Apple hat das Musikbusiness schon einmal revolutioniert. Mit dem iPod und dem dazugehörigen digitalen Musikladen iTunes. Seit vor rund zwölf Jahren Steve Jobs damit begann, Musik per Download im Internet zu verkaufen, wurden CD-Geschäfte vom Aussterben bedrohte Einrichtungen. Nun setzt Apple zu einer zweiten Revolution an. Und dieses Mal dürften die Folgen viel weiter reichen. Der Streaming-Dienst Apple Music, der seit gestern Abend verfügbar ist, könnte nämlich nicht nur die Musikindustrie umkrempeln, sondern auch die Art und Weise, wie wir Musik hören, gravierend verändern.

Denn hier geht es um nichts weniger als um einen Paradigmenwechsel: Musik ist nicht mehr länger etwas, das man besitzt, sondern etwas, das man nutzt – wie Strom, Wasser und Internetbandbreite. Anstatt einzelne Songs oder Alben zu kaufen, zahlen wir fortan für den Zugang zu einer gigantischen Musiksammlung. 30 Millionen Songs stehen für eine monatliche Gebühr von 12.90 Franken zur Verfügung. Die Lieder kann man beliebig oft über das Internet streamen oder auch temporär auf das Smartphone laden, um sie auch offline hören zu können. Dort bleiben sie dann so lange, wie man für den Service bezahlt, danach verfallen sie.

Die Revolution frisst ihre iKids

Möglich geworden ist dieses Modell, da wir nun fast flächendeckend schnelle Internet-Verbindungen haben. Apple hat es nicht erfunden. Seit mehreren Jahren gibt es verschiedene Start-ups, die auf Musik-Streaming setzen. Das bekannteste und grösste ist Spotify aus Schweden. Das Unternehmen hat kürzlich 20 Millionen bezahlende Kunden vermeldet. Auf dem Heimmarkt hat Spotify dafür gesorgt, dass die seit Jahren darbende Musikindustrie wieder gewachsen ist.

Doch das Potenzial von Apple ist ungleich grösser. Seit gestern Abend steht Apple Musik 800 Millionen potenziellen Kunden zur Verfügung – denn so viele Menschen haben ein iTunes-Konto. Die meisten von ihnen besitzen auch ein iOS-Gerät, also ein iPhone, iPad oder iPod touch, und hören darüber Musik.

Um Appel Music nutzen zu können, muss iOS 8.4, die neuste Version des Apple-Betriebssystems, auf dem Gerät installiert sein. Das hierfür nötige Update steht seit gestern Abend zum Download bereit. Wer es installiert hat, findet in der Musik-App von Apple den Zugang zum neuen Streaming-Service. Die ersten drei Monate sind gratis, danach wird die Probemitgliedschaft automatisch in ein kostenpflichtiges Abo umgewandelt.

Im Herbst will Apple seinen Streaming-Dienst dann auch allen Android-Nutzern zur Verfügung stellen – und tritt damit in direkte Konkurrenz mit Google-Play-Musik. Dieser Schritt ist für Apple untypisch. Normalerweise kommen nämlich nur iPhone- und iPad-Nutzer in den Genuss der eigenen Applikationen und Dienste. Apple Music hingegen soll so viele Kunden wie möglich gewinnen und nicht bloss dazu da sein, die Verkäufe der iPhones anzukurbeln.

Schliesslich geht es bei Apple Music um viel Geld. Denn mit dem neuen Service kannibalisiert Apple das eigene Geschäft mit den Musik-Downloads – für Apple noch immer ein MilliardenBusiness, auch wenn der Umsatz mit dem Verkauf von Musik auf iTunes letztes Jahr um 14 Prozent zurückging. Wird sich Apple Musik durchsetzen, dann wird der Umsatz mit Musik-Downloads gegen null tendieren.

iTunes ging aus der digitalen Revolution auf dem Musikmarkt hervor. Nun schreitet die Revolution voran und droht das eigene iKind zu verschlingen. Denn wer sollte sich noch auf iTunes Lieder kaufen, wenn er eh schon Zugang zur ganzen Musiksammlung von Apple hat?

Die permanente Verfügbarkeit (fast) aller Songs und Alben führt auch dazu, dass wir anders mit Musik umgehen werden. Früher wägte ein Musikliebhaber fein säuberlich ab, welche Alben er sich nun kaufen will und welche nicht – denn die finanziellen Mittel waren beschränkt, die musikalische Wunschliste schier unendlich. Und hatte er sich dann für ein Album entschieden, dann hörte er es immerfort von vorne bis hinten, schliesslich hatte er ja dafür bezahlt.

Playlists statt Alben

Wem heute ein unbekanntes Lied zu Ohren kommt, oder wer auf einen neuen Künstler stösst, der tippt einfach rasch den Namen in sein Smartphone – und schwups ist alle Musik dieses Interpreten da. Man muss nicht mehr abwägen, ob es sich lohnt, eines oder gar mehrere Alben zu kaufen. Stattdessen kann man sich einfach alle Musik anhören. Gefällt einem etwas nicht, skippt man den Track einfach oder wechselt gleich zum nächsten Künstler. Man hat ja nichts gekauft; alles ist nur gestreamt.

Diese Unverbindlichkeit könnte aber auch dazu führen, dass die Bindungen zwischen Künstler und Fan loser wird, und dass das Album als geschlossenes Werk an Wert verliert. Denn das Album ist ja eigentlich nichts anders als Musik, die komponiert wurde, um einen Tonträger zu verkaufen, und damit ein Relikt aus dem Vor-Streaming-Zeitalter. Stattdessen dürften nun Playlists an Bedeutung gewinnen. Man stellt sich selber Listen mit unterschiedlichen, aber zueinander passenden Songs zusammen oder hört jene von DJs und Musik-Kuratoren. Wie die Leute heissen, die die Musik machen, ist dann nicht mehr so wichtig – vielleicht weiss man es gar nicht mehr. Hauptsache, die Musik rockt.