Stellen Sie sich vor, ein Einbrecher betritt Ihr Wohnzimmer. Doch anstatt etwas zu stehlen, stellt er ein neues Musikalbum in Ihr CD-Gestell. Zum Beispiel «Songs of Innocence» von U2. Würden Sie sich beim Eindringling für das Geschenk bedanken oder doch eher die Polizei anrufen, weil Sie das als massiven Eingriff in Ihre Privatsphäre wahrnehmen? Vermutlich Letzteres.

Sofern Sie Apples Musik-Programm iTunes nutzen, ist Ihnen womöglich genau das passiert. Schauen Sie mal nach. Wer seine iTunes-Mediathek mit iCloud verbunden hat, der findet das neue Album in seiner Musiksammlung auf dem iPhone oder dem iPad eingereiht – ohne, dass er es aktiv heruntergeladen hätte. Nachdem U2 diese Woche mit einem ihrer neuen Songs die grosse Apple-Sause ausklingen liess, hat der Computer-Gigant aus Cupertino allen 500 Millionen iTunes-Nutzern das neue Album von Bono und Co. geschenkt.

Wär schon schön, vorher gefragt zu werden

Freue mich trotzdem über das Gratis-Album

U2 is a hacker

Was Bono und George Orwell gemeinsam haben

Gut möglich also, dass sich in Ihrer Musiksammlung jetzt «Songs of Innocence» (deutsch: «Lieder der Unschuld») befindet, ohne dass Sie es bisher gemerkt haben. Werden Sie nun deswegen die Polizei anrufen, weil Apple ungefragt in Ihre Privatsphäre eingedrungen ist? Vermutlich nicht. Und zugegebenermassen hinkt der Vergleich mit dem Einbruch ins Wohnzimmer auch. Denn Ihre Musiksammlung auf dem iPhone – soviel Intimes sie auch über Sie preisgeben mag – ist nicht privat. Zumindest Apple hat einen ungehinderten Blick darauf. Um ein neues Album ungefragt hineinzustellen, muss Apple also gar nicht erst eindringen.

Solange unsere Geräte mit dem Internet verbunden sind, haben Software-Konzerne Zugang zu den geladenen Inhalten. Das hat auch sein Gutes: Es lassen sich Updates installieren. Und Musikalben, Filme sowie E-Books werden automatisch auf verschiedenen Geräten synchronisiert. Apple, Google, Amazon und Co. haben immer eine offene Türe in unser digitales Wohnzimmer. Das zeigt, wie mächtig heutzutage Software-Konzerne sind.

How is it possible to do this without user permission?

Wenn nun Apple diese Macht nutzt, um uns ein U2-Album aufzudrängen, mag das nicht so schlimm sein – es gibt ja kaum was Harmloseres als die Musik von Bono. Doch was wäre, wenn Apple auf diese Weise allen Nutzern ein Musik-Album oder einen Film mit politisch heiklem Inhalt in die iTunes-Mediathek «schmuggeln» würde? Möglich wäre auch das Umgekehrte: Ein Software-Konzern könnte die Medien seiner Nutzer im grossen Stil löschen. Mindestens einmal ist das bereits vorgekommen. Vor fünf Jahren bemerkten Kindle-Leser, dass ihre Kopien von George Orwells «Animal Farm» und «1984» von ihren Lesegeräten ohne Vorwarnung verschwunden waren. Schuld daran war ein Streit zwischen Amazon und dem Rechtsinhaber der Werke. Der Online-Versandhändler löschte darauf kurzerhand die Kopien und erstattete den Kunden das Geld zurück.

Das ist wie Weihnachten 1984

Ein Klick, und die Kontrolle über unser digitales Eigentum ist weg

Die Konsequenz dieser Beispiele: Wenn es hart auf hart kommt, haben wir keine Kontrolle mehr über unser digitales Eigentum. Natürlich würde heute kein Software-Konzern seine Macht aus ideologischen Gründen missbrauchen – doch politische Winde können drehen, wir bleiben ausgeliefert. Käme es im Digitalzeitalter zu einer «Verbrennung» von entarteter Kunst, liesse sich diese mit der Hilfe der Cloud-Dienste quasi mit einem Klick über Nacht vollziehen. Ausgerechnet Bono und seine Band-Kollegen rufen uns die Macht der Software-Giganten wieder einmal ins Bewusstsein – mit ihren Liedern der Unschuld.