Soziale Medien

Rassisten schreiben sich im Internet die Finger wund: Wer kann sie stoppen?

Die Frage ums Wohin-mit-den-Flüchtlingen lockt Europas Rassisten aus den Reserven. Und ins Internet. Hier überbieten sie sich mit ihren Hasstiraden, diffamierenden Kommentaren bis hin zu Aufrufen zur Vernichtung. Was ist im Netz los?

Manchmal tröstet ein Blick über den Ozean: In den USA ist es auch nicht besser. Auf Facebook bezeichnete ein Wahlkampfmitarbeiter des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump die Tochter eines bekannten Bürgerrechtlers kurzerhand als «Nigger». Und auf den afroamerikanischen Präsidenten Barack Obama vereinte er gleich alles Schlechte: Einen «sozialistischen, marxistischen, islamofaschistischen Nazi-Beschwichtiger» nannte er ihn. Was auch immer unter einem islamofaschistischen Nazi-Beschwichtiger zu verstehen ist – seinen Job ist der ehemalige Politberater jedenfalls nun los.

Sogar sein Chef Trump fiel bereits mit abschätzigen Kommentaren über die Mexikaner auf. Auch Politiker greifen also zu rassistischen Äusserungen für ihren Wahlkampf, sei es auch zum Preis einer schlechten Presse. Wer sich derzeit auf europäischen Online-Foren umsieht, kommt unweigerlich zum Schluss: Rassismus als Wahlprogramm müsste eigentlich bei vielen Wählern ankommen. Und: Nicht selten gehen Rassismus («Nigger») Hand in Hand einher mit der Attitüde eines alles um sich werfenden Wutbürgers («sozialistischer, marxistischer, islamofaschistischer Nazi-Beschwichtiger»).

Wahlthema in der Schweiz

In Europa beflügelt das Flüchtlingselend an Mittelmeer und Ärmelkanal die Fantasie europäischer Netz-Rassisten geradezu. Am liebsten ist den Cyber-Rassisten, die Flüchtlinge erreichten das Festland gar nie. Und wenn, in einem Leichensack.

Mit der Toleranz der Europäer stehe es in der hitzig geführten Flüchtlingsdebatte nicht zum Besten, sagt Martine Brunschwig Graf von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (siehe Interview rechts). Und in der Schweiz verheisst der bevorstehende Wahlherbst nichts Gutes: Spätestens seit dem am Sonntag von den Christlichdemokraten vorgeschlagenen verschärften Asylkurs ist das Wahlthema vollends lanciert.

Wohl angestachelt von den Brandanschlägen auf deutsche Asylheime postete im Juli ein Thurgauer Leser zu einem Artikel über die Kosten im Asylwesen: «Dreckspack ist das, was da rein kommt. Hoffentlich werden mal ein paar Asylheime abgefakelt*, dann muss man die nicht mehr ausschaffen, nur ins Loch und Erde drüber.» Ein Leser leitete die Wortmeldung der Zürcher Kantonspolizei weiter, wie der «Blick» schrieb.

Wenige Fahnder beim Bund

Andere Fälle werden an die Koordinationsstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität (Kobik) beim Bundesamt für Polizei (Fedpol) geleitet. Diese forstet die sozialen Medien wie Facebook und Online-Foren zwar nicht systematisch nach rassistischen Inhalten durch, nimmt aber Hinweise auf. Insgesamt zeigen die Zahlen beim Fedpol nur in eine Richtung: nach oben. Allerdings machen die Meldungen zur Rassendiskriminierung nur einen Bruchteil der Meldungen aus. Die Fedpol-Internetfahnder konzentrieren sich primär auf die Jagd nach Pädophilen und Terroristen.

In Österreich hat es sich eine Facebook-Gruppe zur Aufgabe gemacht, Internetrassisten konsequent zu jagen. «Glorious Bastards» nennen sich die Rassisten-Jäger. Aufsehen erregte die Gruppe, als sie den Fall eines österreichischen Porsche-Lehrlings publik machte.

Fehlende systematische Suche

Die Ortsfeuerwehr hatte für die Bewohner eines österreichischen Flüchtlingsheims Wasserschläuche zur Verfügung gestellt. Unter das Bild eines pitschnassen lachenden syrischen Mädchens postete der 17-jährige Lehrling: «Flammenwerfer währe* da die bessere Lösung.» Der Facebook-Eintrag hatte für ihn schmerzhafte Konsequenzen: Sein Arbeitgeber Porsche kündigte ihm fristlos.

«Glorious Bastards» begnügt sich damit nicht. Strafe allein nütze nichts, wenn sich die Einstellung nicht ändere, so die Losung. Der junge Österreicher habe schliesslich eingewilligt, bei einem Fussballturnier mit syrischen Jugendlichen mitzumachen.

Aus den österreichischen Rassisten-Jägern wurden selbst Gejagte, wie der anonyme Gründer dem Bayrischen Rundfunk sagte. Die Gruppe hatte Morddrohungen erhalten. Aufhören mit Netz-Durchsuchen wollen die Aktivisten aber nicht.

Wüst ging es auch in Deutschland zu und her. Im Land, in dem die Asylheime brannten, rief der Schauspieler Til Schweiger zu Spenden für die Flüchtlinge auf. Er erntete einen Shitstorm der grausigeren Sorte: «Oh Mann – ich habs befürchtet!! Ihr seid zum Kotzen! Wirklich! Verpisst Euch von meiner Seite, empathieloses Pack! Mir wird schlecht!!!», rief Schweiger in den virtuellen Raum. Ganz mit der Sprache der Netz-Wut-Rassisten, die ihn ja schliesslich verstehen sollten.

*Fehlerhafte Original-Schreibweisen

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