Es ist vor allem auch jener Anlass, an dem die Google-Funktionäre erzählen, an welchen Produkten sie gerade arbeiten, was das für die Informatikbranche bedeutet und wie unsere digitale Zukunft aussehen wird.

Google muss aufholen

Als CEO Sundar Pichai am Mittwochmorgen auf die Bühne des Amphitheaters trat, klatschte das Publikum frenetisch. Und das, obwohl den meisten von ihnen bewusst war, dass man dieses Jahr von ihm keine revolutionäre Ankündigungen hören würde. Denn Google ist derzeit in einer speziellen Situation: Die Firma ist im Hintertreffen. Natürlich dominiert man nach wie vor grosse Bereiche des World Wide Webs und mit Android hat man auch weite Teile des Smartphone- und des Tabletmarkts erobert. Google gilt bei vielen als unantastbar, gar als unbesiegbar. Aber damit eine Tech-Firma erfolgreich bleibt, muss sie immer weiter wachsen. Und richtet man den Blick auf neue, zukunftsweisende Märkte, liegt Google vielfach weit hinter der Konkurrenz zurück. Dieses Bild zeigt sich unter anderem bei den digitalen Sprachassistenten, aber auch beim Cloud-Computing und bei der Virtual Reality. 

Die Lösung  ist für CEO Sundar Pichai klar und in allen Sparten identisch: «Wir setzen künstliche Intelligenz an die Spitze unseres Unternehmens, überdenken all unsere Produkte. In Zukunft wollen wir die Probleme unserer Nutzer mit Hilfe von Maschinen lösen, die selbstständig lernen.» Und diese Strategie wiederspiegelte sich dann auch in diversen Ankündigungen, welche man an der diesjährigen «Google I/O» zu hören bekam (siehe Artikel unten). Obwohl die Summe dieser Neuheiten durchaus bemerkenswert ist, fehlten die wirklich revolutionären Produkte – genauso wie man es bereits beim ersten Applaus erwartet hatte. Auch das lässt sich auf den Kurs des Unternehmens zurückführen: Mit der künstlichen Intelligenz setzt man auf eine Technologie, welche unvorstellbares Potential hat. Es ist aber auch eine extrem komplexe Wissenschaft, deren Entwicklung Zeit braucht. Die vorgestellten Produkte sind ein erster Schritt – «ein Babyschritt», wie Pichai sagte - aber die Präsentation zeigte sehr genau, welchen Weg Google eingeschlagen hat.

Anreize für Entwickler

Die Eröffnung der «Google I/O» war für die meisten Journalisten bereits der Höhepunkt der Konferenz. Für die anwesenden Programmierer war es aber erst das Vorspiel. An sie richtet sich das dreitägige Festival nämlich in erster Linie – und zwar an jene Entwickler, welche nicht direkt für Google arbeiten. Eingeladen wird, wer die Plattformen von Google mit Apps füllt, sie so zum Leben erweckt und für den Nutzer attraktiv macht. Diese Rolle ist enorm wichtig, deshalb geizt Google während der Veranstaltung auch nicht mit Anreizen, um den Anwesenden eine gute Zeit zu garantieren.

«Für uns ist es eine einmalige Chance», erzählt Michel Racic. Er ist Leiter der Google Developer Group (GDG) Zürich und extra aus der Schweiz angereist. «Wir kommen hier direkt mit jenen Google-Mitarbeitern in Kontakt, welche die Technologien entwickelt haben, mit denen wir in Zukunft arbeiten. Diese technischen Diskussionen sind extrem wertvoll», erklärt er, während ein Mann im Pelzmantel auf einem blinkenden Surfboard an ihm vorbeifährt.

Die «Google I/O» ist unkonventionell, aber sie ist wichtig. Denn je ambitionierter die Pläne von Google werden, desto mehr Unterstützung von aussen wird die Firma für die Umsetzung brauchen.

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