Cyberkriminalität

Tagung in Aarau: «Die Garagentür lassen Sie doch auch nicht jahrelang offen?»

Die digitale Vernetzung bietet Chancen und Möglichkeiten – auch jenen, die Böses im Sinn haben.

Die digitale Vernetzung bietet Chancen und Möglichkeiten – auch jenen, die Böses im Sinn haben.

Eine Tagung zum Thema Cyberkriminalität in Aarau hat gezeigt, wie verletzbar die digitale Gesellschaft ist: Von der Grossfirma bis zum einzelnen Handynutzer.

«Wann haben Sie das Antivirenprogramm nicht nur auf Ihrem Laptop, sondern auch auf dem Handy letztmals aktualisiert?» Dies fragte FDP-Präsident Lukas Pfisterer rhetorisch zu Beginn einer von seiner Partei in Aarau organisierten Tagung zum Thema Cyberkriminalität. Im Folgesatz brachte er gleich auch die Widersprüchlichkeit unseres Denkens und Handelns auf den Punkt: «Wir wehren uns gegen den biometrischen Pass, legen aber unser Leben auf Facebook offen.» Die Vernetzung biete sehr viele Chancen und Möglichkeiten, aber auch viele Risiken. Denn die Vernetzung macht unsere Gesellschaft und jeden Einzelnen angreifbar. Die Zahl der Anzeigen wegen Cyberkriminalität habe sich in den letzten Jahren verdoppelt, aber, so Pfisterer: «Dies ist wohl nur die Spitze eines Eisbergs.»

Staat ist im Rückstand

Je mehr sie zu hören bekamen, desto unruhiger dürften etliche der rund 80 Teilnehmenden innerlich geworden sein. Nationalrätin Corina Eichenberger, Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission, ein Spezialist des Bundes und ein IT-Security-Spezialist legten anschaulich dar, wie einfach es ist, in ein Netz einzudringen, wenn dieses nicht oder zu wenig geschützt ist. Als Beispiele dienen mögen das Altersheim in Schöftland oder eine Arztpraxis, deren Patientendaten von Cyberkriminellen verschlüsselt wurden, um Geld zu erpressen.

Eichenberger warnte, wir gingen viel zu sorglos mit unseren Daten um. Cyberkriminalität und -terrorismus berge ganz neue Gefahren. Jemand könnte versuchen, über das Netz Gewalt über ein Flugzeug zu bekommen und es zum Absturz zu bringen oder einen Zug entgleisen zu lassen: «Zum Glück ist das noch nicht geschehen. Umso wichtiger ist die Cyberstrategie des Bundes. Wir müssen unsere Gesetze der Digitalisierung anpassen.» Geprüft wird derzeit eine Meldepflicht für Cyberattacken. Heute gibt es eine solche nur in sehr sensiblen Bereichen (Energie, Fernmeldewesen etc.). Viele Firmen, die angegriffen werden, melden es nicht. Aus Angst, es könnte ihrer Reputation schaden.

Bezahlt und grad wieder erpresst

Marc Henauer, oberster «Cyberkämpfer» beim Nachrichtendienst des Bundes, brachte weitere Beispiele. Etwa von Kriminellen, die mit Tausenden von Computern gleichzeitig zahllose Anfragen an eine Website schicken, um sie lahmzulegen. Henauer: «Was tut eine Firma, die vom Onlinehandel lebt und keine Einnahmen hat, solange ihre Seite blockiert ist?» Viele zahlen, um wieder arbeiten zu können. Henauer brachte auch das Beispiel eines Software-Anbieters(!), der zahlte und 24 Stunden später wieder angegriffen wurde. Erst danach ergriff er aufwendige Sicherheitsmassnahmen.

Marc-Yves Bächli hat vor 20 Jahren in Aarau die Firma terreActive AG aufgebaut und sich auf die Überwachung von Cyber-Sicherheit spezialisiert. Seither ist er als Mahner unterwegs, um die Sicherheitssysteme auf dem neusten Stand zu halten: «Die Garagentür lassen Sie doch auch nicht tage-, wochen- oder jahrelang offen?», fragte Bächli in die Runde. Genau das täten viele mit ungenügend gesicherten Computern, warnte er. Er hat sicherheitshalber nicht einmal seine Kundendaten auf dem Handy.

Hotel: alle Türen verriegelt

Dass er vor vollem Saal spricht wie am Samstag in Aarau, ist Bächli noch nicht so gewohnt. Lange hörten zu wenige zu. Heute, nach gefährlichen Angriffen selbst auf Spitäler, «haben alle das Problem erkannt», rekapituliert er. Auch er ist nicht um Beispiele verlegen. In einem grossen Hotel hackten Kriminelle das Türbadgesystem und blockierten alle Türen. Chaos brach aus, der Hotelier zahlte. Dann kehrte er zu den guten alten Schlüsseln zurück.

Nicht alle können so reagieren. Ihnen bleibt nur, sich besser zu schützen. Dafür braucht es aber genügend IT-Fachleute. An denen mangelt es heute überall. Auch Bächli sucht händeringend Spezialisten für seine Firma.

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