Selbstversuch

Ich bin mein eigener Big Brother - nichts bleibt unbemerkt

Wie viele Schritte mache ich? Wie viel schlafe ich? Wie viele Kalorien nehme ich zu mir? Unser Autor hat sich zwei Wochen lang selbst vermessen.

An einem Tag mache ich durchschnittlich 9499 Schritte, verbrenne 2557 Kalorien und schlafe 6 Stunden und 28 Minuten. 2 Stunden und 20 Minuten davon verbringe ich im Tiefschlaf, die restlichen 4 Stunden und 8 Minuten im Leichtschlaf. 33 Minuten liege ich wach im Bett.

Wenn ich am Abend auf dem Sofa sitze, schlägt mein Herz 58-mal pro Minute. Ich verbringe an einem gewöhnlichen Tag 23 Minuten damit,
E-Mails auf meinem Handy zu lesen und zu beantworten, 19 Minuten nutze ich Whatsapp, 7 Minuten Twitter und 5 Minuten Facebook.

In den letzten zwei Wochen habe ich mich so gut kennen gelernt wie in meinem ganzen Leben zuvor nicht – zumindest was die nackten Daten meines Alltags anbelangt. Denn seither vermesse ich mich selbst. Ich bin nun quasi mein eigener Big Brother.

Dafür trage ich zwei Hightech-Armbänder am Handgelenk: das Samsung Gear Fit und das Sony Smartband (siehe Box unten). Beide Bänder verfügen über einen Bewegungssensor, der die zurückgelegten Schritte registriert und den Schlaf überwacht. Die Werte werden in den dazugehörigen Apps auf meinem Smartphone gespeichert und mit weiteren Daten ergänzt. Lifelog von Sony zeichnet alles auf, was ich auf dem Smartphone mache – einmal kurz die Mails checken, schon wird das vermerkt. In S-Health von Samsung trage ich ein, was ich wann gegessen habe, und lasse mir die Anzahl Kalorien berechnen.

Wir leben in einem Datenzeitalter. Google und Facebook sind deshalb so wertvolle Unternehmen, weil sie es verstehen, unsere Daten zu sammeln und gewinnbringend zu nutzen. Warum, so fragte ich mich, sollte ich nicht selber von meinen Daten profitieren? So begann mein Selbstversuch.

Nun, zwei Wochen später, betrachte ich meinen «Datenschatz» und erkenne darin einige interessante Muster. Zum Beispiel dieses: Mittwochs mache ich etwa gleich viele Schritte wie montags – die anderen Wochentage fallen drastisch ab. Der Grund dafür: Am Montagabend treibe ich immer Sport, am Mittwoch habe ich frei und verbringe den Tag mit den Kindern. Beides sorgt etwa in gleichem Mass für Bewegung.

Und dann ist da natürlich das Essen. 2543 Kalorien darf ich gemäss App zu mir nehmen (berechnet aufgrund von Alter, Grösse, Gewicht und Bewegung). An den normalen Tagen habe ich dieses Limit kaum jemals überschritten, ohne dass ich auf etwas verzichten musste. Doch ein Wochenende im Schwarzwald hat mich völlig aus dem Kalorien-Gleichgewicht geworfen: Frühstücksbuffet im Hotel, Torte über den Mittag, Pizza, Dessert, Bier und Wein am Abend – da kommt dann einiges zusammen: 8899 Kalorien in zwei Tagen. Hoppla! Das lässt sich dann nicht so einfach in der nächsten Woche ausgleichen – auch mit Joggen nicht.

Überhaupt ist der Effekt vom Joggen kleiner als erwartet: Meine Armbänder haben mich immerhin so stark motiviert, dass ich drei Mal pro Woche durch den Wald gerannt bin. Insgesamt 1 Stunde 50 Minuten. Damit habe ich aber lediglich 1532 Kalorien verbrannt.

Mehr habe ich aus meinem Vermessungsexperiment nicht gelernt. Sehre gross ist der Nutzen also nicht. Natürlich könnte ich nun versuchen, mich selbst zu optimieren. Ich könnte versuchen zwei Stunden pro Woche zu rennen, das Kalorienlimit auf 2400 pro Tag heruntersetzen und 7 Stunden Schlaf pro Nacht anzupeilen. Nach zwei Monaten könnte ich dann prüfen, ob ich mich besser fühle.

Ich hätte sogar Lust, das zu tun, wäre die ganze «Vermesserei» nicht so mühsam. Vor allem jene Dinge, die nicht automatisch erfasst werden, fordern Disziplin. Es ist auf die Dauer ziemlich aufwendig, nach einem Abendessen alle gegessenen Zutaten in einer Datenbank herauszusuchen und die Menge abzuschätzen, um die Kalorien bestimmen zu lassen. Ausserdem muss man die Armbänder per Knopfdruck vom «Tag-» in den «Nachtmodus» umstellen. Vergisst man es einmal, gerät die Messung durcheinander. Und natürlich müssen die Batterien der Bänder regelmässig aufgeladen werden.

Zwei Dinge lassen mich aber auch grundsätzlich an der Selbstvermessung zweifeln: Einerseits frage ich mich, wie präzis die Werte sind. Zumindest bei der Schrittmessung zeichneten nicht beide Armbänder das Gleiche auf – jenes von Samsung zählte rund 10 Prozent grosszügiger. Andererseits werden die Daten nicht nur auf meinem Gerät gespeichert, sondern auch den Anbietern übermittelt. Letztlich profitiere also nicht (nur) ich von den mühevoll gesammelten Daten, sondern doch auch wieder die grossen Unternehmen.

Samsung Gear Fit

Samsung Gear Fit

Dieses Armband ist auch eine Uhr: Auf dem gebogenen Display lässt sich die Zeit ablesen. Beim Joggen kann man auf dem kleinen Touchscreen den Musikplayer bedienen und sieht die zurückgelegte Distanz. Auch im Business-Alltag erweist das Band seine Dienste: SMS und die ersten Zeilen von Mails lassen sich diskret am Handgelenk lesen.
Vorteile: Viele Funktionen. Pulsmesser am Handgelenk. Gebogenes Display.
Nachteile: Akku hält nur zwei Tage. Benötigt ein Samsung-Smartphone.
Preis: Fr. 229.-.

Sony Smartband

Sony Smartband

Am Tag zählt das Band die zurückgelegten Schritte, in der Nacht zeichnet es die Schlafphasen auf. Die Daten werden über Bluetooth an das Smartphone gesendet und in der App Lifelog abgespeichert. Diese funktioniert auf allen neueren Android-Geräten und erfasst das ganze (digitale) Leben des Nutzers. Es speichert Fotos, Anrufe, zurückgelegte Wege und mehr.
Vorteile: Sehr viele Daten werden erfasst und übersichtlich aufbereitet.
Nachteile: Konsumierte Kalorien können nicht erfasst werden.
Preis: Fr. 99.-.

Jawbone Up

Jawbone Up

Mit diesem Armband kann man sich auch durch ein sanftes Vibrieren wecken lassen. Dabei wird darauf geachtet, dass das Erwachen auf eine Leichtschlafphase fällt. Auch die zu sich genommenen Kalorien können in der dazugehörigen App auf dem Handy eingetragen werden. Das Jawbone Up funktioniert sowohl mit einem iPhone als auch mit einem Android-Gerät.
Vorteile: Schönes Design; wirkt an einem Damenhandgelenk wie ein Schmuckstück.
Nachteile: Wenig Funktionen. Datenübertragung geht nur via Kopfhörerbuchse.
Preis: Fr. 149.-.

Fitbit Flex

Fitbit Flex

Anhand von fünf LED-Lämpchen am Plastikarmband lässt sich ablesen, wie viele Schritte man ungefähr schon zurückgelegt hat. Die genaue Anzahl Schritte sowie einen Überblick über die Schlafphasen lässt sich auf dem Handydisplay einsehen. Applikationen dafür gibt es sowohl fürs iPhone als auch für Android-Smartphones.
Vorteile: Lässt sich mit einer speziellen Waage für die Gewichtsüberwachung koppeln.
Nachteile: Wenig Funktionen. Umstellen von Tag- auf Nachtmodus ist umständlich. (RAS)
Preis: Fr. 119.-.

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