Pro und Kontra

Sind die sozialen Medien eine Gefahr für die Jugendlichen?

Jugendliche am Handy; einen grossen Teil ihrer Freizeit investieren sie in soziale Medien. Keystone

Jugendliche am Handy; einen grossen Teil ihrer Freizeit investieren sie in soziale Medien. Keystone

Man musste gewissermassen nur einen Tauchsieder in die trübe Flut tauchen, und im Nu klebte ein ganzes Bündel von Schmutz und Schlamm daran. Das zeigte diese Woche das Experiment der «Nordwestschweiz», das fiktive Profil einer 15-Jährigen ins Netz zu stellen. Wie kann man solche schlechten Erfahrungen vermeiden?

Pro von Darla Frick: «Social Media gefährdet eine unbeschwerte Kindheit»

Rund 89 Prozent der 12- bis 19-Jährigen sind auf mindestens einer sozialen Plattform angemeldet. Die Hälfte dieser Jugendlichen gibt zu, freizügige Bilder über ein soziales Netzwerk ausgetauscht zu haben. Alleine diese Tatsache zeigt, dass die sozialen Netzwerke für Jugendliche eine Gefahr sind. Eine Gefahr für diejenigen, die sich nicht zu schützen wissen.

Das Internet und die sozialen Netzwerke ermöglichen den Zugang zu Bildern, Informationen und Welten, vor denen wir einst geschützt waren: Pädophilie, Pornografie und Gewalt. Das «Teilen» und «Liken» von Inhalten ermöglicht einen direkten, ungefilterten Kanal ins Kinderzimmer. Dies führt dazu, dass heute Kinder und Jugendliche früher mit diesen Dingen konfrontiert sind – freiwillig oder unfreiwillig. Die sozialen Netzwerke gefährden eine echte, unbeschwerte Kindheit.

Gefährlich ist besonders das Veröffentlichen von persönlichen Bildern und Informationen. Gerade für Jugendliche ist es schwierig, die Konsequenzen einzuschätzen. Prävention ist das Stichwort. Aber noch immer ist das Verhalten im Internet kein Schulfach. Fahrlässig.
Mindestens so wichtig ist, was schon Albert Einstein prognostizierte: «Ich fürchte den Tag, an dem die Technologie die Menschlichkeit übertrifft. Auf der Welt wird es nur noch eine Generation aus Idioten geben». Er hat recht.

Was passiert, wenn eines Tages die virtuellen Freundschaften die realen verdrängen? Wenn die Jugendlichen die sozialen Plattformen als soziale Interaktion missverstehen? Wenn das virtuelle Selbst wichtiger wird als das reale Ich? Absurd? Nein. Bereits heute chattet man, statt zu reden. Man postet Ferienfotos, statt einen Foto-Abend mit Freunden zu organisieren. Die soziale Interaktion verkommt zu einer asozialen Kommunikation.

Junge Menschen erstellen im Internet ein virtuelles Ich. Ein fahler Abklatsch dessen, was von der Gesellschaft als schön und erstrebenswert angesehen wird. Dieser Versuch ist zum Scheitern verurteilt, führt zu Enttäuschung und zerstört das Selbstwertgefühl Jugendlicher. Auch hier lautet die Regel: Vorsicht. Soziale Plattformen sind gefährlich, wenn sie nicht mit Vorsicht konsumiert und genutzt werden.

Kontra von Marcel Kuchta: «Gefahren erkennen und keine Berührungsängste züchten»

Als Eltern wird man jeden Tag mit Fragen und Problemstellungen in Zusammenhang mit seinen Kindern konfrontiert. Dürfen sie in der Nähe der viel befahrenen Strasse spielen? Sollen sie mit ihren Freunden wirklich in den Park, wo sich immer mal wieder merkwürdige Gestalten tummeln? Können sie abends alleine mit dem Velo in die Turnhalle zum Training? Und so weiter, und so fort.

Die Antwort ist immer dieselbe. Natürlich sollen, dürfen, können sie das. Entscheidend ist, was wir als Eltern ihnen als Werkzeuge mit auf den Weg geben. Ich nenne es, ganz pauschal ausgedrückt, den gesunden Menschenverstand. In vielen Lebenssituationen ist er ein hervorragender Ratgeber. Aber er kommt nicht von selber. Man muss ihn seinen Kindern beibringen. Oder einfach ausgedrückt: Ihnen gewisse Werte vermitteln und aufzeigen, was im Leben funktioniert und was eben nicht. Gefahren erkennen helfen, ohne Berührungsängste zu züchten.

Das ist mitunter einfacher gesagt als getan. Denn in unserer vernetzten, globalisierten und immer schnelllebigeren Welt prasseln die Impressionen von aussen in hohem Rhythmus auf die Kinder ein. Sie zu kanalisieren, verarbeiten und vor allem einzuschätzen, wird für sie zunehmend schwieriger. Es ist die Hauptaufgabe der Eltern, ihrem Nachwuchs im Umgang mit dieser Dauerberieselung zu helfen. Was ist wichtig? Was ist einfach nur blöd? Und vor allem: Was ist gefährlich?

Das gilt vor allem für den Umgang mit den sozialen Medien. Irgendwann kommt der Zeitpunkt unweigerlich, wo man seine Kinder nicht mehr aus dieser Welt aussperren darf. Handy und Tablet sind zu unverzichtbaren Bestandteilen unseres Lebens geworden – unabhängig davon, ob man das gut findet oder nicht. Es ist die Realität. Sich ihr zu verweigern, ist zweck- und sinnlos. Gleichzeitig tut sich für die Kids eine neue Welt auf: Facebook, Instagram, Snapchat. Genau wie im «richtigen» Leben gilt auch hier: Man darf, kann, soll diese Plattformen nutzen. Entscheidend ist aber auch hier, dass die Eltern das nötige Werkzeug mitgeben. Wie auf der Strasse, im Park oder auf dem Weg zur Turnhalle lauern Gefahren. Wenn man sie kennt und weiss, wie man mit ihnen umgehen muss, dann sind solche Situationen genau das, was sie sein sollen: alltäglich.

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