Dieser verdammte Nebel. Wenn er sich doch einfach verziehen würde. Da sitze ich am Strand einer paradiesischen Tropeninsel, weit weg von Alltag und Stress, höre das Rauschen der Wellen, das Kreischen der Möwen – und sehe keinen Meter weit. Keine Brandung. Kein Meer. Kein Horizont. Nur grau. Ich konzentriere mich. Darauf, dass sich der Nebel auflöst.

Das zumindest hat mir Jamil El-Imad versprochen: dass der Nebel verschwindet, sobald ich vollkommen fokussiert bin.

«Konzentriere dich, Raffael», höre ich seine Stimme jetzt neben mir. «Wenn du deine innere Ruhe gefunden hast, lichtet sich der Nebel.» Also versuche ich es wieder. Atme bewusst ein und aus. Achte darauf, wie sich meine Lungen mit Luft füllen, und lasse diese langsam entweichen. Atme wieder ein … und schweife wieder ab.

Dieses verflixte Meditieren kann doch nicht so schwer sein. Denken ist schwer, an nichts denken sollte einfach sein. Erfahrung habe ich keine damit – auch wenn gefühlt mein halbes Umfeld in den letzten Monaten mit Meditation begonnen hat. Eine Arbeitskollegin hat mir kürzlich erzählt, dass sie nun jeden Morgen 20 Minuten früher aufstehe, um Zeit dafür zu haben.

Ein guter Freund tuts auch, mit einer App. Und selbst meine Freundin hat daran Gefallen gefunden. Sollen die meditieren, wenn es ihnen guttut. Ich gehe lieber rennen, um abzuschalten.

Dass ich es nun doch versuche, liegt am Unternehmer und Informatiker Jamil El-Imad, seiner Dream Machine und meinem Faible für neue Technologien. Denn während ich meditiere – oder das zumindest zu tun versuche – trage ich ein Virtual-Reality-Headset und ein Stirnband mit Elektroden, die meine Hirnwellen aufzeichnen.

Damit lassen sich Gedanken als elektrische Signale am Kopf messen. Wenn meine Gedanken abweichen, registrieren das die Sensoren und die virtuelle Umgebung auf dem Display des Headsets verschwimmt, bis nur noch Nebel zu sehen ist. Gelingt es, die Gedanken wieder auf das Hier und Jetzt zu fokussieren, nimmt die Umgebung Konturen an. «Das Feedback gibt dem Nutzer Orientierung und hilft ihm, sich zu konzentrieren und zu entspannen», hat mir Jamil El-Imad erklärt, bevor ich das Headset aufgesetzt habe.

Warum finde ich Hesse statt Buddha?

Genau das versuche ich nun schon seit Minuten ziemlich erfolglos. Vielleicht hätte ich mir vorher bei meinen mediationserprobten Freunden ein paar Tipps einholen sollen. Ich beschliesse, nun nicht auf den Atem zu achten, sondern einfach in den Nebel zu starren. Ich konzentriere mich auf die sich sachte bewegenden digitalen Schwaden – allmählich erkenne ich Konturen dahinter, die Umrisse verdichten sich zu Felsen. Es geht also doch.

Und plötzlich, ohne es zu wollen, schwirren Gedichtzeilen von Hesse in meinem Kopf herum: «Seltsam im Nebel zu wandern / Einsam ist jeder Busch und Stein.» Mist, wieder draussen. Ich stelle mir vor, wie meine Hirnwellen auf dem Bildschirm, den Jamil El-Imad vor sich hat, wild zu tanzen beginnen.

Dass Meditation einen positiven Effekt auf die Menschen hat, belegen wissenschaftliche Studien. Eine Untersuchung der Harvard University hat ergeben, dass Menschen, die dazu angehalten wurden, regelmässig zu meditieren, 43 Prozent weniger medizinische Unterstützung brauchten als im vergangenen Jahr.

Eine andere Untersuchung, welche dieselbe Universität durchgeführt hat, zeigte, dass Angestellte der Versicherungsanstalt Aetna, die an einem freiwilligen Meditationsprogramm teilnahmen, 23 Prozent weniger gestresst waren und 20 Prozent besser schliefen als zuvor.

Die Dream Machine soll das Meditationserlebnis dank Virtual Reality und Neurofeedback optimieren. Entwickelt hat sie die Firma NeuroPro mit Sitz in der Schweiz, der Jamil El-Imad als Chef vorsteht. Dabei bauen er und sein Team auf bestehenden Technologien auf. Das Stirnband, welches die Hirnaktivitäten misst, hat das Startup Muse entwickelt.

Man kann es bereits im Handel für 300 Franken kaufen und zum Meditieren nutzen, wobei das Feedback dann ohne grafische Umgebung über die Soundkulisse zum Hobby-Buddha gelangt. NeuroPro entwickelt mit einem Hardware-Partner derzeit ein eigenes Headset, das Virtual Reality und Neurofeedback verbindet.

Mit Gedankenkraft Dinge bewegen

Als vor zwei Jahren die Facebook-Tochter Oculus das Virtual-Reality-Headset Rift auf den Markt brachte, freuten sich viele Gamer darauf, bald ihre Lieblings-Shooter wie «Call of Duty» oder «Battlefield» in der virtuellen Realität zu spielen. Mittlerweile ist die Euphorie wieder etwas abgeflacht. Es hat sich herausgestellt, dass sich hektische Bildwelten nicht so einfach auf die virtuelle Realität übertragen lassen. Einigen Menschen wird es dabei schlecht.

Ausserdem ist die Fortbewegung ein Problem – da man zwar mit Augen und Ohren, aber ohne Beine in die Computerwelten eintaucht. Entspannt an schönen Orten sitzen, geht hingegen wunderbar. Ausserdem koppelt man sich mit dem Headset komplett von der realen Umwelt ab, so, wie man das bei der Meditation auch tut.

Für Virtual-Reality-Brillen gibt es verschiedene sogenannte Mindfulness-Apps, welche die Nutzer bei Achtsamkeitsübungen unterstützen. Sie heissen «Guided Meditation», «House of Meditation» oder «Living Insight». Letztere wurde vom amerikanischen Meditationsguru und Buddhist Jack Kornfield mitentwickelt und ermöglicht geleitete Meditation vor sinnlichen Kulissen. «Die virtuelle Realität bietet eine einfache Rückzugsmöglichkeit», sagt Kornfield gegenüber dem Magazin «Fast Company».

Andere Buddhisten sehen den Einsatz von Technologien kritisch: «In der Meditation geht es darum, nach innen zu schauen. Virtuelle Bilder lenken da nur ab», sagt Kelsang Sila, die in Zürich ein Meditationszentrum leitet. Mit solchen Dingen gelange man niemals zu seinem eigenen Geist, meint die buddhistische Nonne.

Meditation wird seit Tausenden von Jahren praktiziert, und tut den Menschen offenbar gut – sonst hätten sich diese Achtsamkeitsübungen nicht bis heute gehalten. Da kann man sich schon fragen: Warum brauchen wir im 21. Jahrhundert dazu Computerwelten, Virtual-Reality-Headset und Neurofeedback? Ist es nicht so, dass uns die neuen technologischen Errungenschaften im Alltag immer mehr überfordern?

Die ständige Erreichbarkeit führt dazu, dass wir kaum mehr abschalten können, die nie enden wollenden Nachrichtenströme auf den sozialen Medien, bewirken, dass wir Angst haben, etwas zu verpassen. Sollten wir nicht zumindest während unserer erholsamen Achtsamkeitszeit auf Technik verzichten?

Anders gesehen: Wenn wir schon wegen der neuen Technologien Gefahr laufen, von einem Burnout erdrückt zu werden, dann sollen sie uns doch gefälligst auch helfen, wieder mit der Welt in Einklang zu kommen.

Also gebe ich mich dem digitalen Nebel hin, blende die Geräusche der realen Umgebung aus, bis ich das Gefühl habe, nicht mehr auf einem unbequemen Stuhl in Zürich zu sitzen, sondern am Strand einer Tropeninsel. Eigentlich macht es einem die virtuelle Umgebung einfach, man muss sich nur auf sie einlassen.

Eine Möwe fliegt in mein Sichtfeld. Und während sie in den Nebel sticht, folgt ihr mein Blick. Immer tiefer hinein. Und je mehr ich mich konzentriere, desto mehr lichtet sich der Nebel. Ich bewege Dinge mit meiner Geisteskraft. Wie die Welt aussieht, das bestimme nun ich.