Teenager lieben sie. Erwachsene auch. Emojis sind witzig und machen uns kreativ. Schon längst hat das mittlerweile 800 Emoji grosse Heer die Sprachherrschaft im Internet an sich gerissen. Die kleinen bunten Symbole ersetzen zunehmend Texte und vereinfachen unser Leben – okay, immerhin unsere Kommunikation. Bis jetzt zumindest. Denn nun scheint es etwas komplizierter zu werden.

Apple hat politisch korrekte Bildchen eingeführt und legt so eine Portion Gleichberechtigung nach. Bisher waren die vielen kleinen Symbole meist nur in einer Hautfarbe verfügbar – auf den meisten Geräten weiss. Nun regiert die Prinzessin auch in dunkler Hautfarbe und gleichgeschlechtliche Paare dürfen auch Kinder haben. Apple macht damit auf multikulti.

Zum Verständnis: Übergeordnet werden die Bildchen, die wir in Chats und auf sozialen Plattformen anwenden, Emojis genannt, was auf Japanisch so viel bedeute wie «Bild und Schrift». Emoticons sind die altbekannten, gelben Smileys. Wer sein Apple-Betriebssystem updatet kann jetzt 300 neue Emojis verschicken. Gegen Vielfalt ist ja nichts einzuwenden, aber wir wissen alle: Je mehr Auswahl, desto komplizierter wird es für uns. Und überhaupt: Wo ist die Grenze? (Und wo sind überhaupt die Brillenträger?)

Die Kreis-Symbole mit den Gesichtern sind auch in Zukunft in der gelben Simpsons-Farbe gehalten. Einheitlich. Aber der «Thumbs up» (Daumen nach oben), der beim Beliebtheits-Ranking auch ganz oben ist, und viele andere Figuren sind nun in sechs verschiedenen Hauttönen verfügbar. Dabei haben sich die Macher an der 6-Stufen-Hautton-Skala des amerikanischen Derma-
tologen Thomas Fitzpatrick orientiert. Bei gedrückter Taste variieren die Farben von Blassrosa bis Dunkelbraun. Auch die Haarfarben sind unterschiedlich. Und auch die Familien-Symbole wurden reichlich ergänzt – vorher gab es nur die Option Mutter, Vater und Sohn. In Weiss. Neu sind es 15 Familien-Emojis. Die Hautfarbe: Simpson-Gelb. Derzeit gilt das aber nur für Apple-Jünger. Android-Nutzer und solche, die ihr Apple-Gerät noch nicht upgedated haben, sehen wie gewohnt nur die weisshäutigen Figuren.

Alle berücksichtigen geht nicht

Dass die Symbole nun politisch korrekt werden, zeige, wie sich die Sensibilität in der Gesellschaft entwickelt. Dieser Meinung ist Leila Feit, Geschäftsführerin der GRA (Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus). Auch Martine Brunschwig Graf, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR), findet es gut, dass sich Soziale Medien und Firmen wie Apple mit dem Thema beschäftigen. Aber die Damen, die sich täglich mit Diskriminierungspolitik beschäftigen, sind sich auch einig, dass es «irgendwann den Rahmen sprengt» und «je weiter man mit der Diversifizierung der Emojis geht, desto schwieriger wird es».

Das Hauptproblem sieht Brunschwig Graf darin, dass differenzierte Lösungen auch immer das Risiko mitbringen, dass niemals alle Leute berücksichtigt werden können. Es gibt so viele Minderheiten – irgendjemand fühlt sich immer benachteiligt. Auf Twitter haben sich etwa bereits Rothaarige gemeldet, die sich übergangen fühlen, weil ihre Haarfarbe nicht vertreten ist. Asiaten haben sich gemeldet, weil das «neutrale» gelb, das nun als Standard-Gesichtsfarbe der Figuren gilt, ein Affront gegen ihre Hautfarbe sei. Wobei es schwer vorzustellen ist, dass der amerikanische Werbegrafiker Harvey Ball, auf den die erste belegbare Verwendung des Smileys (1963) in Knallgelb zurückgeht, sich an der Hautfarbe einer Ethnie orientierte. So fragt Brunschwig Graf: «Ist es wirklich besser, wenn differenziert wird?» und antwortet gleich selbst: «Nein!». Besser wäre laut derAlt-Nationalrätin eine neutrale Vertretung für alle.

Turban gibts, aber Kippa nicht?

Das sieht die Geschlechterforscherin Stefanie Schälin vom Zentrum Gender Studies der Universität Basel anders. Sie findet die Entwicklung gut. Die grössere Auswahl spiegle die Vielfältigkeit der Gesellschaft wieder. Und wenn sich diese verändere, müsse man allfällige Lücken prüfen. «Anstatt Grenzen zu ziehen, sollte diese Vielfältigkeit berücksichtigt werden, um gegebenenfalls darauf reagieren zu können.» Wie und was mit Emojis dargestellt wird, sei eine gesellschaftspolitische Frage.

Aber kann man mit Bildern überhaupt politisch korrekt sein? So gibt es etwa schon lange den Mann mit dem Turban, aber keinen mit der jüdischen Kopfbedeckung Kippa unter den Emojis. Oder wie die Geschlechterforscherin Schälin bemerkt: «Warum gibt es eine Frau beim Friseur, aber kein männliches Pendant dazu? Das zementiert stereotype Darstellungen vom Geschlecht.» Schälin fehlt eine generell kritische Auseinandersetzung.

«Man kann die Welt nicht 1:1 in Emojis abbilden. Und da zeigt sich eben, wie beschränkt diese Art der Kommunikation ist», sagt die Sprachwissenschafterin Christina Siever, die sich in ihrer Doktorarbeit mit der Verwendung von Texten und Bildern in der digitalen Kommunikation beschäftigt hat. Irgendwann wird es einfach zu kompliziert. «Wenn man in ewig langen Listen ständig suchen muss, ist es einfach nicht mehr ökonomisch», sagt Sievers. Stimmt. Ist doch der Vorteil der Zeichen, dass sie sehr schnell sehr viel aussagen. Braucht man zu lange, um ein Bild zu suchen, ist man mit einem Text schneller. Man könnte auch flexibler sein und gewisse Symbole selber kombinieren um eine bestimme Aussage zu kreieren. Wer es ausprobiert, merkt, wie kreativ man dabei sein kann. Zudem kommt der Drang darstellbarer Emoji-Vielfalt an seine technischen Grenzen: Der internationale Standard Unicode – Codierung, bei der alle Emojis als digitale Zeichen hinterlegt sind – kann nicht jeden Aspekt verschiedener menschlicher Erscheinung berücksichtigen.

Der «unkorrekte» Mittelfinger

Für einen ganz bestimmten Code hatte es aber endlich Platz. Microsoft bringt das langersehnte Mittelfinger-Emoji heraus. Die offizielle Bezeichnung des Symbols lautet übrigens: «umgedrehte Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger». Er ist zwar nicht wirklich korrekt, dafür aber nützlich.