«Es werde Licht!» – Kann man sich etwas vorstellen, was das Vorher und Nachher besser trennt, als Licht ins Dunkel? Vielleicht hat es aber auch nur damit zu tun, dass wir das Sehen so gern haben. Nur der Gesichtssinn – so scheint es – kann uns zur Wahrheit verhelfen. «Klar und deutlich», so das Wahrheitskriterium von Descartes – es ist immer noch recht einleuchtend.

Licht förderte allerdings nicht nur die Wahrheit, sondern auch das Leben. Unter den Erdwissenschaftern redet man von der «kambrischen Explosion» und meint damit die fast schlagartige (nach geologischen Massstäben) Entwicklung fast aller heute noch vorhandener Tierstämme. Das war vor rund 600 Millionen Jahren. Dieser «Explosionsblitz» leuchtete 5 bis 10 Millionen Jahre. Danach war nichts mehr wie vorher. Und um die Metapher komplett zu machen: Es soll in der Tat das Licht gewesen sein, das diese Explosion gezündet hat. Tierisches Leben gab es damals nur im Ozean, und der war trüb. Durch chemische Veränderungen in der Atmosphäre und in den Ozeanen (vielleicht weniger Salz, mehr Sauerstoff oder beides oder etwas anderes) wurde das Wasser durchsichtiger. Mit dem Eindringen des Sonnenlichts ins Wasser änderten sich die Lebensbedingungen grundsätzlich. In seinem Buch «In the Blink of an Eye. How Vision Sparked the Big Bang of Evolution» (2003; «Mit einem Wimpernschlag. Wie das Sehen den Big Bang der Evolution zündete») hat der Zoologe Andrew Parker diese Hypothese vertreten.

Digitaltechnik «macht Licht»

Dieser «Urknall des Lebens», wie der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould die «kambrische Explosion» genannt hat, hat nicht nur Paläobiologen beschäftigt. Für den Philosophen Daniel C. Dennett und den Medienwissenschafter Deb Roy diente sie als Analogon, um damit eine aktuelle Entwicklung besser verstehen zu können. Wie die Ozeane transparent wurden und dadurch das Leben einen Schub in Richtung mehr Vielfalt erhielt, hat die Ausbreitung der Digitaltechnik die Öffentlichkeit «durchsichtiger» gemacht und dadurch Institutionen und Firmen vor grundsätzlich neue Herausforderungen gestellt. Das legen sie in einem lesenswerten Essay dar, der im März im «Scientific American» erschien und jetzt in der aktuellen Nummer der Zeitschrift «Spektrum der Wissenschaft» publiziert wurde.

Doch der Reihe nach. Parker argumentiert etwa so: Durch das Licht bekamen Tiere mit lichtempfindlichen Organen einen immensen Evolutionsvorteil. Die visuelle Wahrnehmung erweiterte die Reichweite eines Tieres enorm. Bisher gab es keine anderen Möglichkeiten als Berührung, Empfindung von Erschütterung oder chemische Empfindungen, um die Nähe eines anderen Tieres festzustellen. Jetzt «sah» man es aus grösserer Entfernung. Jäger entwickelten kameraähnliche Augen, aber auch Klauen und Kiefer, um die Beute zu packen; Beutetiere schützten sich mit Panzern oder Tarnung. Und auf beiden Seiten musste massiv in die Intelligenz investiert werden: Die Nervensysteme wurden aufgerüstet. Weil Sehen oder Gesehenwerden allein nichts nützt, entwickelten sich auch die Bewegungssysteme der Tiere weiter. Und diese beiden Faktoren, Sehen und Bewegen, verstärkten sich evolutiv gegenseitig.

«Trübes Entwicklungsmilieu»

Was machen Dennett/Roy daraus? Die sozialen Medien und das Internet schaffen Durchsichtigkeit. Sie verschaffen gar dem Individuum «globale Kommunikationswerkzeuge» (was immer das ist). Unbestreitbar dürfte sein, dass wir weiter sehen, schneller etwas erfassen und billiger etwas verändern können. Das schafft Druck vor allem auf die Institutionen. «Regierungen, Armeen, Kirchen, Universitäten, Banken und Firmen haben sich in einem relativ trüben Erkenntnismilieu entwickelt, in dem das meiste Wissen lokal begrenzt blieb, Geheimnisse leicht bewahrt werden konnten und der Einzelne kurzsichtig oder gar blind war.» Jetzt würden sie merken, dass die alten Methoden nicht mehr funktionierten. Schnellere und direktere Kommunikation, aber auch besserer Schutz gegen aussen (analog zu den Panzern der Tiere) werden nötig. Man muss generell schneller und flexibler werden. «Es hat keinen Zweck mehr, Geld in die Vermarktung mittelmässiger Produkte zu stecken.» Das ist doch schön. Wieder einmal wird den Grossen das Aussterben prophezeit, weil «der Selektionsdruck Kleine favorisiert».

In der kambrischen Explosion hat sich auch das Tarnen, Täuschen und Ausweichen entwickelt. Dass das Internet auch Megabytes an Desinformation (und Schrott) enthält, wissen wir. Transparenz ist bisweilen gut. Der «Arabische Frühling» hätte sich ohne Smartphones nicht so abgespielt, haben wir damals analysiert. Jetzt sind wir gar nicht mehr sicher, ob das wirklich etwas Gutes war.

Die Analogie hilft. Auch wenn die «kambrische Explosion» selbst, Parkers Licht-Hypothese noch mehr, paläobiologisch umstritten sind. Wirklich neu war im Kambrium die Kalkschale. Denn Tiere ohne sie geben nicht so schöne Fossilien ab. Vielleicht gab es sie vorher auch schon. Einfach ohne und man sieht sie heute nicht mehr. Es wäre aber auf jeden Fall schade, wenn – um die Analogie an ein Ende zu schreiben –vom Digitalzeitalter nur Verkalkung resultieren würde.