Routiniert schwärmt die Hundestaffel der Kantonspolizei aus, in der Luft kreist der Polizeihelikopter. Nein, an diesem eiskalten Abend sucht die Polizei mit ihrem Grossaufgebot keinen flüchtigen Schwerverbrecher. Sie sucht eine 87-jährige, demenzkranke Frau, die sich am frühen Morgen unbemerkt auf Wanderschaft gemacht hat und seither spurlos verschwunden ist. Wahrscheinlich hat sie sich im Wald am Rand ihres Schweizer Wohnquartiers verirrt und droht jetzt zu erfrieren.

Wie oft solche Suchaktionen in der Schweiz stattfinden, ist nicht eruierbar: Die Vermisstmeldungen werden nicht aufgesplittet, dort werden ausgebüxte Jugendliche ebenso aufgeführt wie Personen, die einfach untertauchen oder eben verirrte Menschen mit Demenz. Im englischen Sussex jedenfalls kamen solche Fälle so oft vor, dass die Polizei kurzerhand beschloss, ausgewählte Demenzerkrankte aus der Region mit GPS-Geräten (Global Positioning System, ein Satellitennavigationsgerät) auszustaffieren, damit sie rasch wieder gefunden werden können.

Für Chief Inspector Tanya Jones ein ganz logischer Entscheid: «Ein solches GPS-Gerät ist für die Polizei sehr kosteneffizient», sagte sie gegenüber den britischen Medien. «Es wird die Sorgen der Angehörigen verringern und ganz besonders die Zeit reduzieren, welche die Polizei für solche Angelegenheiten aufwenden muss.»

Jones’ Aussage löste bei der englischen Rentnervereinigung National Pensioners Convention einen Sturm der Entrüstung aus: Diese Methode sei «barbarisch» und stigmatisiere demenzkranke Personen, lautete die Reaktion. Generalsekretärin Dot Gibson forderte, diese Geräte sollten augenblicklich wieder zurückgezogen werden: «Es ist völlig falsch, jemanden, der ein Verbrechen begangen hat, ähnlich zu behandeln wie jemanden, der an einer Demenz leidet», empörte sie sich, denn elektronische Überwachungsgeräte wurden bisher nur für verurteilte Straftäter eingesetzt.

Auf eine derartige Aufregung reagiert Dan Georgescu teils amüsiert, teils irritiert und nachdenklich. Er ist ärztlicher Leiter Alterspsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Aargau und fragt provokativ: «Möchten Sie sich lieber mit 85 Jahren im Wald verirren und dort einsam erfrieren?» Er kenne solche Fälle, und das sei jedes Mal tragisch. In der Betreuung von Demenzpatienten bestehe ein «innewohnendes Spannungsfeld» zwischen möglichst viel Freiheit und grösstmöglicher Sicherheit. Und deshalb ist für ihn klar: «Wo immer technische Hilfsmittel beitragen können, Leid zu vermeiden, Unabhängigkeit zu fördern und Lebensqualität zu steigern, sollte es kein Tabu sein, ihren Einsatz zumindest in Erwägung zu ziehen.» Das helfe nicht nur den Patienten, sondern beruhige auch ihre Angehörigen.

Die englische Alzheimervereinigung sieht das deshalb nicht so dramatisch: «Demenzerkrankte wie Betreuungspersonen haben uns gesagt, sie würden Technologie willkommen heissen, wenn sie richtig angewendet werde», schreibt Geschäftsleiter Jeremy Hughes auf der Website der Vereinigung. Richtig angewendet heisse: «Jedes Ortungssystem muss gute Pflege unterstützen, niemals ersetzen.»

Auch Birgitta Martensson, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Alzheimervereinigung, beurteilt das pragmatisch: «Solange jemand noch urteilsfähig und gewillt ist, ein solches Gerät zu tragen – kein Problem.» Schwieriger werde es bei urteilsunfähigen Personen. «Deshalb sollte man heute solche Punkte rechtzeitig in einer Patientenverfügung festhalten, damit die Angehörigen später wissen, was man sich wünschen würde.» Insgesamt sieht sie einen wesentlichen Gewinn punkto Freiheit und Sicherheit, denn heute bleiben einige Demenzkranke vor lauter Verunsicherung nur noch zu Hause, andere möchten wandern und müssen zu ihrer Sicherheit eingesperrt werden. Bei beiden könnte ein GPS-Gerät Abhilfe schaffen.

Martenssons weit wichtigeres Anliegen ist jedoch: «Endlich richtige und qualitativ hochstehende Betreuung.» Genau darin sieht auch Alterspsychiater Dan Georgescu einen zentralen Punkt: «Technologie darf auf keinen Fall missbraucht werden, um damit an Pflege und Betreuung zu sparen.»

Insgesamt scheint aber ein GPS doch keine so barbarische Lösung. Das Sussexer Modell «Mindme», mit einer Batterie betrieben, ist 24 Stunden in Betrieb und kann entweder am Hausschlüssel befestigt oder um den Nacken gehängt werden. (Wie vermieden wird, dass der Hausschlüssel und damit das GPS-Gerät verloren geht oder verlegt wird, hat die Firma nicht erwähnt.) Eine spezialisierte Betreuungsstelle (Careline) kann die Träger eines solchen Geräts per Internet orten, sogar weltweit. Die Informationen werden allerdings nur nach einem Sicherheitscheck und ausschliesslich an Angehörige oder Betreuungspersonen herausgegeben.

Eine solche Einrichtung dürfte für die Schweizer Polizei ebenso interessant sein wie für ihre englischen Kollegen: Suchaktionen können auch hierzulande ganz schön aufwendig sein. «Wenn jemand aus einem Heim abgängig ist, werden zunächst das Heim und die unmittelbare Umgebung abgesucht», erklärt Martin Schütz, Sprecher der Kantonspolizei Basel Stadt. «Wird die Person dabei nicht gefunden, macht die Polizei eine sogenannte Umfeldabklärung.» Das heisst, sie klappert frühere Lieblingsorte, Freundeskreis und gewohnte Orte wie Stammtische ab. Bleibt die Suche erfolglos und ist die gesuchte Person gefährdet, weil sie beispielsweise regelmässig Medikamente einnehmen sollte, verwirrt ist oder weil die Witterung ungünstig ist, werden Diensthundegruppen und in manchen Kantonen sogar Polizeihelikopter aufgeboten. Das kann massive Kosten verursachen.

Über die Kosten einer solchen Suchaktion äussern sich jedoch die Kantonspolizeisprecher von Basel, Bern und Zürich nicht. «Im konkreten Fall stehen immer die Menschenleben im Vordergrund, nicht die Kosten», betont Simona Benovici, Sprecherin der Kantonspolizei Bern. Wenn nötig, würden alle zur Verfügung stehenden Mittel ausgeschöpft, um die vermisste Person zu finden: «Denn wir wissen, wie belastend eine solche Situation für Angehörige ist.»

Künftig dürften solch belastende Situationen weit häufiger eintreten: Statt der heute 110 000 Alzheimerkranken werden es im Jahr 2050 fast dreimal so viele sein. «Eine einheitliche Strategie ist dringend gefragt», betont Birgitta Martensson von der Alzheimervereinigung. Wer in Zukunft die vielen Betroffenen wo richtig betreut und wer das finanziert – das sind die drängenden Fragen.

Angesichts dieser Probleme wird die Aufregung um die Sussexer GPS-Geräte wohl nur von kurzer Dauer sein. Ausserdem, sagt Martensson, habe heute ohnehin jedes iPhone ein GPS-System eingebaut und könne jederzeit geortet werden. Sie prophezeit deshalb: «In ein paar Jahren werden GPS-Geräte für Demenzbetroffene problemlos akzeptiert.»