Stil

Snapchat setzt uns mit Spectacles die Kamera mitten ins Gesicht

Mit der Brille können kurze Videos aus der Ich-Perspektive aufgenommen werden.

Mit der Brille können kurze Videos aus der Ich-Perspektive aufgenommen werden.

Snapchat hat eine Kamerasonnenbrille entwickelt. Damit sollen wir unsere Erinnerungen aufnehmen und teilen.

Man kann sie in keinem Laden kaufen. Auch im Internet gibt es sie nicht – ausser auf E-Bay zu einem massiv überteuerten Preis von 1000 Dollar. Die runden, stylischen Sonnenbrillen mit Kameraauge von Snapchat bekommt man nicht einfach so. (Für alle über 35-Jährigen: Snapchat ist jene Messenger-App, die alle Jugendlichen nutzen, seit sich deren Eltern und Lehrer auf Facebook tummeln.)

Wer eine haben will, muss einen Verkaufsautomat finden. Der Clou dabei: Der Automat kann überall in den USA, in einer Grossstadt oder auch auf dem Land, auftauchen. Und seine Koordinaten werden erst im Internet verraten, wenn er installiert ist. Dann beginnt der Run auf die gelbe Blechkiste, an der für 129 Dollar eine Sonnenbrille bezogen werden kann. Rasch bildet sich eine Schlange. Wer zu spät kommt, hat Pech gehabt. Wenn der Automat leer ist, wird er wieder abgebaut.

Durch das innovative Marketing-Konzept wird die Nachfrage gesteigert und das Angebot verkleinert. So werden die Sonnenbrillen zum begehrten Accessoire.

Mit der Kamera lassen sich kurze Videos aus der Ich-Perspektive aufnehmen, die dann auf dem Smartphone in der Snapchat-App angeschaut und geteilt werden können. Die Kamerasonnenbrille namens Spectacles wurde dann auch von Snapchat respektive der Betreiberfirma Snap.Inc entwickelt. Es ist das erste Gadget des 2011 gegründeten Start-ups, das mittlerweile einen geschätzten Wert von über 20 Milliarden Dollar hat.

Eine Brille mit integrierter Kamera? Das hatten wir doch schon mal! 2012 stellte Google die smarte Brille Google Glass vor und sorgte damit für grosses Aufsehen. Das Produkt kam aber nie über den Entwickler-Status hinaus, schaffte es nicht in den offiziellen Handel und wurde 2015 wieder eingestellt. Seither gilt es – vielleicht neben dem sozialen Netzwerk Google+ – als grösster Flop der Firmengeschichte.

Keine Glassholes mehr

Snapchat hat diesen Misserfolg offenbar genau analysiert. Und scheint nun vieles besser zu machen. Zu allererst die Vermarktung. Google hat die smarte Brille stets als Gadget verstanden und zuerst an Entwickler und Technik-Journalisten ausgeliefert. Was dazu geführt hat, dass die Nerds die ersten waren, welche mit dem Drahtgestell im Gesicht gesichtet wurden. Das prägte das Image der Google Glass. Die Spectacles wird nun eher als Fashion-Accessoire angepriesen, es gibt keine Testgeräte für Journalisten. Und so sind es die Teenies und jungen Hipster, die gewöhnlichen Snapchat-Nutzer eben, welche eines der raren Exemplare ergattert haben und damit auf den Strassen und im Netz auffallen. Das ist cooler.

Doch Google Glass hatte neben einem Image-Problem auch technische Mängel. Die Brille verfügte nicht nur über eine Kamera, sondern auch über ein kleines Display oberhalb dem rechten Auge, über das man sich Informationen anzeigen lassen konnte. Augmente-Reality nennt sich das, wenn Digitales direkt ins Sichtfeld projiziert wird. Vieles deutet darauf hin, dass es ein Trend für die Zukunft werden könnte. Doch bei der Google Glass war die Technologie noch nicht so weit, und der Akku im dicken Brillenbügel zu schnell leer.

Snapchat reduziert die Funktionalität seiner Brille (neben den getönten Gläsern) auf die Kamera. Man kann damit nicht mehr machen, als zehn-sekündige Videos aufnehmen – und so seinen Freunden zeigen, was man selber sieht. Das ist technologisch keine Hexerei mehr. Damit bleibt bei der Spectacles aber genau noch das, was bei der Google Glass für den grössten Wirbel gesorgt hat: die Kamera im Gesicht, mit der man (unauffällig) Leute in seiner Umgebung filmen kann. Restaurants gewährten den Trägern der Brille keinen Zutritt mehr; auf den Strassen und im Internet wurden sie als Glasshole (abgeleitet vom Englischen Wort für «Arschloch») beschimpft.

Das Tragen der Spectacles ist bisher kaum verpönt. Das mag mit dem raffinierten Marketing zu tun haben, oder auch daran liegen, dass die jungen Träger sich in Szenen bewegen, die in solchen Videoaufnahmen keine Verletzung der Privatsphäre sehen. Vielleicht aber hat sich in den letzten fünf Jahren auch die Welt dermassen verändert.

Schöne, neue Erinnerungen

Auf jeden Fall spricht einiges dafür, dass Kameras in Brillen einmal so alltäglich sein werden wie heute in Smartphones und Drohnen. Denn je schnelllebiger die Zeit ist, desto grösser scheint das Bedürfnis zu sein, den Augenblick für die Ewigkeit festzuhalten, und wie ginge das besser als mit einer Kamera, die aus der Ich-Perspektive filmen kann. Man kann so quasi seine liebsten Momente noch einmal durchleben.

Wie das in Zukunft sein könnte, thematisiert die geniale, britisch-satirische Science-Fiction-Serie «Black Mirror» in einer Episode. Die Menschen sind hier freilich schon weiter und tragen keine Spectacles, sondern Kontaktlinsen, mit denen sie ständig Filmen und auf denen sie das Erlebte noch einmal anschauen können. Das führt dazu, dass das Leben in Erinnerungen besser sein kann als das Leben im Jetzt.

Und hier widerspricht die Philosophie von Snapchat letztlich auch dem konsequent zu Ende gedachten Potenzial der Kamerabrillen. Der Messengerdienst wurde gross mit Fotos, die sich binnen weniger Sekunden selber löschten. Erinnerungsvideos sind dazu da, für die Ewigkeit gespeichert zu sein.

Oder wird es doch ganz anders sein, werden wir in Zukunft so von unseren aufgezeichneten peinlichen Erinnerungen überflutet wie heute von Handy-Fotos und deshalb ganz froh sein, wenn sie sich selber löschen? So wie heute die Bilder in der Snapchat-App – oder wie herkömmliche, kurzzeitig abgespeicherte Eindrücke in unserem Hirn.

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