Schreie. Tränen. Atemnot. Von überall rennen Jugendliche herbei und innerhalb von Sekunden formt sich ein gigantischer Mob, der sich langsam in Richtung Konferenzgebäude verschiebt. Die meisten der Teenager sind weiblich und halten entweder ein Smartphone oder eine Kamera in die Luft – dazwischen erkennt man einen blonden Haarschopf, der alle magnetisch anzuziehen scheint.

Als Erwachsener steht man ziemlich ratlos in dieser gigantischen Menschentraube, weicht den Heranrauschenden aus und versucht, das surreale Schauspiel irgendwie einzuordnen. Der blonde Haarschopf gehört Logan Paul; dem König der sozialen Medien. Ihn kennt und bewundert man auf der ganzen Welt. Aber anders als Teenie-Idole wie Justin Bieber oder Taylor Lautner ist er weder im Radio zu hören noch auf der Kinoleinwand zu sehen. Der Amerikaner ist ein Internetstar, nimmt damit jene Rolle ein, welche vor der digitalen Revolution noch die Popstars und Schauspieler hatten.

Täglich lädt er Fotos oder kurze Videos von sich auf soziale Netzwerke und erreicht damit ein Millionenpublikum. Professionell ist das Ganze nicht – dafür authentisch und unterhaltsam. Das genügt, um als 22-jähriger bereits Multimillionär zu sein. Das genügt auch, um an der VidCon-Konferenz, welche vergangene Woche im kalifornischen Anaheim stattfand, von Hunderten Fans über das Veranstaltungsgelände gejagt zu werden.

«Mein erstes Internet-Date»

«Mein erstes Internet-Date»

Logan Paul hält seine Fans mit lustigen Videos auf Youtube bei Laune.

Es ist unterdessen allgemein bekannt, dass man in sozialen Netzwerken mit Amateurvideos und Smartphone-Selfies zum Weltstar werden kann; Logan Paul hat alleine auf Facebook mehr Follower als Roger Federer und die «New York Times». Aber so richtig greifbar wird das Phänomen der Internetstars erst im realen Leben: An der VidCon, der mit Abstand grössten Konferenz ihrer Art, verwandeln sich einmal pro Jahr die digitalen YouTube-Subscriber, die Instagram-Follower und die Snapchat-Friends in reale Personen aus Fleisch und Blut.

Sturm und Drang

Als der Event vor acht Jahren zum ersten Mal durchgeführt wurde, waren selbstgedrehte Internetvideos noch eine kulturelle Randerscheinung. Unterdessen sind sie globaler Mainstream. Deshalb nahmen dieses Jahr rund 30 000 Personen an der VidCon teil; zwanzig Mal mehr als noch bei der ersten Konferenz. Früher war der Event für Videoproduzenten gedacht, mittlerweile wird er von 10- bis 14-jährigen Mädchen dominiert. Sie alle wollen sich hier Selfies und Autogramme von ihren Lieblingsstars ergattern.

Der Auftritt von Logan Paul an der VidCon ist kurz. Aber intensiv. Innerhalb von nur drei Minuten gerät die Menschenmasse um ihn derart ausser Kontrolle, dass die Sicherheitskräfte einschreiten. Sie packen Logan und zerren ihn durch die Menge bis zum Konferenzgebäude, verriegeln dort die Türen. Dann ein Sturz – Logan kommt frei, sprintet los und wird von Hunderten Jugendlichen bis zu seinem Hotel verfolgt. Die Videokamera hat er dabei stets in der Hand. Danach dauert es fast eine halbe Stunde, bis die Situation einigermassen unter Kontrolle ist und man das Konferenzgebäude wieder betreten kann. «Ich habe ihn tatsächlich gesehen, es war unglaublich», erzählt ein 13-jähriges Mädchen mit Tränen in den Augen. Ihre Mutter steht daneben und wirkt ratlos.

Fans drehen völlig durch: Logan Paul wird belagert und schliesslich von Sicherheitsleuten gepackt

Fans drehen völlig durch: Logan Paul wird belagert und schliesslich von Sicherheitsleuten gepackt

Was sich auf dem Vorplatz abspielt, verfolgt man auch auf der Terrasse im zweiten Stock mit Staunen. Die ganze Etage ist Geschäftsleuten vorbehalten, die mit sozialen Medien in irgendeiner Form Geld verdienen wollen. Was sich beim Aufeinandertreffen von Stars und Fans im Erdgeschoss abspielt, ist der beste Beweis dafür, dass sie hier am richtigen Ort sind. Wer vorher noch am Einfluss der Social Media Stars gezweifelt hatte, wurde endgültig eines Besseren belehrt. Das ist auch finanziell interessant: Heute werden Internetstars immer häufiger als «Influencer» bezeichnet; wörtlich also «Beeinflusser». Was sie tun, tragen und konsumieren, werden auch ihre Fans begehren.

Dank ihrer Reichweite und ihrer Authentizität gehören sie heute zu den begehrtesten Markenbotschaftern. Dieses Ansehen nutzen Firmen, um ihr Angebot zu bewerben: Teilt ein «Influencer» ein Foto oder ein Video eines neuen Produkts, kann er dafür Tausende Franken verlangen. Aus einem Hobby hat sich so für viele ein Beruf entwickelt. Und weil das verlockend einfach wirkt, laufen auch an der VidCon viele der jungen Teilnehmer mit ausgestrecktem Arm und Videokamera durch die Gegend. Sie erhoffen sich damit, in Zukunft eine eigene Fangemeinde aufzubauen. Niemand will mehr Popstar werden – «Influencer» ist der neue Traumberuf.

Soziale Netzwerke rüsten auf

Die Amateurvideos im Internet sind lukrativ – nicht nur für die Produzenten, sondern auch für die jeweiligen Videoplattformen. Alleine im vergangenen Jahr hat YouTube, das seit 2006 zu Google gehört, geschätzte zehn Milliarden Dollar eingenommen. Darauf reagieren jetzt auch die anderen Tech-Konzerne, welche ein Stück des Video-Markts abhaben wollen: Derzeit buhlen fast alle sozialen Plattformen um «Influencer». Denn wo sie sind und ihre Inhalte teilen, dorthin gehen auch die Fans und die Werbeeinnahmen. Netzwerke wie Facebook, Snapchat, Twitter und Instagram tun deshalb viel dafür, um mit neuen Funktionen und optimierten Algorithmen zur idealen Videoplattform zu werden.

Diese Strategie scheint erfolgreich zu sein; es gibt immer mehr «Creator», welche ihre Inhalte nicht mehr auf YouTube, sondern ausschliesslich bei der Konkurrenz veröffentlichen. Ein Quasimonopol bröckelt. Eindrücklich zeigte sich das an der VidCon: Während sich bei der Konferenz vor einigen Jahren noch alles um YouTube drehte, diskutierten Experten am vergangenen Wochenende mindestens so intensiv über Facebook-Videos und kreischten Fans genauso laut für Instagram- oder Snapchat-Stars.

Wer im Showbusiness Einfluss haben will, braucht keine Agentur mehr, sondern nur noch ein Smartphone und eine extrovertierte Persönlichkeit. Nur einen Tag nachdem Logan Paul vor seinen Fans ins Hotel geflüchtet war, lud er ein Video davon ins Internet. Nach 24 Stunden erreicht das Video über zwei Millionen Klicks. Das blieb sein einziger Auftritt an der VidCon, denn sein Festivalpass wurde ihm und anderen Internetstars nach dem Tumult entzogen.

«Meet and Greets» zwischen Stars und Fans sind nur noch in einer abgesperrten Halle erlaubt, wo man vom Bodyscanner durchleuchtet und danach von unzähligen Sicherheitsbeamten überwacht wird. Hier warten Fans bis zu vier Stunden für ein zehnsekündiges Treffen mit ihren Idolen. Von der VidCon nehmen Teenager deshalb vor allem Selfies und Autogramme mit nach Hause. Wer die Konferenz aber als Erwachsener besucht und den Hype um die digitalen Stars in der realen Welt erlebt, der geht mit der Erkenntnis, dass sich hier eine neue Industrie entwickelt. Und dass diese gerade erst am Anfang ist.