Startbereit. Ich drücke beide Joysticks nach unten. Die Rotoren beginnen zu drehen und hochtourig zu surren – lauter, als ich es erwartet habe.

Dann drücke ich den linken Joystick nach oben, die Drohne schraubt sich in die Höhe – schneller, als ich es mir vorgestellt habe.

Ein paar Sekunden später schwebt das Flugobjekt 30 Meter über mir; auf dem Bildschirm, den ich in den Händen halte, sehe ich mich selber aus der Vogelperspektive. Wie ich dastehe und eine Drohne steuere.

Bis zu 500 Meter hoch kann die getestete Drohne fliegen – hier schwebt sie über die Ruine Stein in Baden.

Bis zu 500 Meter hoch kann die getestete Drohne fliegen – hier schwebt sie über die Ruine Stein in Baden.

Kameradrohnen erobern gerade den Himmel. Rund 4 Millionen Fluggeräte sollen letztes Jahr an private Konsumenten verkauft worden sein.

Zivile Drohnen sind innerhalb kurzer Zeit zu einem Milliardenmarkt geworden. Sie gehören zu den derzeit angesagtesten Gadgets.

Dutzende verschiedene Modelle findet man in den Online-Stores. Die meisten haben vier Rotoren, einige sechs, andere sogar acht. Einige sehen aus wie futuristische Raumschiffe, andere wie Techno-Libellen. Bereits für unter hundert Franken kann man sich eine kleine Drohne erstehen; die teuersten kosten mehrere tausend Franken.

Ein fliegender Bolide

Für meinen ersten Versuch als Drohnen-Pilot habe ich eine Phantom 4 des chinesischen Marktführers DJI ausgesucht. Ein fliegender Bolide für 1500 Franken.

Der Quadrocopter ist weiss, steht auf zwei Kufen und ist mit vier Rotoren bestückt, die dafür sorgen, dass er einfach zu steuern ist und ruhig in der Luft steht. So verwackeln Foto- und Filmaufnahmen von der integrierten HD-Kamera nicht.

Ausserdem ist die Drohne smart. Im Anfängermodus sind Unfälle theoretisch unmöglich, da der Quadrocopter Bäumen, Mauern und was auch immer selbstständig ausweicht.

Genau das Richtige für einen Drohnen-Neuling. Und in der Tat: Hat man die App fürs Smartphone oder Tablet installiert, Drohne und Fernsteuerung eingestellt und die Rotorblätter richtig angebracht, ist das Fliegen eigentlich kinderleicht.

In alle Richtungen kann man sich drehen, hin und her sausen – und die Umgebung von oben bestaunen. Wer will, kann das live auf Youtube streamen.

Live auf dem Tablet

Entwickelt wurden Drohnen als Killermaschinen fürs Militär; nun werden sie zu Unterhaltungsgadgets und könnten uns dazu verhelfen, dass wir die Welt mit neuen Augen sehen.

Was die fliegende Kamera sieht, wird live auf das Tablet geschickt: die geometrisch geordneten verschiedenfarbigen Ackerflächen, das Dach des eigenen Hauses, die Sonnenterrasse des Nachbars. Ein Anblick, den man sich sonst höchstens kurz beim Start im Flugzeug erhaschen kann. Aus dieser Perspektive ist irgendwie alles aufregend, weil neu.

Instagram für Drohnenfotos

Auch im Internet sind Luftaufnahmen beliebt. Mit Skypixel gibt es sogar eine eigene Plattform dafür – eine Art Instagram für Drohnenfotos und -videos.

Man findet Bilder von Flüssen, die sich durch grüne Landschaften schlängeln, und von Strassen, die Städte durchschneiden. Besonders beliebt sind – warum auch immer – Luftbilder von Walen und Delfinen. Und Videos von Extremsportlern: Atemberaubende Aufnahmen, die früher nur mit einem Helikopter möglich gewesen wären.

«Follow Me»-Modus

Natürlich kann man sich auch selber in Szene setzen. Meine Phantom 4 hat einen «Follow Me»-Modus. Einmal angeklickt, folgt sie mir, wenn ich übers Feld spaziere.

Ich drücke den Auslöseknopf, schon habe ich ein Selfie aus der Luft, geschossen von einer Drohne. Ein «Dronie» sozusagen. Selbstreflexion von oben.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn mir jeden Tag ein Drohen folgen würde, mir meine Leben aus gottgleicher Perspektive aufs Handy beamen würde. Ein Fluggerät, das ich bei Bedarf am Sonntagmorgen auch in die Bäckerei schicken kann, um mir frisches Brot zu holen – immerhin experimentieren Firmen wie Amazon oder die Schweizer Post bereits mit Drohnen als Paketzusteller.

Zukunftsmusik. Doch meine Phantom 4 kann auch schon einiges. Zum Beispiel schnell fliegen: Bis zu 72 Kilometer pro Stunde schafft sie. Soll ich? Ich tue es. Drücke den Joystick durch, und der Quadrocopter rast durch die Luft.

Zum Glück befinde ich mich auf offenem Feld – eine Kollision in dem Tempo hätte bestimmt keine schönen Folgen.

Solange man Sichtkontakt hat

Dann lasse ich sie in die Höhe steigen. 500 Meter sind möglich. Nach 200 stoppe ich – am Himmel ist die Drohne bloss noch als verschwindend kleiner Punkt zu sehen, das Drehen der Rotoren ist kaum mehr zu hören. Der Livestream auf meinem Tablet reisst immer wieder kurz ab. Beim Gedanken an eine ausser Kontrolle geratene Drohne über mir wird mir etwas mulmig.

In der Schweiz sind die Regeln für Drohnenpiloten relativ liberal. Eine Prüfung braucht man nicht, registrieren muss man die Fluggeräte, wie das beispielsweise in den USA der Fall ist, auch nicht.

Man darf den Leuten nicht bewusst in Gärten und Fenster spionieren, nicht in der Nähe von Flughäfen fliegen und muss 100 Meter Abstand zu Menschenmassen halten. Sonst geht ziemlich alles, solange man Sichtkontakt zur Drohne hat.

Mehr Drohnen, mehr Unfälle

Klar ist, dass es mit zunehmender Anzahl Drohnen am Himmel zu Unfällen und Fast-Unfällen kommen wird.

Letzten Dezember krachte bei einem Skirennen eine Drohne eines Filmteams unmittelbar hinter Marcel Hirscher auf die Piste. Im April stürzte eine Drohne bei einem Konzert der Band Muse in London ins Publikum.

Ebenfalls während eines Konzerts wurde der Sänger Enrique Iglesias verletzt, weil er nach einer Drohne griff, die ihn filmte. Und auf der Autobahn in Bochum prallte letztes Jahr eine tief fliegende Drohne in die Frontscheibe eines PW.

Das war knapp: Die Drohne zerschellt nur wenige Zentimeter neben Hirscher auf der Strecke.

Das war knapp: Die Drohne zerschellt nur wenige Zentimeter neben Hirscher auf der Strecke.

Wer auf einem öffentlichen Platz einen Quadrocopter steigen lässt, schafft sich nicht unbedingt Freunde. Klar, die Gadget-Fans schauen interessiert. Bei ihnen kann man schon mal Eindruck schinden, wenn man mit einer Phantom 4 aufkreuzt.

Viele fühlen sich von den fliegenden Augen aber eher belästigt. Das liegt wohl daran, dass die Flugobjekte noch neu sind. Denn dass wir ständig von Smartphone-Kameraaugen umgeben sind, daran haben wir uns gewöhnt.

Die Drohne an der Leine

Einer, der das Verhältnis zwischen Drohnen und Menschen entspannen möchte, ist Christopher McCall. Der gebürtige Amerikaner ist CEO des in Zürich ansässigen Start-ups Fotokite. Mit seinem Team entwickelt er Quadrocopter, die man wie einen Flugdrachen über eine Leine steuert.

So sind Pilot und Drohne nicht nur über Funk, sondern auch physisch verbunden. Das sorge für mehr Sicherheit, meint McCall. Ausserdem sei die Drohne intuitiv zu bedienen.

Anders als die Phantom 4 kommt die Drohne ohne klassische Fernsteuerung aus. Um das Fluggerät zu starten, aktiviert man die Rotoren mit einer raschen Drehbewegung aus dem Handgelenk, und schon schwebt es in der Luft.

In der anderen Hand hält man die Leine, auf Knopfdruck lässt sich die Schnur abrollen, und die Drohne steigt, oder wieder einrollen, um den Sinkflug einzuleiten.

Ähnlich einfach lässt sich die Kamera drehen. Bewege ich mich, ziehe ich die Kamera hinter mir her. Ich spaziere mit der Drohne an der Leine wie mit einem Hund.

Die neuen Helmkameras

Der grösste Vorteil der Drohne, die 369 Franken kostet und ab Juli erhältlich sein wird, ist aber nicht die Leine, sondern die Grösse und das Gewicht.

Man kann sie mit einer Handbewegung zusammenfalten, sodass sie in einer zylinderförmigen Box Platz hat, die bloss etwa so gross ist wie eine Weinflasche und mit 350 Gramm (inklusive Kamera) einiges weniger wiegt.

Eine solche Drohne nimmt man auch auf eine Wanderung oder eine Biketour mit – die Phantom 4 hingegen würde einen ganzen Rucksack in Anspruch nehmen. Und dann lässt man sie auf dem Gipfel steigen, und gewinnt einen neuen Blick auf sich und das Bergpanorama.

Die Drohne wird so zum verlängerten Selfie-Stick. Oder aber man montiert sie am Bike und rast den Berg hinunter. Das ist dann der nächste Schritt der sportlichen Selbstinszenierung nach der Helmkamera, die man seit einigen Jahren vermehrt auf Skipisten sieht.

Allzu lang darf die Abfahrt aber nicht dauern. Nach 15 Minuten ist der Akku leer. Ähnlich sieht es bei der Phantom 4 aus – wo nach etwa 25 Minuten Schluss ist.

Lange bevor die Energie zur Neige geht, macht die Fernsteuerung durch lautes Piepsen auf sich aufmerksam. Ein Druck auf den Landeknopf genügt, und die Drohne macht sich selbstständig, kommt zurück und landet sanft. Ziemlich smart.