Games

Hier können Sie durch Zürich laufen, ohne dass Ihnen was passiert

Spiele, die reale und virtuelle Welt vermischen, werden immer beliebter. Ein neues Beispiel dafür ist «Der Polder», das die Spieler durch Zürichs Kreis 5 führt – und dabei muss dieser den verschwundenen Spielentwickler finden.

Plötzlich tritt Kuchisake-onna aus dem Dunkel. Die Hexe leuchtet mit einer Taschenlampe in ihr zombiehaftes Gesicht, tritt nahe an den User heran und fragt: «Findest Du mich hübsch?»

Es ist unheimlich auf dem Hardturmareal. In der Ferne flackern Lichter von brennenden Mülltonnen und Fackeln. Hier in der Spielzone müssen die User kleine Spiele spielen. So gewinnen sie goldene Bohnen und finden ein zehnstelliges Passwort heraus, um ihre Mission zu vollenden: Den spurlos verschwundenen obersten Spielentwickler Marcus finden. Denn nur er ist dazu fähig, die zwei Dutzend schwarz gekleidete «Digi-Junkies» zu befreien, die mit manipulierten Gehirnen in der Spielzone umherirren. Die User dürfen sich nicht von ihnen ablenken lassen: «Trau niemandem hier, die wollen alle nur deine Bohnen. Such das Passwort und dringe in den Turm ein. Verbring nicht zu viel Zeit hier. Du musst noch weiter in das House of Games. Viel Glück jetzt», sagt die Stimme im Ohr der User.

(Quelle: www.derpolder.com)

So bewegt man sich im Videospiel «Der Polder»

Virtuelle Spielwelt und Realität

«Der Polder» ist ein Mixed-Reality-Spiel der Künstlergruppe 400asa. Solche Spiele vermischen die virtuelle Spielwelt mit der Realität. Bei «Der Polder» führt eine Tonaufnahme die Spieler, die sogenannten User, durch den Kreis 5 in Zürich. Sie treffen dabei auf Schauspieler und Darsteller. Rund 40 Personen sind an der Zürcher Kampagne beteiligt. Die Veranstalter erwarten mehrere hundert Personen, die als User den verschwundenen Game-Entwickler Marcus suchen und dabei die Digi-Junkies retten.

Mixed-Reality-Spiele sind in den USA schon seit der Jahrtausendwende populär. Seit vier Jahren werden sie auch vermehrt in der Schweiz gespielt – allerdings noch von einer eher kleinen Gemeinschaft. Mela Kocher verfolgt die Entwicklung schon seit einigen Jahren. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zürcher Hochschule der Künste mit Schwerpunkt Game-Design und überzeugt, dass diese Games in der Schweiz an Bedeutung gewinnen werden: «Manche sehen es als Zeitverschwendung an, wenn man zu Hause sitzt und zockt. Wenn man aber draussen an der frischen Luft spielen kann, finden es viele sinnvoll», sagt Kocher.

Bei Mixed-Reality-Spielen geht es aber nicht bloss um die Unterhaltung. Sie eignen sich auch für Bildungs- oder politische Zwecke. Meist werden sie jedoch im kommerziellen Bereich wie der Werbung oder dem Tourismus verwendet: «Wer eine Stadt spielerisch erkundigt, nimmt sie ganz anders wahr», sagt Kocher.

Junge Menschen von 20 bis 40

Tatsächlich erlebt der Journalist die Gegend neu, als er zum User wird und «Der Polder» spielt. Die Tonaufnahme, die er sich kurz zuvor auf sein Smartphone geladen hat, führt ihn erst durch das Basislager, ein Container-Dorf an der Aargauerstrasse. Hier haben in vier Ateliergebäuden rund 200 Personen aus dem Kunst- und Kulturbereich ihre Arbeitsplätze. Es steht sinnbildlich für die Kreativwirtschaft, die das einstige Zürcher Industriequartier eingenommen hat und belebt. An diesem Abend wirkt das Dorf aber ausgestorben.

Lediglich einige andere Spielerinnen und Spieler von «Der Polder» gehen vorsichtig durch die Siedlung und folgen den Anweisungen aus dem Kopfhörer. Es sind mehrheitlich junge Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren, teilweise auch Pärchen oder junge Eltern mit ihren Kindern. Am meisten Spass macht es wohl, wenn man auf sich alleine gestellt ist: «Geh hier hinein ins Wäldchen der Angst. Sei vorsichtig, sieh Dich um!», sagt die Stimme aus den Kopfhörern – im Hintergrund dramatische Musik. «Hat sich da gerade etwas bewegt?», fragt man sich und wird fast paranoid. Doch letztlich besteht das Wäldchen der Angst nur aus ein paar Bäumen und Gebüschen. Als er aus dem Basislager heraus auf die Strasse tritt, geht er an einem Zaun mit einem grünen Sichtschutz vorbei. Diese kommt ihm bekannt vor. «Geh nicht dahin!», sagt die Stimme. Ach ja, der Strichplatz, über den so viel geschrieben wurde. Es ist ruhig, nichts zu sehen, reichlich unspektakulär. Die Stimme führt ihn weiter. Gelbe Röhren ragen aus dem Boden eines ehemaligen Industriegebäudes an der Pfingstweidstrasse. In seinem Rücken bremst ein Auto seine Fahrt. Gehört das etwa dazu?

Werbekampagne mit Film

Das Spiel vermischt sich mit der Realität. Die Stimme führt die User in Richtung des leuchtenden orangen M am Migrosgebäude gegenüber vom Toni-Areal. Da wartet der Endgegner. Doch zuvor gilt es noch, auf dem Hardturmareal das Passwort herauszufinden.

150 000 Franken beträgt das Budget für die Zürcher Kampagne von «Der Polder». Sie wird neben staatlichen Beiträgen hauptsächlich von Migros Kulturprozent und anderen Stiftungen finanziert. Das Game in Zürich ist Teil einer mehrteiligen Kampagne, die im Film «Der Polder» endet. Dessen Dreharbeiten beginnen im nächsten Frühling. Das Budget beträgt 3,2 Millionen, eine überdurchschnittlich teure Schweizer Produktion. Der Kinostart ist auf den Frühling 2015 geplant. Die unkonventionelle Werbekampagne mit dem Mixed-Reality-Spiel soll dem Film den erhoffen Erfolg bescheren.

Nach über zwei Stunden hat der Journalist zwar das Passwort gefunden und goldene Bohnen gesammelt, doch den Endgegner hat er nicht besiegt. Dafür hat er den realen Raum virtuell erfahren und umgekehrt die virtuelle Welt real erlebt.

Der Polder Weitere Spielzeiten 31.10., 1.11., 2.11. Start alle 15 Min. zwischen 18.30 und 20.30 Uhr, Fr. 20.–. Abendkasse in der Wirtschaft zum Transit, Aargauerstrasse 14, Zürich. www.derpolder.com

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1