Dass sich im riesigen Autoren-Pool der Online-Enzyklopädie nicht nur wohlgesinnte Bildungsbürger tummeln, sondern immer auch mal wieder Propagandisten, Spassvögel und Spin-Doktoren ihr Glück versuchen, liegt nahe. Zwar zeigte eine Studie des Fachmagazins «Nature» 2005, dass Wikipedia durchaus mit den herkömmlichen Enzyklopädien mithalten kann, was die wissenschaftliche Genauigkeit und den Wahrheitsgehalt der Beiträge betrifft. Möglich ist das aber nur, weil die Wikipedia-Macher und die wachsamen Nutzer rund um die Uhr gegen eingespeiste Falschinformationen anschreiben.

Wikipedia bezeichnet den Versuch, Artikel zu verfälschen, als «Form des Vandalismus». Die allermeisten dieser Vandalenakte werden rasch erkannt und entfernt. Manche aber halten sich jahrelang unbemerkt im digitalen Wissensspeicher. Der langlebigste Falsch-Artikel – ein Beitrag über den frei erfundenen Dämonen «Bine», der vor seinem Abstieg ins Dämonenreich ähnlich wie Jesus Christus als Schreiner gearbeitet haben soll – war mehr als zwölf Jahre lang abrufbar. Knapp zehn Jahre existierte der Beitrag über die angebliche frühere Weltbank-Präsidentin «Maddie Fairthorne», die nie existiert hat. Berühmtheit erlangen die Falschartikel über das Krokodil des britischen Dichters Lord Byron oder über den «Piltdown Man»; einem angeblichen Schädelfund, der die etablierten Theorien über die menschliche Abstammung infrage stellte.

Dass die Wikipedia-Vandalen mit ihren Spasseinträgen zuweilen ganz reale Probleme schaffen, zeigte 2005 der Fall des amerikanischen Journalisten John Seigenthaler. Ein «Wikipedianer» schrieb in einem Artikel, Seigenthaler gelte als Verdächtiger im Fall der bis heute nicht restlos aufgeklär- ten Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy. Seigenthaler wurde daraufhin massiv bedroht. Wikipedia reagierte auf den Fall und erlaubt es seither nur noch registrierten Nutzern, neue Artikel zu erstellen.

Bundesbeamte fälschen mit

Gewonnen ist der Kampf gegen die Wissens-Vandalen deswegen aber noch lange nicht. 2006 etwa flog auf, dass die Mitarbeiter diverser amerikanischer Spitzenpolitiker fleissig die Wikipedia-Biografien ihrer Chefs aufpolierten – auch jene dese ehemaligen US- Vizepräsidenten Joe Biden.

Ähnliche Vorgänge gab es auch in der Schweiz. Diese Zeitung deckte 2017 auf, dass die Beamten der Eidgenössischen Bundesverwaltung über 50 Wikipedia-Artikel verfälscht und im Sinne ihrer Bundesämter beschönigt hatten. Der Beitrag zur «Schweizer Luftwaffe» etwa wurde über 40 Mal auf den Rechnern des Bundes angepasst. Unter anderem strichen die Beamten die Passagen über die gescheiterte Gripen-Beschaffung aus dem Artikel. Fleissig aufpoliert wurden auch die Artikel über die «Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit», über den «Schweizer Nachrichtendienst» oder über das «Staatssekretariat für Migration».

Hitzige Diskussionen

Wikipedia ermutigt seine Nutzer, verfälschte Beiträge zu melden. In manchen Fällen werden diese umgehend gelöscht. Häufig aber folgen auf solche Meldungen lange Debat- ten unter den Wikipedia-Nutzern. Die drei lang anhaltendsten dieser sogenannten «Redaktions-Kriege» («Edit-Wars») toben – wenig überraschend – rund um die Artikel über Israel, Adolf Hitler und Gott.

Wikipedia hält trotz dieser Kontroversen und den Abertausenden von «Vandalenakten» an seinem Ziel – der Demokratisierung des weltweiten Wissens – fest. Alle Menschen sollen kostenlos auf alles Wissen zugreifen können und alle sollen bei der Speicherung dieses kognitiven Schatzes mittun können.

Wie demokratisch der Prozess letztendlich wirklich ist, ist eine andere Frage. Eine Untersuchung deutscher Psychologen hat gezeigt, dass 88 Prozent der deutschsprachigen Wikipedia-Autoren Männer sind. Und Wikipedia selber gibt zu, dass man es noch nicht geschafft hat, die «digitale Kluft» zu überwinden. Diese Kluft führt dazu, dass es primär die Menschen in den hochentwickelten Ländern des globalen Nordens sind, die Wissen produzieren und speichern. Die acht Millionen Bewohner der Schweiz etwa haben über 60 000 Artikel verfasst, die 18 Millionen Menschen in Mali gerade mal 610.