Verbrechen

Mord geklärt dank Fitnessarmband – doch wo ist die Grenze beim Auslesen von Daten?

In den USA wurde ein Mörder aufgrund der Fitbit-Daten seiner Frau.

In den USA wurde ein Mörder aufgrund der Fitbit-Daten seiner Frau.

In den USA wurde ein Mörder aufgrund der Fitbit-Daten seiner Frau überführt. Doch wann darf die Polizei smarte Geräte auswerten?

Es klingt wie der Plot eines Kriminalromans: Am 23. Dezember 2015 wurde die schwangere Connie Dabate in Ellington im US-Bundesstaat Connecticut in ihrem Wohnhaus erschossen – mit der Waffe ihres Ehemanns. Der Gatte, Richard Dabate, gab in den Vernehmungen zu Protokoll, dass ein maskierter Einbrecher den Schuss abgab. Er, der Ehemann, habe morgens das Haus verlassen, um die Kinder zur Schule zu bringen und zur Arbeit zu fahren, während seine Frau zu einem Spinning-Kurs ging. Als seine Frau nach Hause kam, soll sie von ihrem Mörder erwartet worden sein. Doch die Polizei hatte Zweifel an dieser Version. Fünf Tage nach dem Mord versuchte Richard Dabate, die Lebensversicherung seiner Frau in Höhe von 475 000 Dollar abzukassieren. Das wäre ein Motiv: Habgier. Die Ermittler konnten Richard Dabate aber nichts nachweisen, auch wenn sein Alibi zweifelhaft war.

Doch dann gelang es den Fahndern, die Daten aus dem Fitnessarmband der getöteten Frau auszulesen. Und die Fitbit-Daten erzählen eine ganz andere Geschichte: Die Auswertung ergab, dass die letzten Bewegungen der Frau um 10.05 Uhr registriert wurden – eine Stunde später als der Zeitpunkt, den der Ehemann in der Vernehmung angab. Doch nicht nur das: Connie Dabate legte nach ihrer Rückkehr 365 Meter zurück. Auch das widerspricht der Darstellung des Mannes, sie sei sofort erschossen worden. Die Ermittler konnten mithilfe der Daten den Tathergang mit einem präzisen Zeitstrahl rekonstruieren. Der Hintergrund: Der Fitness-Tracker ist mit einem Schrittzähler (Pedometer) ausgestattet, der jede Bewegung misst. Das Fitnessarmband hat den Ehemann als Mörder überführt.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Ermittler Daten aus smarten Geräten als Beweismittel im Strafprozess heranziehen. Die Polizei in Bentonville im US-Bundesstaat Arkansas verlangte in einem Mordfall die Herausgabe von Audiodateien des Netzwerklautsprechers Echo. Vor einem Gericht in den USA wurden zudem Daten eines Fitness-Trackers genutzt, um die Vergewaltigungsvorwürfe einer Frau zu widerlegen – die Nutzerdaten zeigten, dass die Frau zur vermeintlichen Tatzeit wach war und nicht schlief, wie sie behauptet hatte.

Das Handy als Gedankenprothese

Die Auslesung von Daten in smarten Geräten zu Ermittlungszwecken ist jedoch nicht unumstritten. Die Rand Corporation, eine Denkfabrik in den USA, hat in einer aktuellen Studie auf die Problematiken einer strafprozessualen Verwertung dieser Daten hingewiesen. Die (US-)Grundrechte zögen eine klare Grenze zwischen den Informationen in den Köpfen, die dem Zugriff des Staates entzogen sind, sowie solchen Informationen, die auf ihren «papers and effects» gespeichert sind, also Handydaten oder, ganz analog und altmodisch, Schriftstücke wie etwa ein Testament. Nur Letztere dürfte man unter engen rechtlichen Voraussetzungen im Prozess verwenden. Doch wo zieht man die Grenze? Ist die grundrechtlich geschützte Unverletzlichkeit der Wohnung nicht schon überholt, weil persönliche Gegenstände wie Bücher oder Musik auf dem Handy gespeichert sind?

Die Autoren schreiben: «Indem die Technologien physisch in die Menschen integriert werden, verschwimmt die Grenze zwischen Technologie und Person immer weiter.» Ist der Fitness-Tracker nicht schon Teil der Person selbst? Stellt das allwissende Smartphone eine Art externe Gedankenprothese dar? Und folgt aus dem rechtsstaatlichen Grundsatz, dass der Angeklagte ein Aussageverweigerungsrecht hat, nicht auch denknotwendig, dass die Technik schweigen muss? Darf der Staat die gespeicherten Gedanken aus Geräten auslesen? Noch sind diese Fragen unbeantwortet.

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