Alexander Konovalov spricht in seiner Muttersprache. Dass die versammelten Journalisten und Investoren, die kein Russisch beherrschen, ihn dennoch verstehen, liegt an einer Software, die der Informatiker entwickelt hat. Diese kann 44 Sprachen simultan übersetzen. Die Sätze, die Konovalov auf Russisch in sein Mikrofon spricht, ertönen mit einer kurzen Verzögerung auf Deutsch aus dem Lautsprecher.

Drotr heisst die Software. Konovalov könnte sie, angelehnt an «Star Trek», auch «Universal Translator» nennen. Oder «Babel Fish» und damit dem Roman «The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy» eine Reverenz erweisen. Die Vorlagen aus der Science-Fiction für ein Gadget, das alle Sprachen der Welt übersetzt, sind mannigfach. Konovalov lässt sie Realität werden. Nun, ganz alle Sprachen versteht die App zwar nicht, aber immerhin 104 in geschriebener und 44 in gesprochener Form.

Eine erste Version seiner Software präsentierte er bereits 2013. Mittlerweile ist daraus eine Chat-App fürs Smartphone entstanden. Ob jemand Deutsch, Mandarin oder Hindu spricht, spielt keine Rolle mehr. «Wir machen es möglich, dass man in seiner Muttersprache mit der ganzen Welt kommunizieren kann», sagt Eugen von Rubinberg, der CEO der Firma TIW, welche die App entwickelt. Als Firmenhauptsitz hat er Zug auserkoren. Hier würden gute wirtschaftliche Bedingungen vorherrschen, und die Schweiz stünde für Datensicherheit, sagt von Rubinberg.

Entwickelt wird aus Kostengründen aber in Prag. Die Programmierer erfinden nicht alles von Grund auf neu. Drotr basiert auf der frei zugänglichen Software Google Translate. Perfekt ist das Ergebnis noch nicht. Die Computerstimme, die das Russisch von Chefentwickler Konovalov auf Deutsch übersetzt, macht nahezu in jedem Satz einen Grammatikfehler. Man stehe noch am Anfang, sagt von Rubinberg. Doch die Software werde von Tag zu Tag besser – und irgendwann sei sie dann auch einem menschlichen Dolmetscher überlegen.

Von Rubinberg denkt weit. Und er denkt gross. Er sieht Drotr bereits als Whatsapp-Konkurrent. Eher skeptisch ist da der Schweizer Investor und Start-up-Gründer Nicolas Berg: «Die Übersetzungsfunktion ist zwar spannend, lässt sich aber von den grossen Unternehmen durch den Zukauf einer entsprechenden App parieren.» Ausserdem könne man mit den meisten Bekannten in einer gemeinsamen Sprache kommunizieren.

Die Grossen kopieren schnell

Bei Messenger-Apps ist die Hürde zum Erfolg besonders hoch. Eine solche App steht und fällt mit der Community. Wenn alle Freunde Whatsapp nutzen, ist man an diese App gebunden.
Das musste auch die Swisscom akzeptieren. Vor vier Jahren startete der Schweizer Telekom-Riese mit viel Brimborium die eigene Chat-App io. Diesen Mittwoch gab das Unternehmen bekannt, dass die App eingestellt werde. Zwar hatten immerhin 1,7 Millionen Smartphone-Nutzer die App heruntergeladen, die wenigsten davon dürften sie aber tatsächlich in ihrem Alltag verwendet haben.

«Damit ein Messneger erfolgreich sein kann, braucht er ein, zwei Features, welche die anderen nicht haben und die den Nutzern einen tatsächlichen Mehrwert bieten», sagt Berg. Dieser Vorsprung währt aber oft nicht lange; die grossen Player sind schnell im Kopieren. So erlangte der Schweizer Messenger Threema im Zuge der Snowden-Enthüllungen grosse Popularität, da die App alle Nachrichten verschlüsselte. Mittlerweile setzen aber auch Whatsapp und Co. auf End-zu-End-Verschlüsselung.

Mit Yoodle startete jüngst ein weiterer Schweizer Messenger. Die App soll nicht in erster Linie Freunde miteinander vernetzen, sondern Menschen, die sich geografisch nah sind. Der Nutzer sieht, wer sich in der Umgebung befindet, und kann mit diesen Menschen chatten. Er kann sich aber auch an die ganze Community wenden, indem er eine Nachricht oder ein Foto in der Timeline postet. So sollen die User sehen, was sich gerade jetzt um sie herum ereignet – etwa im Ausgang oder an einem Festival. «Wir bilden mit Profilen und Live-Posts digital ab, was in der Nähe läuft, und sorgen so für ein Gemeinschaftserlebnis, das keine andere App bietet», sagt Mitgründer Fabian Stutz.

Wie eine hippe, menschenleere Bar

Diesen Sonntag wollen die Entwickler am Pub Festival in der Eishalle Wetzikon erstmals mehr als 265 Menschen in einem Chat zusammenbringen. Das wären mehr Teilnehmer als in einem Gruppenchat auf Whatsapp möglich sind, weshalb die Yoodle-Macher von einem Weltrekordversuch sprechen.

Stutz sieht Yoodle aber nicht als Konkurrenz zu Whatsapp, sondern vielmehr als Ergänzung. Es geht also nicht darum, Nutzer von einer etablierten Plattform abzuwerben. Dennoch dürfte es für Yoodle nicht einfach werden. Denn die App lebt nun mal vom Inhalt ihrer Nutzer. Nur wenn genügend Leute auf der digitalen Plattform kommunizieren, bietet sie einen wirklichen Mehrwert. Derzeit erinnert Yoodle allerdings noch an eine hippe, aber menschenleere Bar. Dass sich das in Zukunft ändert, dafür arbeiten Stutz und seine Mitstreiter. Sie wissen aber auch: «Letztlich braucht es auch ein bisschen Glück, denn die Eigendynamiken von sozialen Plattformen, sind unberechenbar.»