Manuel Grenacher ist viel beschäftigt. Seine IT-Firma zählt mittlerweile über 140 Mitarbeiter, daneben hat er ein neues Start-up gegründet. Wie jedes Jahr möchte er die Angestellten zu sich nach Hause zu einer Grillparty einladen.

Doch dort wartet sein Sohn, der sich auf den Geburtstag eine Biene-Maja-Torte wünscht. Und seine Frau, die ihn zum wiederholten Mal auffordert, endlich den neu gekauften Laserdrucker zu installieren.

Manch einem anderen würde alles über den Kopf wachsen, doch der 32-Jährige bleibt gelassen. Ein paar Fingerwischs auf dem Smartphone und alles regelt sich wie von selbst. Eine backbegeisterte Nachbarin macht sich an die Biene-Maja-Torte, ein Student schaut wegen des Druckers vorbei und ein Allrounder macht sich auf den Weg, um für die Grillparty einzukaufen.

Die Swisscom macht mit

Geschafft hat Grenacher das alles dank Mila. Was nach dem Namen einer gut gelaunten Comic-Fee klingt, ist ein Online-Marktplatz für Dienstleistungen. Hier findet man kuchen-backende Nachbarinnen, Hobby-IT-Supporter, Party-Organisatoren und vieles mehr. Dienstleister und Kunde vereinbaren einen Preis und schon gehts los. Mila ist das neue Start-up von Grenacher. Und Mila ist auf dem Vormarsch.

Gestern hat Mila eine Zusammenarbeit mit der Swisscom bekannt gegeben. Bei Problemen mit dem Handy oder dem TV können Kunden des Telekomanbieters nun entweder die Hotline anrufen oder gleich über Mila einen zertifizierten Nachbarn aufbieten. Als «zusätzlichen Support-Kanal für kleinere Probleme» bezeichnet Marc Walder, zuständig für den Privatkundenbereich bei der Swisscom, den Service. Von einem «neuen Trend namens Shareconomy» spricht Manuel Grenacher.

Nach der gescheiterten New Economy liegen die Hoffnungen der neuen Web-Start-ups in der Shareconomy. Besitzen ist out, nutzen in. Teilen wird zur neuen Maxime. Über den Service Why own it? lassen sich Alltagsgegenstände teilen, über Sharoo Autos, über Parku Parkplätze, über Airbnb Wohnungen und über Mila Dienstleistungen.

Anstatt alles selber zu kaufen, und Dienstleister mit hohen Margen zu engagieren, lässt man sich lieber von Freunden helfen – oder auch von freundlichen Fremden.

Das ist eine «Umwälzung, die so wichtig sein wird wie die industrielle Revolution», meint die Amerikanerin Rachel Botsman. Sie hat 2010 das Buch «What’s Mine is Yours» verfasst und gilt seither als Vordenkerin der Shareconomy. Oder der Collaborative Consumption, der kollaborativen Konsumation, wie die Bewegung auch heisst.

Mein Auto ist dein Auto

Selbst grosse Unternehmen stellen sich vermehrt auf die neue Wirtschaft des Teilens ein. Das beste Beispiel ist Daimler. Der deutsche Autohersteller hat in mehreren Grossstädten den Carsharing-Service Car2Go lanciert. Man will mit einem passenden Angebot bereit sein für die heranwachsende Generation, die im Auto kein Statussymbol mehr sieht, sondern ein Transportmittel, das man zwar besitzen, aber ebenso gut einfach nur benutzen kann.

Einen ähnlichen Weg verfolgt in der Schweiz die Migrostochter M-Way zusammen mit der Mobiliar. Derzeit befindet sich der Carsharing-Dienst Sharoo in einer Pilotphase. Nächstes Jahr wird es über diese Plattform auch für Private möglich sein, ihr Auto verleihen zu können.

«Ein durchschnittliches Auto wird 23 von 24 Stunden nicht genutzt», sagt Adrian Bührer von Sharoo. Statt ein Auto den ganzen Tag nutzlos auf dem Parkplatz rumstehen zu lassen, kann man es auch stundenweise vermieten und dabei etwas Geld verdienen. In Anlehnung an einen bekannten Werbeslogan könnte man sagen: «Lassen Sie Ihr Auto arbeiten!» Das kommt auch der Umwelt zugute: Einer Studie des deutschen Bundesverbands für Carsharing (BCS) zufolge kann ein öffentlich geteiltes Auto sechs bis zehn Privatwagen ersetzen.

Teilen 2.0

Jesus hat schon vom Teilen gepredigt und Lesezirkel und Flohmärkte gibt es schon lange. Und auch in der Wirtschaftslehre ist das Prinzip des Teilens nicht neu. Der Harvard-Ökonom Martin Weizman prägte den Begriff der «Shared Economy» bereits 1984 mit seiner These, dass sich der Wohlstand aller erhöht, je mehr untereinander geteilt wird. Doch das Internet gibt dem Teilen eine neue Qualität, weil es Anbieter und Nachfrager aus aller Welt in wenigen Sekunden zusammenführt. Noch besser geht das, seit wir dank Smartphones alle Dauer-online sind.

Das Internet bringt aber nicht nur Teilungswillige zusammen, es hilft uns auch dabei, richtig einzuschätzen, ob wir einer Person vertrauen können. Auf der Website Airbnb etwa werden Gäste und Gastgeber bewertet wie bei Ricardo Käufer und Verkäufer. Ist jemand schon bei 19 anderen Airbnb-Nutzern abgestiegen und hat Bewertungen erhalten wie «es war ein Vergnügen, Tim bei uns zu haben», so wird dieser Tim wohl auch beim 20. Mal nicht Radau machen.

Schweizer haben Hemmungen

Doch sind wir, die immer noch überdurchschnittlich gut betuchten Schweizer, wirklich bereit, unser Hab und Gut mit Fremden zu teilen? «Ja, davon gehen wir aus», sagt Adrian Bührer von Sharoo. Doch gewisse Vorbehalte bestehen dennoch. So ist es bei Sharoo auch möglich, sein Auto nur mit Bekannten zu teilen. Einige Nutzer würden wohl zuerst diese Variante ausprobieren und sich dann nach und nach auch für Fremde öffnen, glaubt Bührer.

Diesbezüglich weniger optimistisch ist Christian Schmitz, Entwickler von WeeShare, einem Dienst, über den Alltagsgegenstände geteilt werden können. «95 Prozent unserer Nutzer wollen nur im Freundeskreis teilen», sagt Schmitz. Die App ist aus einem eigenen Bedürfnis heraus entstanden. Mit seinen WG-Mitbewohnern teilt er ein Auto, doch zur Koordination der Nutzung fanden die Freunde kein geeignetes Programm. Also hat Christian Schmitz selber eines zu programmieren begonnen.

Die App steht mittlerweile für alle zur Verfügung. Sie ist in erster Linie ein Werkzeug, welches das Teilen im Freundeskreis vereinfacht. Damit positioniert sich WeeShare in einer Nische. Es stellt sich aber dabei ein Problem: Wie soll damit Geld verdient werden? Denn Freunde, die einander unter die Arme greifen, bezahlen sich in der Regel nicht gegenseitig. So kann der Sharing-Service auch keine Kommission fürs Vermitteln verlangen. Das ist dann Shareconomy ohne Wirtschaft. Also blosses Teilen.