Man muss heute kein Spion sein, um ein Doppelleben zu führen. Viele von uns tun das schon eine Weile, ganz unbewusst. Da ist das reale Leben und jenes in der virtuellen Welt. Kaum ein Bild auf der Fotoplattform Instagram, über das nicht irgendein Filter gelegt wird. Und Bildbearbeitungs-Apps wie Facetune oder Snapseed sorgen dafür, dass Gesicht und Körper einen makellosen Anstrich erhalten. Nase verkleinern, Falten wegretuschieren: in wenigen Sekunden alles möglich. Wir schneidern uns ein digitales Ich für den Auftritt in den sozialen Medien. Zeigen uns so, wie wir gesehen werden möchten. Und nicht, wie wir tatsächlich sind.

«So, wie sich viele von uns heute in der virtuellen Welt inszenieren, hat das nichts mehr mit der Realität zu tun», sagt Johanna Jaskoswka, 26 Jahre alt, Künstlerin aus Frankreich. Unscheinbar wirkt sie, wie sie sich da ans Rednerpult lehnt im grossen Saal des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) in Rüschlikon. Ein breitschultriges Mädchen, Englisch mit starkem französischen Akzent. Jaskowska trat vergangene Woche an der Tagung «Eternity Now» auf. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie Schönheit heute und in Zukunft kommerziell genutzt werden kann.

Ein Kleid in der virtuellen Welt

Bei Jaskowska ging das fast wie von selbst. Als kunstvolle Alternative zu den herkömmlichen Filtern kreierte sie «Beauty3000» auf der Fotoplattform Instagram. Damit wirkt das Gesicht wie in Plastik getaucht und leuchtet in verschiedenen Neonfarben. «Ich wollte mit Licht experimentieren, mit Plastik auch. Und es einfach übertreiben. Damit man sofort sieht: Das ist nicht die Wirklichkeit, sondern purer Surrealismus.» Jaskowska hat damit offenbar den Nerv der Zeit getroffen. Zählte sie vor fünf Monaten noch weniger als 2000 Follower, sind es heute nahezu 700 000. Denn, um den Filter zu benutzen, muss man der Französin auf Instagram folgen.

Wie in flüssiges Plastik getaucht: die Autorin im Selbsttest mit dem Instafilter Beauty 3000.

Wie in flüssiges Plastik getaucht: die Autorin im Selbsttest mit dem Instafilter Beauty 3000.

Seither hat Jaskowska viele weitere Filter entwickelt («Das geht ganz einfach, man muss nur eine gute Idee haben») und ist daran, die neuen Technologien auf ihre eigene, andere Art zu erforschen. Direkt nach der GDI-Tagung stieg sie ins Flugzeug nach New York, um dort ihr erstes Haute-Couture-Kleid an einer Blockchain-Konferenz zu präsentieren. Klar, dass es sich nicht um ein Kleidungsstück im normalen Sinne handelt: «Iridescence» ist das erste Haute-Couture-Kleid überhaupt, das nur virtuell existiert. Für sage und schreibe 9500 Dollar wurde es versteigert. Ja, das Leben, es spielt sich zunehmend in der virtuellen Welt ab.