Spiel "Go"

Mensch oder Maschine, wer gewinnt?

Einfach zu lernen, schwierig zu meistern: Go hält mehr mögliche Spielverläufe bereit, als es Atome im Universum gibt.

Einfach zu lernen, schwierig zu meistern: Go hält mehr mögliche Spielverläufe bereit, als es Atome im Universum gibt.

Anders als am Schachbrett ist der Mensch im Spiel Go noch ungeschlagen. Das will Google nun ändern.

Lee Sedol ist der beste Spieler im Strategiespiel Go. Mit sechs Jahren ging er auf eine Spezialschule, mit elf war er Profi, mit 20 erreichte er den höchsten möglichen Rang im Spiel mit den schwarzen und weissen Steinen – so schnell wie kein anderer. Und nun, mit 33 Jahren, wird er das Duell seines Lebens bestreiten. Es geht nicht nur um eine Million Dollar Preisgeld, sondern auch darum, wer die Vorherrschaft am Go-Brett innehaben wird: Mensch oder Maschine.

Sein Herausforderer ist das Computerprogramm AlphaGo. Entwickelt wurde es von der Google-Tochter DeepMind. Im Oktober letzten Jahres gewann AlphaGo gegen den besten europäischen Spieler Fan Hui. Damit sorgte das Programm für Aufsehen. Denn anders als im Schach waren Computer den besten menschlichen Spielern im Go bis anhin klar unterlegen.

Das liegt vor allem an den schier unendlichen Möglichkeiten, die das Spiel mit den 19 mal 19 Spielfeldern bereithält. Die Anzahl möglicher Spielverläufe übersteigt die Anzahl Atome im Universum. Mit Brut-Force-Methoden, also reiner Rechenkraft, kommt man hier nirgendwo hin. Auch der schnellste Computer der Welt, kann nicht alle möglichen Züge durchrechnen, um den idealen zu finden. Und bricht er die Suche nach einer bewältigbaren Anzahl von Zügen ab, so ist noch völlig unklar, welcher Zug der beste sein wird.

AlphaGo spielt Tag und Nacht

Die Mittel, mit welchen der IBM-Computer Deep Blue 1997 Garry Kasparow geschlagen hat, versagen bei Go also. «AlphaGos Suchalgorithmen sind viel menschlicher als bisherige Verfahren», erklärt Demis Hassabis, Co-Gründer von DeepMind, auf einem Google-Blogeintrag.

Dafür nutzen die Programmierer ein sogenanntes neuronales Netz, eine dem Gehirn nachempfundene Struktur zur Informationsverarbeitung, die sich ständig optimiert. Nicht die Programmierer haben AlphaGo die Regel vorgegeben, nach denen das Programm spielen soll; der Algorithmus lernt selber, welche Regeln einem erfolgreichen Zug zugrunde liegen.

Anfangs haben die Entwickler den Algorithmus mit einer Datenbank von 30 Millionen Zügen menschlicher Profispieler gefüttert. Danach trainierten sie ihn, indem sie ihn gegen sich selber spielen liessen – Tag und Nacht. So erweitert sich AlphaGo sein Wissen über das Strategiespiel ständig. Wie der Go-Spieler Lee Sedol war auch DeepMind-Co-Gründer Demis Hassabis in jungen Jahren ein Wunderkind. Sein Spiel war Schach.

Als Vierjähriger schlug er seine erwachsenen Verwandten, mit acht bestritt er nationale Wettkämpfe und mit 13 war er der zweitbeste Spieler in seiner Altersklasse. Dann ging er auf die Eliteuniversität Cambridge, studierte Computer- sowie Neurowissenschaften und verschrieb sein Leben der künstlichen Intelligenz. 2011 gründete er mit gleichgesinnten Enthusiasten das Start-up DeepMind.

Bald begann sich Google für das Jungunternehmen zu interessieren. Der Internetgigant beziehungsweise dessen Mutterkonzern Alphabet glaubt, dass die künstliche Intelligenz die Zukunft von allem ist – egal, ob es um selbstfahrende Autos, persönliche Roboterassistenten oder die Entwicklung neuer, lebensverlängernder Medikamente geht.

Dem Magazin «Wired» sagte Demis Hassabis, dass er gemerkt habe, dass es während eines Lebens vielleicht nicht genug Zeit gäbe, um ein Multimilliarden-Dollar-Konzern wie Google aufzubauen und gleichzeitig das Problem der künstlichen Intelligenz zu lösen. Also habe er den Rat von Larry Page angenommen, der zu ihm sagte: «Ich habe 15 Jahre gebraucht, um Google aufzubauen – warum kommst du nicht einfach zu uns und profitierst von den grandiosen Möglichkeiten, die wir geschaffen haben?» 2014 verkaufte Hassabis und seine Mitstreiter DeepMind für mehrere hundert Millionen Dollar.

Das wirklich grosse Ding

Gewinnt AlphaGo im Duell gegen Lee Sedol, das morgen startet und in fünf Partien ausgetragen wird, so wäre das der bis anhin grösste sichtbare Erfolg von DeepMind. Den Sieg würde Jürgen Schmidhuber, Co-Direktor des Schweizer Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz in Lugano, seinen Kollegen gönnen. Zwei der Gründungsmitglieder sind seine ehemaligen Studenten. «Ein wirklicher Durchbruch auf dem Feld der künstlichen Intelligenz wäre ein Sieg aber nicht», meint der deutsche Forscher. Denn die verwendeten Methoden seien schon ziemlich alt.

Das wirklich grosse Ding sei eine künstliche Intelligenz, die nicht nur lerne, die Leistung auf einem spezifischen Gebiet zu verbessern, sondern ganz generell ein Algorithmus, der lernt zu lernen. Ein selbstreferenzielles System also, das auf alles anwendbar ist.

Wenn Google-Chef Larry Page richtig gepokert hat, wird DeepMind als Erstes einen solchen Algorithmus erschaffen. Nun wird aber erst einmal Go gespielt.

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