Die Männer, die unsere TV-Welt erneuern wollen, kommen aus Amerika. Woher auch sonst. Dort wurde das Fernsehen zuerst populär, dort werden noch immer die besten Serien produziert. Und diese wollen die Amerikaner möglichst bequem zu uns bringen. Um zu zeigen, wie das geht, haben sie sich in einem Nobelhotel in Zürich einquartiert und in einer Suite eine temporäre Wohnung für das Fernsehen der Zukunft eingerichtet.

Natürlich steht im Wohnzimmer ein grosser Flatscreen. Im Kinderzimmer befindet sich eine Playstation, auf dem Bürotisch steht ein Laptop und auf dem Sofa liegt ein iPad. Auf all diesen Geräten kann man eine breite Auswahl an aktuellen Blockbustern und angesagten Serien sehen. Das Fernsehen ist überall. Und was darauf läuft, bestimmen nicht die Programmchefs der Sender, sondern wir selber. Der Dienst, der das möglich macht, heisst Netflix. Ihn gibt es seit gestern in der Schweiz.

Für eine monatliche Gebühr (ab Fr. 11.90) kann man so viele Inhalte konsumieren, wie man möchte. Die viel gelobte Serie «House of Cards» zum Beispiel, die Netflix selber produziert hat. «Fargo» von den Coen-Brüdern, «Breaking Bad» natürlich, aber auch deutsche Produktionen wie «Der Tatortreiniger» oder Kinderfilme wie «Finding Nemo». Netflix will ein Angebot für die ganze Familie sein. Mit einem Abonnement lassen sich bis zu fünf Profile einrichten – für jedes Familienmitglied eines. Dabei merkt sich der Dienst die Präferenzen jedes Nutzers und schlägt ihm aufgrund dieser weitere Filme und Serien vor. Bei Profilen für Kinder werden selbstverständlich nur altersgerechte Inhalte angezeigt.

Die Fernsehschweiz ist anders

Die Amerikaner lieben Netflix. Sie nutzen den Dienst so intensiv, dass das Streaming zu Spitzenzeiten für 30 Prozent des gesamten Datenverkehrs im Netz verantwortlich ist. Innerhalb von sieben Jahren hat es Netflix geschafft, in jedem dritten Haushalt präsent zu sein. Das will Netflix auch in der Schweiz schaffen. «Ich bin überzeugt, dass wir in fünf bis zehn Jahren jeden dritten Haushalt des Landes erreichen können», sagt Reed Hastings, CEO von Netflix.

Auf die Revolution des Fernsehens hat auch die Schweiz gewartet, ist Netflix überzeugt. Doch ist das wirklich so? Immerhin geniesst die Schweiz in Europa ein Inseldasein – auch fernsehtechnisch. Internet-affine Leute downloaden und streamen Serien und Filme über Portale wie Kkiste gratis. Das «normale» TV-Publikum hingegen dürfte mit dem hiesigen Angebot gar nicht so unzufrieden sein.

Dank den zahlreichen gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sendern, aus dem In- und Ausland lassen sich Blockbuster hier fast ohne Werbeunterbrechungen sehen. Ausserdem bieten Cablecom, Swisscom und Web-TV-Anbieter eine Replay-Funktion an. So lässt sich zeitversetzt fernsehen und das gesamte Programm der letzten sieben Tage ansehen – das sind rund 10 000 Sendungen. Ted Sarandos, der bei Netflix für die Inhalte verantwortlich ist, hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig: «Mit der Replay-Funktion macht man eine schlechte Sache bloss etwas weniger schlecht», sagt er. Netflix hingegen sei die Zukunft.

Das Angebot ist bei Serien gross, wenn auch nicht ganz so umfassend, wie sich das manch einer gewünscht hat. Bei Film-Blockbustern sieht es aber eher dürftig aus. Von den zehn Filmen, die in der Schweiz am meisten Besucher in die Kinos gelockt haben, findet man bei Netflix nur einen – «Finding Nemo». Auf dem Gratis-Portal Kkiste hingegen alle. Anders als Netflix bezahlen Kkiste und andere ähnliche Portale keine Lizenzgebühren an die Produktionsfirmen, sie dürften also die Inhalte gar nicht anbieten. Doch da in der Schweiz der Download zum Eigengebrauch legal ist, machen sich die Nutzer dieser Piraterie-Portale hierzulande nicht strafbar.

«Wir müssen einfach besser sein»

Netflix’ grösster Konkurrent ist nicht ein Mitbewerber wie die Cablecom mit ihrem Service MyPrime oder die Swisscom, die noch dieses Jahr einen ähnlichen Dienst lancieren will. Es ist die Piraterie. Denn das Angebot an Gratis-Piraterie-Produkten wird – ohne krasse gesetzliche Änderungen – immer grösser sein als jenes von Netflix. Denn es ist immer einfacher, einen Film oder eine Serie einfach so ins Netz zu stellen, als dafür erst die Rechte zu erwerben. Reed Hastings beklagt sich nicht über die rechtliche Situation, das tun andere in der Musik- und der Filmbranche zur Genüge. Er will mit Qualität überzeugen: «Wir müssen einfach einen viel besseren Service anbieten als die Piraterie-Portale. Dann sind die Leute auch bereit, dafür zu bezahlen.»

Die Nutzung von Netflix soll so einfach sein wie TV schauen. Und das ist es wirklich. Wer auf eine Serie klickt, kann die gewünschte Episode anwählen und sofort gehts los. Während dann das Video läuft, lässt sich die Tonspur einstellen (englisches Original, Deutsch oder Französisch?) und wenn gewünscht Untertitel hinzuschalten. Einen Film, den man im Zug auf dem iPad begonnen hat, kann man zu Hause an exakt der gleichen Stelle auf dem Fernseher weiterschauen.

Ja, so sieht die Zukunft des Fernsehens aus – zumindest hinsichtlich der Handhabung. Doch punkto Inhalte muss Netflix in der Schweiz noch zulegen, um den grössten Konkurrenten abzuhängen: die Piraterie-Portale.