Schicksal

«That Dragon, Cancer»: Das traurigste Computerspiel der Welt

Ein idyllisches Bild, wäre da nicht der giftgrüne Infusionsschlauch. In Szenen wie dieser macht «That Dragon, Cancer» das Krebsleiden eines Kindes erlebbar.

Ein idyllisches Bild, wäre da nicht der giftgrüne Infusionsschlauch. In Szenen wie dieser macht «That Dragon, Cancer» das Krebsleiden eines Kindes erlebbar.

Mit 12 Monaten erkrankte Joel an einem Hirntumor. Sein Leiden verarbeitete sein Vater im Computerspiel «That Dragon, Cancer». Doch wie kann man Krebs in einem Spiel darstellen?

Ein Teich in einem Wald. Ein kleiner Junge sitzt am Ufer und wirft einer Ente Brotstückchen zu. Ich werde gewahr, dass ich die Ente verkörpere und schnappe nach dem Brot. Den einzelnen Brocken folgend, bewege ich mich langsam auf den Jungen zu, bis die Stimmen am Ufer vernehmlicher werden. Man hört einen anderen, älteren Jungen sagen: «Papa, Joel ist fünf Jahre alt. Weshalb kann e nicht sprechen?» Der Vater antwortet: «Joel wurde mit einem Jahr sehr krank. Das hat ihn etwas verlangsamt. Aber er wird die anderen Kinder irgendwann einholen.» Dann fügt er hinzu: «Weisst du, es gibt viele Dinge, die Joel nicht gut kann. Nenn mir doch etwas, worin er gut ist.» Der ältere Junge überlegt und sagt: «Lachen.»

Die Szene stammt aus dem Computerspiel «That Dragon, Cancer». Darin wird die wahre Geschichte des krebskranken Buben Joel Green thematisiert. Als bei Joel im Alter von zwölf Monaten ein Hirntumor festgestellt wurde, gaben ihm die Ärzte nur noch wenige Monate zu leben. Doch Joel lebt und kämpft weiter, Jahr um Jahr. Sein Schicksal haben seine Eltern in einem autobiografischen Spiel festgehalten. Es ist ein ebenso ergreifendes wie ungewöhnliches Denkmal geworden.

«That Dragon, Cancer» – der offizielle Trailer zum Game

«That Dragon, Cancer» – der offizielle Trailer zum Game

Hoffnung und Ängste

«That Dragon, Cancer» setzt sich aus vierzehn Szenen zusammen, die eine Art begehbares Bilderbuch ergeben. An vielen Stellen ist das Geschehen mit Originaltonaufnahmen der Familie unterlegt, auf denen man das Lachen des Buben vernimmt. Nüchtern dargebotene Passagen wechseln sich mit traumähnlichen ab. So brechen in die kalte Wirklichkeit steriler Behandlungsräume und Wartezimmer oft unvermittelt fantastische Elemente ein, in denen die Innenwelt der Eltern, ihre Hoffnungen und Ängste, manifest werden.

Viele Bilder gehen einem nicht mehr aus dem Kopf. Etwa dasjenige des Vaters, der in der Abenddämmerung zurückgelehnt in einem Sessel zum Fenster hinausschaut, während das Baby auf seiner Brust schläft. Eine idyllische Szene, wäre da nicht der zum Kind hinführende Infusionsschlauch, der sich zu Füssen des Mannes wie eine Schlange zusammenrollt und dessen Flüssigkeit in grellem Giftgrün leuchtet.

Ryan Green, Joels Vater, arbeitete bei einer Firma, die von christlichen Ideen und Werten inspirierte Games entwickeln. Dort lernt er den Programmierer Josh Larson kennen, der ihn dazu ermutigt, seine Erlebnisse mit Joel in einem Computerspiel zu verarbeiten. Gemeinsam beginnen sie mit der Arbeit an «That Dragon, Cancer». Joels Mutter, die von Beruf Schriftstellerin ist, steuert die Texte bei. Ryan Green nimmt sich zuerst eine dreimonatige Auszeit, dann kündigt er und verschreibt sich gänzlich der Fertigstellung des Spiels.

Die Familie muss ein Darlehen aufnehmen, lebt von Spenden. Per Crowdfunding sammeln die Greens mehr als 100 000 US-Dollar für ihr Projekt. Die Unterstützer, von denen viele Ähnliches durchlebten, haben Fotografien, Zeichnungen und Botschaften zu dem Spiel beigesteuert. Erstere schmücken nun die Wände der virtuellen Krankenstation, Letztere sind auf Grusskarten zu finden, die in den Korridoren und Krankenzimmern hängen. Sie enthalten bewegende Nachrichten wie: «Hab keine Angst, unsere Geschichte hat gerade erst begonnen» oder «Mutter, ich wünschte mir, Du hättest mich gekannt».

Man kann nicht gewinnen

Im Frühjahr 2014 verschlimmert sich Joels Gesundheitszustand und am 13. März desselben Jahres stirbt das Kind fünfjährig. Dennoch setzen die Greens die Arbeit an dem Spiel fort und am 12. Januar 2016, Joels siebtem Geburtstag, erscheint es schliesslich.

«That Dragon, Cancer» unterläuft bewusst jede Erwartung, die man an ein Game stellen kann. Überhaupt erinnern nur wenige Passagen an Szenarien und Mechaniken klassischer Computerspiele. Etwa jene, in welcher man als Joel mit Schild und Schwert den übermächtigen Drachen Krebs bekämpft. Dieses Spiel im Spiel bereitet kein Vergnügen und man kann es auch nicht gewinnen. Aber in genau diesem Widerspruch entfaltet «That Dragon, Cancer» seine Effektivität als Kunstwerk: Es beraubt den Computerspieler seiner sicher geglaubten Allmacht und lässt ihn hiermit die Ohnmacht seiner Protagonisten ein Stück weit nachempfinden.

In einer der erschütterndsten Szenen sucht man in der Rolle des Vaters verzweifelt nach Möglichkeiten, das von Schmerzen gepeinigte Kind zu beruhigen. Man spricht zu ihm, wiegt es, gibt ihm zu trinken. Aber nichts hilft. Als alle Mittel erschöpft sind, bleibt nur noch das Gebet.

«Ich hab ein bisschen Angst davor»: Youtube-User «Gronkh» testet das Spiel «That Dragon, Cancer».

«Ich hab ein bisschen Angst davor»: Youtube-User «Gronkh» testet das Spiel «That Dragon, Cancer».

Aber bietet «That Dragon, Cancer» am Ende mehr als eine Einübung in die Ohnmacht, mehr als die Einsicht, dass der Schrecken sich nicht in ein Spiel überführen lässt? Und wird es dem Schrecken des Erlebten gerecht? Nein. Aber das muss es und kann es auch nicht. Sein Verdienst besteht vielmehr darin, dass es ein junges Medium nutzt, um eine Geschichte von universeller Geltung auf eine neue und bisher einzigartige Weise zu erzählen und damit etwas dazu beiträgt, den Schrecken ein Stück weit begreiflicher zu machen.

That Dragon, Cancer. Numinous Games. Für Ouya, Windows und OS X. Fr. 15.-.

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